Jazz Seine zwölf Gebote
Das Publikum musste sich die Erlösung erarbeiten: Eindrücke von Keith Jarretts epochalem Frankfurter Konzert.
In der Geschichte ihrer Verwerfungen ist es der Menschheit immer gelungen, sich unter kluge Systeme und helle Sterne zu stellen, die ihr aus der Misere heimleuchten. Dazu zählt besonders die Ordnungszahl Zwölf. Denn siehe: zwölf Monate, zwölf Tierkreiszeichen, zwölf Apostel, zwölf Geschworene, zwölf Stämme Israels, die Zwölftonmusik, der Zwölffingerdarm. Von nun an denken wir auch an die zwölf Teile des jüngsten Frankfurter Klavierabends von Keith Jarrett.
Seit 15 Jahren hat der amerikanische Jazzpianist kein Solokonzert mehr in Deutschland gegeben, jetzt wurde uns Erlösung zuteil. Sie währte von Part I bis Part XII. Wir durften sie nicht bloß hören, wir mussten sie uns erarbeiten. Einige von uns hatten anfangs gewagt zu hüsteln, was Ermahnungen des Meisters nach sich zog. Eine traurige Gestalt in der Alten Oper platzierte dann einen Huster unbeabsichtigt in eine Generalpause, weshalb Part V Fragment blieb, denn Jarrett war sehr ungehalten und ging entnervt hinaus. Wir hätten uns konzentrieren müssen, belehrte uns Jarrett nach seiner Rückkehr, und vermutlich sogar die Atmung einstellen sollen. Am besten finden Jarrett-Konzerte wohl unter Wasser statt. Den Sauerstoff spendete dann einzig das Klavier.
Für viele Jazzfans sind Solokonzerte mit dem widerspenstigen Künstler tatsächlich lebensnotwendig. Sie reisen ihm hinterher und nehmen Entbehrungen auf sich, um die rare Magie mitzuerleben, mit welcher Jarrett einen Saal in wenigen Sekunden in einen Anbetungsort verwandelt. Sie wollen aus bloßen Zuhörern zu wieder atemlos lauschenden Jüngern werden. Wenn sie mitgezählt haben, dann durften sie diesmal eine Systematik der Magie erleben. Die zwölf Improvisationen glichen zwölf Studien über Phänomene des Klavierspiels, die mit der fidelen Lässigkeit des Jazz kaum noch etwas zu tun hatten. Ja, Jarrett reihte sich in eine Reihe mit Chopin, Debussy, Liszt oder Ligeti ein. Er wurde enzyklopädisch. Organisierte Belehrung. Kein Vergnügen.
Ohne Zweifel waren Abwechslung und Gestaltungsreichtum reine Nebeneffekte einer Anordnung, die von Parametern der Konstruktion befestigt wurde. In Part VI etwa spielte Jarrett einen Choral, bei dem man den mechanischen Anschlag der Akkorde nicht mehr wahrnahm. Diese Akkorde schienen aus eigenem Antrieb über die Klaviatur zu ziehen, eine Karawane in der Windstille, die Oberstimme führte unmerklich, sechs, sieben Begleitstimmen wanderten schemenhaft mit. Diese Gleichmäßigkeit war pianistische Vexierkunst, die etwas Feierliches besaß. Aus diesem Geist ist Debussys Prélude Danseuses de Delphes entstanden.
Oder in Part II: Da rauschten die beiden Hände einstimmig, in wildem Unisono, über die Tasten, ein Zauberer und Derwisch war Jarrett nun, aber die Ekstase schien sehr genau berechnet, die Arme wischten mitnichten willkürlich über die Tasten, sondern provozierten Taumel mit raffinierter Berechnung. In Part XI faltete er den Klangraum des Flügels in Oktavsprüngen auf, als wolle er ihn vermessen. Notabene, das Intervall der Oktave besteht aus zwölf Halbtönen, so kam das Kleine ins Große und umgekehrt.
In Part VIII lustwandelte Jarrett in einem rituellen Ostinato über eine einzige Tonart, über e-Moll. Sie war in der linken Hand der Planet, den die rechte in Windeseile umkreiste, immer schneller und irrlichternder, um doch stets wie ein berauschter Sisyphos von diesem e-Moll infiziert zu sein. Diese Entfesselungsspiele trugen Jarrett fort in immer einsamere Gebiete der Klang- und Harmonieerforschung, sozusagen bis zum Apogäum, dem erdfernsten Punkt in der Umlaufbahn eines Körpers, an dem Freiheit und Magnetismus spektakulär miteinander ringen. Am Ende berauschte der Pianist uns und seine Hände mit einer denkwürdigen Trillerkette, die man im zeitgenössischen Jazz bislang für ausgeschlossen hielt. Es klang tatsächlich eher nach Liszt.
Ohnedies wirkte der Abend wie eine Exkursion in die Vergangenheit, und das nicht nur, wenn Jarrett wieder unvergleichlich leuchtende Balladen vortrug, in denen sich ein altertümlicher Reiz von Intimität und Klavierromantik einstellte. Jarrett hat genau bei Bartók, Prokofieff, Ravel oder Berg zugehört, dessen Sonate op. 1 er einmal wörtlich zu zitieren schien. In diesen Begehungen ferner musikalischer Räume offenbarte sich – zurück in die Zukunft – der Wille zur Öffnung des Jazz für seine frühen Parallelwelten; die Idee des Vergänglichen ist bei Jarrett einer fragenden Haltung gewichen, die im Moment des Spiels nicht bloß erfindet, sondern gleich komponiert. Diese Gleichzeitigkeit von Fantasie und Fixierung war diesmal atemberaubend.
Wer es mit der nackten Brillanz hielt, wurde glanzvoll bedient durch weitbogige Verläufe, zischende Kurven der rechten Hand, denen Jarrett – so viel zum Thema Sittsamkeit bei Klavierabenden – durch sein erneut unabstellbares Gequieke lästige Obertöne beisteuerte. Trotzdem, diese Läufe waren sensationell, es waren wieder die reifsten und längsten seit Bill Evans, wenn Jarrett sie sauerstoffreich aus dem Dekanter goss und in schöne, dem Publikum sogar zuzwinkernde Abgänge münden ließ.
Obgleich eine gewisse abstrakte Kälte nicht wich, besserte sich seine Laune merklich, zu jedem Applaus faltete Jarrett die Hände, als sei der Jubel ein Amen, das seine Gebete beschloss. Am Ende, nach Vortrag seiner zwölf Gebote, spendierte der Frostige vier Zugaben, unter denen My Song hervorragte: Hier durften die Fans einen Jarrett wiedererkennen, den sie für den echten hielten und gebührend feierten. Was der Satyr in diesem Moment dachte, wollen wir uns lieber nicht ausmalen. Seine Strafen für ungehöriges Denken und Tun sind ebenso unberechenbar wie sein Klavierspiel.
Ob er wohl weiterspielt?
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Wie sieben ZEIT-online-Leser das Konzert empfanden »
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- Datum 24.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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wie gut, daß herr goertz offensichtlich deutlich mehr von musik als von astronomie versteht: im apogäum ringt höchstens die gravitation mit der freiheit - der magnetismus bestimmt nicht.
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