Haushaltsnot Heim ins Nichts

Um Geld zu sparen, wollte die Stadt Halle in Sachsen-Anhalt ihre Jugendheime schließen. Jetzt rudert sie zurück

Klaus Roth ist sich keiner Schuld bewusst. Er unterstützt die Stadt Halle seit zwei Jahren mit seiner gemeinnützigen Beratungsgesellschaft START bei der »sozialräumlichen Umgestaltung der Jugendhilfe«. Er hat mit dem Jugendamt ein Konzept erstellt mit dem Ziel, bei der Heimbetreuung von Kindern und Jugendlichen insgesamt 4 Millionen Euro einzusparen. Er hat der mit 235.000 Einwohnern größten Stadt Sachsen-Anhalts einen »radikalen Schnitt« empfohlen und seine Vorschläge mit Schlagworten wie »pro-aktiv oder »effektiv und effizient« geschmückt.

In Halle jedoch muss man sich fragen, was ein Berater wert ist, der seinen Auftraggeber sehenden Auges in ein Desaster laufen lässt. Von einer »Katastrophe für die betroffenen Kinder« ist unter Experten die Rede. Denn am 3.September hatte Jugendamtsleiter Lothar Rochau in einer internen Dienstanweisung »die Rückführung aller Kinder, Jugendlichen und jungen Volljährigen aus der Heimerziehung zum 30.09.2007« verfügt. Im Klartext: Die Stadt Halle wollte ihre Kinder- und Jugendheime schließen und rund 350 Kinder und Jugendliche in ihre kaputten Familien zurückschicken.

Groß waren die Schlagzeilen und laut die Proteste. Nur Lothar Rochau versteht die ganze Aufregung nicht. Er spricht von einer »unglücklichen Formulierung« und verweist auf einen Nebensatz der Dienstanweisung, in dem von einer »Installierung von geeigneten Hilfen für das Familiensystem und der Sicherung des Kindeswohls« die Rede ist. Doch ganz aus Versehen kann die unglückliche Formulierung dann doch nicht entstanden sein. Schließlich rechnet der Jugendamtsleiter im Anhang vor, dass die Stadt noch in diesem Jahr zwei Millionen Euro »haushaltswirksam« einsparen könne, wenn 90 Prozent der Heimkinder nach Hause zurückkehrten.

Viel Geld bedeutet noch längst nicht viel Kindeswohl

Nachdem sich die Sache herumgesprochen hatte, war plötzlich alles gar nicht so gemeint. »Wir brauchen auch weiterhin moderne Heimerziehung«, versichert Rochau. Nur eben nicht mehr so häufig. Den Familien solle geholfen werden, lange bevor ein Kind ins Heim müsse. »Wir wollen bislang verborgene Potenziale nutzen.« Deshalb sollen sich Schulen und Kitas, Sportvereine und Wohnungsgesellschaften miteinander vernetzen. Einen »Paradigmenwechsel« will Rochau. Das klingt innovativ und ein bisschen so, als seien »Prävention« und »Stadtteilorientierung« eine völlig neue Erfindung. Aber für Klaus Roth von START ist Halle damit sogar ein »Trendsetter«, und er verspricht »20 Prozent Einsparung ohne Qualitätsverlust«.

Da werden die Stadtkämmerer der Republik hellhörig, denn ein Heimplatz kostet rund 40.000 Euro im Jahr. In Halle gilt Magdeburg als Vorbild. Die Landeshauptstadt ist ähnlich groß, hat vergleichbare soziale Probleme, gibt aber statt 20 nur 13,5 Millionen Euro für die Hilfen zur Erziehung aus. Auch im Vergleich mit anderen Städten ähnlicher Größe liegt Halle mit 65,7 Heimkindern je 10.000 minderjährige Einwohner etwa 20 Prozent über dem Durchschnitt. Die Frage, wie viele Heimplätze für eine Stadt wie Halle nötig sind, lässt sich allerdings nicht so einfach beantworten. Viel Geld bedeutet längst noch nicht viel Kindeswohl – und umgekehrt. Viele Kommunen versuchen derzeit, die Kosten zu drücken, Heimplätze abzubauen, die Jugendhilfe neu zu organisieren, irgendwie. »Es gibt derzeit relativ viel Chaos im System«, sagt Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut, »aber es gibt wenig gesichertes Wissen über die Wirkung ambulanter oder stationärer Hilfen«.

Dem Hallenser Jugendamtsleiter ist das Chaos offenbar über den Kopf gewachsen. Der »Paradigmenwechsel« stößt auf Widerstände, die Vernetzung der lokalen Akteure funktioniert noch nicht. Die Ausgaben sind nicht gesunken, sondern gestiegen. Andere Städten haben Jahre gebraucht, um ihre Erziehungshilfe umzubauen. Sie haben zunächst investiert, bevor Einsparungen möglich wurden. In Halle wollte man angesichts einer Haushaltsnotlage beides gleichzeitig. Das ging schief, und Lothar Rochau wusste sich nicht mehr anders als mit der Dienstanweisung zu helfen.

Rechtlich ist diese fragwürdig und praktisch gar nicht umsetzbar. So wurde denn bislang auch kein einziges Kind aufgrund von Rochaus Anweisung aus dem Heim entlassen. Aber möglicherweise hatte sie von Anfang an ein ganz anders Ziel. Klaus Roth von START will sie als »Signal« verstehen, das der Heimlobby klarmache, »wir meinen es ernst«. Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) spricht freimütig über »etwas Druck«, der so gegenüber den Mitarbeitern der Heime und Wohngruppen aufgebaut worden sei. Das Kindeswohl stehe im Vordergrund, versichert sie, »aber einmal Heim heißt nicht immer Heim«.

Der Druck zeigt Wirkung. Voraussichtlich 45 bisherige Heimkinder sollen vom kommenden Jahr an in den Familien ambulant betreut werden. Doch die Hauruckaktion hat viel Unruhe ausgelöst. Mitarbeiter des Jugendamtes wehren sich in internen Protestbriefen dagegen, dass ihre bisherige fachliche Arbeit disqualifiziert werde. Die Heimbetreiber bangen um ihre Einnahmen. »Ich habe nichts gegen Prävention«, versichert Steffen Kröner von der Arbeiterwohlfahrt, aber keine noch so gute Vorbeugung könne Heime ersetzen. Die etablierten Anbieter befürchten sogar, sie könnten aus dem Geschäft verdrängt werden.

»Heimbetreuung ist nun mal ein knallhartes Geschäft«

Von Klaus Roth. Dieser leitet nicht nur die START GmbH, sondern auch einen Jugendhilfeträger, der Kinderheime und Wohngruppen betreibt. In Halle ist er zudem Geschäftsführer der Jugendwerkstatt »Frohe Zukunft«, die Kindertagesstätten, ein Jugendbegegnungszentrum und ein Straßenkinderprojekt unterhält. Er ist also in der Stadt, die er berät, in der Prävention tätig. In jenem Bereich, der durch sein Pro-aktiv-Konzept gestärkt werden soll. Roth bestreitet jeden Interessenkonflikt. Auch Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados sieht diese Gefahr nicht. Sie vertraut ihrem Berater, »der weiß wenigstens, wovon er redet«. Die Jugendhilfeträger hätten auch Interessen, sagt sie, Heimbetreuung sei nun mal ein »knallhartes Geschäft«. Die Frage ist, wo das Kindeswohl bleibt.

 
Leser-Kommentare
  1. Zum Thema Heimerziehung habe ich im Mai 2006 das Buch "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes" veröffentlicht, das bei Books on Demand GmbH, Norderstedt (ISBN 3-8334-4780-X), erschienen ist.  In einem Kapitel geht es beispielsweise um Heimkinder, die in den fünfziger und sechziger Jahren – bis Anfang der siebziger Jahre – insbesondere in christlichen Heimen schwer misshandelt wurden (so beispielsweise im Eschweiler Kinderheim St. Josef und Kinderheim St. Hedwig in Lippstadt). Im Fall St. Hedwig liegen mir zwei eidesstattliche Erklärungen von Betroffenen vor, die versichern, von der damaligen Kinderärztin mittels Injektionen im Genital – und Blasenbereich misshandelt worden zu sein.
     
    Es waren insbesondere Nonnen – nicht alle –, die, wie zahlreiche Betroffenenberichte in diesem Buch aufzeigen, im Namen Gottes Heimkinder prügelten, malträtierten, quälten, erniedrigten und entwürdigten, um ihnen Disziplin, Gehorsam, Fleiß, Sauberkeit, Unterordnung und den Glauben an ihren Gott aufzuzwingen. Die „Bräute Jesu Christi“ gehörten Schwestern-Orden an wie beispielsweise der „Ordensgemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ in Dernbach, dem „Orden der Hedwigschwestern“ in Berlin und dem „Paderborner Vincentinerinnen-Orden“.
     
    Nicht nur in früheren Jahrzehnten wurden Heimkinder gequält, sexuell missbraucht und gedemütigt. Ich beschreibe auch zahlreiche Fälle aus den 90er Jahren – beispielsweise schwere Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Freiheitsberaubung im St. Joseph-Haus in Seligenstadt (1992), St. Josef-Stift in Eisingen bei Würzburg (1995), Don Bosco-Internat in Bendorf bei Neuwied (1995) und St. Kilian in Walldürn bei Mosbach (1995). Und ich beschreibe einen Fall aus Anfang 2001 (Außenwohngruppe des Vereins Lebensgemeinschaft Meineringhausen in Frankenberg – nähe Marburg) und einen weiteren Fall aus Anfang 2006 (Kinderheim Martinshof in Wachtberg bei Bonn).
     
    Im Buch enthalten ist auch ein Interview, das ich mit einer Nonne vom „Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ geführt habe. Die Nonne berichtet ganz offen und ehrlich, wie „im Namen Jesu Christi“ Kinder in einem katholischen Heim, in dem sie arbeitete, körperlich und seelisch gequält, gedemütigt, bestraft wurden. Mit dem Straf- und Unterdrückungsinstrument „Gott“, so die Nonne, wurde den Kindern Gehorsam, Willigkeit, Anpassung und Unterwerfung abverlangt. Sie selbst bekennt sich dazu, Kinder auf das Schwerste misshandelt zu haben.
     
    Alexander Markus Homes

  2. denke ich auch, dass eine kasernierte Heim-Unterbringung für die Kinder die schlechteste Wahl und für den Staat die "teuerste" Variante ist. Insbesondere die "Wohlfahrtsindustrie" hat natürlich ein Interesse daran, ihre Produkte, wie Heime möglichst langfristig und gleichzeitig intransparent bezüglich der eigentlichen Wirkungen anbieten zu können. Aber auch das Zurückschicken ins Elend der kaputten Herkunftsfamilien bringt einem Kind meist nichts. Mich wundert es, warum nicht gezielt im ganzen Bundesgebiet nach Pflegefamilien für die Kinder gesucht wird. Eine regelmäßige (aber nicht 24-Stunden)-Betreuung durch Psychologen und Sozialarbeiter der Kinder in sorgfältig ausgewählten Pflegefamilien wäre für alle Beteiligten (Stichwort: unbeschwertes Leben mit festen Bezugspersonen) m.E. das beste. Und wenn die Kinder größer werden, wäre beispielsweise eine betreute WG in einem Mehrgenerationenhaus sehr sinnvoll (Stichwort: weitgehend selbstbestimmtes Leben). In der Schule und bei der Berufswahl hätten es diese Kinder garantiert leichter, weil Ihnen nicht mehr das Stigma "Heimkind" anhaften würde.Mich wundert es, dass die Stadt Halle diese Option offensichtlich nicht geprüft hat.

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  • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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