Kann man eine Serie konzipieren ( Klicken Sie hier , um zur Startseite des ZEIT-Bildungskanons zu kommen), die alles umfasst, was man heute wissen muss? Schon die ersten Gespräche mit Bildungsexperten und Wissenschaftlern zeigten die Unmöglichkeit des Unterfangens: 50 Folgen – zu wenig. Zwei Zeitungsseiten für jeweils ein Thema – viel zu wenig. Setzt sich eine Zeitung aber trotzdem in den Kopf, einen zeitgenössischen Bildungskanon zu gestalten, woraus soll er bestehen?

Grammatik und Rhetorik, Dialektik und Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie waren nach römischer Vorstellung die Studienfächer (die Sieben freien Künste), die einen freien Mann zu einem gebildeten machten. Die historischen Kanonvorbilder bedürfen offensichtlich einer Ergänzung, will man der heutigen Vielfalt der wissenschaftlich und gesellschaftlich relevanten Themen gerecht werden.

Wir studierten die Fachgebietseinteilung der amerikanischen Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt. Wir lasen im Brockhaus, wir blätterten bei Dietrich Schwanitz (Bildung – Alles, was man wissen muss) und Ernst Peter Fischer (Die andere Bildung – Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte). Wir sahen uns an, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Disziplinen einteilt, an die sie ihre Millionen Euro Fördermittel vergibt. Wir dachten an die gängigen Schulfächer,ließen uns von der Struktur universitärer Lehrstühle inspirieren.

Sollten wir den Lesern 300 Teile zumuten? Undenkbar. Ein Jahr lang das komplette Wissen-Ressort als Enzyklopädie? Wo blieben dann die Aktualität (der neuste Hominidenschädel, der jüngste Klon), die Forschungspolitik (Elite-Universitäten), die Nobelpreise, das Klima?

Dann kamen zwei Gedanken zusammen. Hans Schuh hatte die Idee skizziert, über Spitzbergen zu schreiben. Die Inselgruppe in der Arktis ist einer der am weitesten gereisten Flecken des Planeten. Im Lauf der Kontinentaldrift ist er vom Südpol fast bis zum Nordpol gewandert. Das Thema Spitzbergen verknüpften wir mit dem Kanongedanken: Warum sollte Schuh nicht von diesem mit geologischer Geschwindigkeit über den Planeten wandernden Punkt aus die Erdgeschichte erklären – Gebirgsentstehung, Vulkanausbrüche, Sedimentation und Fossiliensuche inklusive?

Von wo aus, fragten wir dann Literatur-Chef Ulrich Greiner, würde er über Literatur schreiben? Seine Antwort: aus den wohlgehüteten Archiven von Marbach. Dann sprudelten die Ideen. Feuilleton-Redakteur Peter Kümmel aus Stratford-upon-Avon über Theater, Wissen-Redakteur Ulrich Bahnsen aus den Bostoner Biotechschmieden über Moleküle, Russlandkorrespondent Johannes Voswinkel aus dem Moskauer Café Lux über Kommunismus.

Wir beschlossen: 50 Spielplätze sollen den Rahmen bilden, sie sind Orte der Inspiration und Kontemplation, an denen die wichtigsten Ideen, Konzepte und Erkenntnisse eines Feldes entwickelt werden können. Das Resultat soll erlebtes und lebendiges Wissen sein. Dazu ein Kasten mit den wichtigsten Begriffen oder Daten, ein Interview mit einem prominenten Vertreter einer Disziplin – zum Beispiel darüber, was er weiß, ohne es beweisen zu können.