Lebenszeichen Psychohilfe für Sendeanstalten

Unser Kolumnist erwartet vom Fernsehen nicht mehr, als es geben kann. Und räumt ein, dass er als Talkgast ein Albtraum ist

Eine Person, die ich, falls die Kolumne mit „i“ anfangen dürfte, „ich“ nennen würde, durfte ein Interview im Fernsehen geben. Die Moderatorin sagte: „Sie wollten ursprünglich Psychologie studieren.“ Ich antwortete: „Nicht dass ich wüsste.“ Die Moderatorin guckte irritiert. „Ja, aber… Sie wollten doch Psychologe werden!“ Ich sagte: „Nö, echt, das muss jemand anderes sein.“ Die Moderatorin hat sich nach dem Interview sehr knapp verabschiedet. Tage später ist mir eingefallen, dass ich in dem Buch, über das wir redeten, ja geschrieben hatte, dass ich Psychologe werden wollte, das war mir während des Interviews nur entfallen gewesen, das heißt, die Moderatorin war perfekt vorbereitet, und ich bin für sie ein Albtraum aus der Hölle gewesen. Ob ich wirklich Psychologie studieren wollte, weiß ich gar nicht mehr.

Mein Lieblingssender ist Eurosport, wo sie nachts stundenlang alte Kickboxkämpfe wiederholen. Meistens gewinnt ein 2,20 Meter großer Koreaner. Außerdem betrachte ich Quizsendungen und gelegentlich eine Talkshow, am liebsten alte Wiederholungen, bei denen die Moderatoren Schlaghosen tragen und die Hälfte der Gäste heute nicht mehr lebt. Ich erwarte vom Fernsehen nicht mehr, als es geben kann.

Das Interessante am deutschen Fernsehen besteht in der Tatsache, dass fast alle Fernsehmenschen das Fernsehen nicht mögen. Man hört so gut wie nie von einem Autor oder Verleger den Satz: „Die Literatur von heute ist einfach nur scheiße.“ Von Fernsehmenschen hört man vergleichbare Sätze durchaus. Wenn man einen Regisseur oder Produzenten fragt, sagt er: „Wir hätten schon gute Ideen. Aber der Sender will nicht.“ Wenn ich dem Sender zum Beispiel den Johnny-Cash-Oscar-Sieger-Film Walk the Line angeboten hätte, dann hätte der Programmdirektor gesagt, sorry, so was geht nicht, der Film über das Leben von Roy Black hatte auch schon schlechte Einschaltquoten. Wenn ich dem Sender den Film Vom Winde verweht angeboten hätte, dann hätte der Programmdirektor gesagt, sorry, das geht nur, wenn Veronica Ferres die Hauptrolle spielt. Wenn ich aber dem Sender den Film Harry Potter und der Orden des Phoenix angeboten hätte, dann hätte der Programmdirektor gesagt, Filme mit Jugendlichen, die auf Besen reiten, sind schwierig zu besetzen, und sie beschreiben unsere soziale Wirklichkeit nicht genau genug.

Trifft man aber zufällig einen Menschen, der in einem Sender über Macht verfügt, so sagt dieser: „Wie gerne würde ich mal anderes ins Programm nehmen, was Originelles sozusagen, aber es fällt ja keinem was ein.“ Ein Regisseur hat mir gesagt, dass sie bei ARD und ZDF immer darüber klagen, dass ihr Publikum so alt sei wie die Schildkröten auf Galápagos. Sie würden irgendwie die Jugend nicht erreichen. Wenn man aber mit etwas komme, was noch nicht gesendet worden sei, also etwas Neuem, dann würde man das Argument hören: „Unser Publikum ist alt und schwach, es hat seine Gewohnheiten und kriegt einen Schlaganfall, wenn jemand anderes als Veronica Ferres die Hauptrolle spielt.“ Sonderbarerweise scheint das amerikanische Publikum künstlerisch anspruchsvoller zu sein, aus Amerika kommen angeblich gute Serien wie die Sopranos oder 24 .

Aber ich sehe das nicht. Die meisten Fernsehleute sehen auch selten fern, sie finden das Fernsehen zu schlecht und verbieten es ihren Kindern. Meiner Ansicht nach könnte man das deutsche Fernsehen dadurch verbessern, dass man Psychoanalytiker in die Sendeanstalten schickt.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Das Beste, was seit langem mal wieder im Fernsehen lief war " The Inspector Lynley mysteries". Fantastische Kameraführung, realistisch wirkende Dialoge ( noch besser: im Original anschauen ) und einen verdammt attraktiven Hauptdarsteller. Nach diesen Zugaben suche ich bei den deutschen Filmen ( wircklich haarstreubend sind diese superunrealistischen amerikanischen Filme, in denen meist Barbiemutanten miteinander kommunizieren. ).Das Gegenstück zu Veronika Ferres heißt übrigens Erol Sander. ( P.S. Unbedingt Inspector Lynley DVDs kaufen.)
    Viele Grüße aus Schleswig Holstein

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  • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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