Gentechnik-Streit Minderwertige Natur?
Für die Ablehnung der grünen Gentechnik gibt es gute Argumente. Wer die Gentechnik richtig einschätzen will, muss ganzheitlich denken können. Eine Antwort auf Andreas Sentker
Mit dem diesjährigen Medizinnobelpreis werden drei Forscher für die Einführung spezifischer Genveränderungen bei Mäusen geehrt. Ihre Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Grundlagenforschung. Doch spätestens seit der Atombombe wissen wir, dass Ergebnisse der Grundlagenforschung nicht nur für gute, sondern auch für unmoralische Zwecke eingesetzt werden können. Wenn man daher den Wert unserer wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften bemessen will, muss man über den naturwissenschaftlichen Tellerrand hinausblicken und gesellschaftliche und politische Aspekte in die Analyse einbeziehen.
So haben wir den Alternativen Nobelpreis unter anderem schon an den amerikanischen Physiker und Effizienzpapst Amory Lovins vergeben, an die äthiopischen Entwickler eines Heilmittels gegen Bilharziose, an den australischen Physiker und Solarzellenentwickler Martin Green oder an die dänische Ärztin Inge Genefke, die ein Diagnoseverfahren für Folter entwickelt hat.
Bei der diesjährigen Preisvergabe haben wir eine solche ganzheitliche Betrachtung auf die Gentechnik angewendet und die kanadischen Bauern Percy und Louise Schmeiser ausgezeichnet: Gegen ihren Willen waren Monsanto-Gene – wohl durch Pollenflug – auf dem Acker gelandet. Trotzdem verklagte der Konzern sie wegen Patentverletzung auf 400.000 kanadische Dollar. Diese Behandlung ist bei Weitem kein Einzelfall, aber die Schmeisers waren die Ersten, die protestierten – und so den Fall bis vor Kanadas obersten Gerichtshof brachten.
Betrachtet man die Gentechnik unter gesellschaftspolitischen Aspekten, dann werden drei Dinge deutlich:
1. Der Hunger auf der Welt ist ein Gerechtigkeits- und Demokratieproblem. Er ist nicht ein Problem des mangelhaften genetischen Bauplans unserer Agrarpflanzen, wie uns einige Saatgutfirmen glauben machen möchten.
2. Bisher ist kein Einsatz von grüner Gentechnik erkennbar, bei dem der Nutzen die ökologischen, ökonomischen und gesundheitlichen Risiken überwiegt. In der Realität wird sie von den Agrarmultis vor allem dafür eingesetzt, der Natur neue Vermarktungsmöglichkeiten für ihre Produkte abzutrotzen – durch den Einsatz von Terminatorgenen, die eine Aussaat im Folgejahr unmöglich machen, oder durch Patente auf manipulierte Gene, mit denen sich Besitzansprüche durchsetzen lassen.
3. Die Einführung genveränderter Organismen in unser Ökosystem ist irreversibel. Die Erfahrung zeigt, dass kein Sicherheitsabstand die Ausbreitung des manipulierten Erbguts auf Dauer verhindern kann. Wir sollten daher sehr genau wissen, was wir da tun, und wir sollten es jetzt diskutieren.
Für die Ablehnung der grünen Gentechnik gibt es also durchaus gute Argumente, die sich sicher nicht als Ideologie abtun lassen. Ebenso wohlbegründet ist die von Andreas Sentker kritisierte »Haltung«, bei der Bewertung von grüner und medizinischer Gentechnik einen Unterschied zu machen . Denn die medizinische Gentechnik soll vor allem dazu dienen, krankhafte Abweichungen im Erbgut erkennen, verstehen und im besten Falle heilen zu können. Die grüne Gentechnik aber geht davon aus, dass auch die normalen Baupläne der Natur minderwertig und daher durch den Menschen zu verbessern seien. Solche Hybris hat in der Wissenschaftsgeschichte häufig zu Nebenwirkungen und Fehlentwicklungen geführt. Inzwischen sollten wir klüger sein.
Ole von Uexküll ist Executive Director der Stockholmer Right Livelihood Award Foundation, die die Alternativen Nobelpreise vergibt
- Datum 29.10.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
- Kommentare 14
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aber ich denke Sie schreiben hier Unsinn. Es gibt in der Natur weder normale noch unnormale Baupläne. Diese Baupläne sind durch Mutationen ständigen Veränderungen unterworfen. Diese Mutationen sind die Triebkraft jedweder Veränderung. Ich halte es für sinnvoller, diese Veränderungen gezielt herbeizuführen als durch die Schrotschussmethode der radioaktiven Bestrahlung von Saatgut. Und eine Sache oder Entwicklung wird nicht dadurch schlecht, daß eine Firma damit Gewinn erzielt. Und was bitte meinen Sie mit "über den naturwissenschaftlichen Tellerrand hinausblicken"? Es wäre zu schön, wenn diejenigen die glauben, über diesen Tellerand hinausblicken zu können auch nur rudimentäre Kenntnisse davon hätten was sich auf dem Teller abspielt.
Da wo der Mensch eingreift verliert er seine Ganzheit. Das war schon immer so. Es gab und gibt kein zurück. Das menschliche Hirn ist rastlos.Es fließt und fließt. Doch zum Trost, neben dem Übel gibt es auch das Gute im Neuen. - Also auch in der Gentechnik! Es hängt immer vom Menschen ab was er damit macht. Eine Ethik und ordnende Hand ist zwingend erforderlich.
Ergibt sich aus ihrer These, daß medizinische Gentechnik erlaubt sei, daß der menschliche natürliche "Bauplan" im Gegensatz zu dem der Nutzpflanzen unzureichend ist?
bierus erwähnte es bereits, mit "natürlichen" Methoden gezüchtete Kulturpflanzen haben absolut nichts mit ihren natürlichen Verwandten mehr zu tun. Das Genom dieser Pflanzen wurde durch massive Bestrahlung (Röntgen oder sogar radioaktive Strahlung), Kreuzung und Selektion bis zur Unkenntlichkeit verändert. Da strahlungsinduzierte Mutationen zufällig entstehen, haben wir kaum Kontrolle darüber, was sich da eigentlich verändert hat. Man braucht große Resourcen um aus der Vielzahl der Mutanten die richtige herauszufinden, also wieder etwas, was nur die großen Konzerne bewerkstelligen können. Gentechnik ist wie die konventionelle Züchtung eine Methode, das Erbgut zu verändern, mit deutlich weniger unbekannten Nebeneffekten, es ist scheinheilig, zwischen zufälliger und gezielter Mutagenese einen Unterschied zu machen.
Ich kann mit nicht helfen, aber Firmen wie Monsanto machen mich zornig. Wie dreist kann eine Firma sein, und das Eigentum auf eine ganze Pflanze oder ein ganzes Tier fordern, nur weil sie ein winziges Gen darin geaendert haben. Ploetzlich gehoert zum Beispiel die Tomate (oder das Schwein) nicht der ganzen Menschheit (und jeder darf es anbauen/zuechten) sondern dieser einen Firma, weil diese ein Patent hat. Das ist zutiefst unethisch, finde ich.
Des weiteren ist die gentechnische Veraenderung selbst nicht das Problem sondern die massenhafte Verbreitung dieser einen Gen-Veraenderung und damit die Verdraengung der natuerlichen Mutationen. Gerade die Mutation ist aber Grundvoraussetzung zum Ueberleben jeder Art. Darum prohezeie ich, dass diese Gentechnikfirmen nicht das Problem des Hungers in der 3.Welt loesen (das ja auch ganz andere Ursachen hat), sondern im Gegenteil fuer den Hunger in der Zukunft entscheidend verantwortlich sein werden (meine Meinung), dann naemlich, wenn die gezielte Genveraenderung einer Art ploetzlich kein Ueberlebensmerkmal ist, sondern ein Nachteil im Kampf ums Ueberleben. Weil die Gen-Firmen vermutlich auch dafuer sorgen, dass moeglicht alle natuerlichen Mutationen verschwinden (weil diese kein Geld bringen), fuerchte ich um das Ueberleben jeder Art, in der diese Firmen ihre Finger gentechnisch drin haben. Ich finde das wirklich gefaehrlich.
Was man aber keinesfalls aus den Augen verlieren darf, die Natur "testet" die Ergebnisse der Züchtung auch ausführlich. Und dies entgegen vielen Konzernen auch automatisch auf Wechselwirkungen zu ihrem Umfeld. - Einfach ausgedrückt - Vertragen Bienen in der Natur die Veränderung einer Pflanze nicht, wird sich diese Pflanze auch nicht durchsetzen. Ist diese Pflanze aber großflächich ausgebracht, sind auch großflächich die Folgen sofort spürbar. Es ist daher im Bereich der Gentechnik Augenmaß gefragt. Dieses kann ich zur Zeit jedoch nicht erkennen. Ich erkenne in den Hauptpunkten der öffentlichen Diskussion fast nur die zwei Seiten Geldgier und ideologische Scheuklappen.
Leider findet sich auch hier wieder überwiegend das gegen Gentechnik angeführte metaphysische Gebrabbel von unvorhersagbaren Folgen für das ökologische Gleichgewicht oder die Gesundheit. Wie schon von Bierus schön dargestellt zeugt dies meist vom Blick allein um den Teller herum statt mitten drauf. Wirklicher Hexenmeister ist der, der Schrotschußmutationen der herkömmlichen Züchtung riskiert statt gezielt zu manipulieren. Wenn es ein Argument gegen Gentechnik gibt, dann ist es die grundsätzliche Frage, ob sich es ethisch zu rechtfertigen ist, dass der Mensch das Erbgut von Lebewesen verändert. Diese Frage wäre dann aber auch weitestgehend frei von einer abwägenden Begutachtung von Vor- und Nachteilen und sollte besonders bei Manipulation am menschlichen Erbgut, also der roten Gentechnik, ein absolutes und nicht durch mögliche Vorteile relativierbares Kontra ergeben. Statt dessen werden die ewig falschen Argumente angeführt: 1.)Der Einsatz steriler Hybride ist kein zwangsläufiger Effekt der Gentechnik - steriles Saatgut verringert die immer wieder kritisierte Vektoreigenschaft von GV-Saatgut ist aber auch Vermarktungsinstrument. Für vermehrungsfähiges GV_Saatgut (was dann allerdings auch nicht von Monsanto ist) trifft diese Kritik nicht zu und ist somit allenfalls eine (berechtigte) Kritik am Geschäftsmodell "grüne Gentechnik", wie es beispielsweise von Monsanto betrieben wird.2.) GV Saatgut bringt zwar häufig nur wirtschaftliche Vorteile, gerade im Hinblick auf Schädlingsresistenz und Pflanzenschutzmittelvermeidung, Urbarmachung eigentlich ungeeigneter Böden etc. ist aber durchaus ein gewaltiges objektiv nutzbringendes Potential enthalten, das immer gerne verschwiegen wird. Weiterer v.a. gesundheitlicher Nutzen ist beispielsweise beim golden rice kaum zu bestreiten (der übrigens patentfrei und unsteril gemacht wurde um eine kostenfreie Verbreitung in der 3. Welt zu erreichen). Was passiert, wenn ideologisch verblendete NGOs (auch ein Geschäftsmodell übrigens) nur um den Teller herumblicken statt auch darauf ist gerade in der Greenpeace Kampagne gegen golden rice überdeutlich erkennbar. Es werden gezielt und beweisbar falsche Informationen gestreut um damit Stimmung zu machen. So etwas ist im Hinblick auf die Ernsthaftigkeit des Themas (jedes fünfte Kind weltweit leidet unter den Folgen von Vitamin A Mangel, es gibt jährlich ca. 1 Mio Tote (lt.WHO) menschenverachtend! Eine tolle Darstellung zur bzw. gegen das Vorgehen von Greenpeace findet sich bei der Konkurenz (homepage die Welt: suche nach anti reis kampagne: Artikel vom 4.5.2005) oder link (falls er überlebt):http://www.welt.de/print-...Etwas mehr Nüchternheit, echte Argumente und die richtigen Gegner täten der Debatte sehr gut!
Das meist unterbewußt empfundene Unbehagen vieler Menschen mit der Gentechnik begründet sich darin, dass zukünftig die evolutionäre Reise der Natur durch den Menschen mitbestimmt wird. Sie verkörpert einen neuen Freiheitsgrad des menschlichen Handelns und birgt somit Risiken (Fehlentscheidungen) und Chancen (richtige Entscheidungen). Es ist menschlich neue Risiken mit Sorgen zu koppeln, man darf dabei aber nicht vergessen sich über neue Chancen zu freuen.
Warum sollte der Mensch die Gentechnik gebrauchen?
A) Gentechnik stellt ein neues Instrument dar, mit dem der Mensch durch die Manipulation der Umwelt seine Überlebenschancen auf diesem Planeten verbessern kann. Dieses Instrument darf sich hierbei natürlich in unserer geregelten, evolutionären Marktwirtschaft entfalten (inkl. Patentrecht und Profitstreben).
B) Worin besteht das Ziel den menschlichen Code zu überarbeiten? Analog zu A darin ihn überlebensfähiger zu machen (Prävention genetisch bedingter Krankheiten).
Punkt B ruft meist sehr viel emotional überladene Metaphysik auf den Plan, sehr viel seltener begründete Kritik.
Ohne dass wir es verhindern koennen, versuchen die Gentechnik Firmenihre gentechnisch veraenderten Pflanzen und Tiere auf unsere Teller zu bringen (um das Bild vom Teller mal wieder auzugreifen). So bekommen Nutztiere wie Kuehe und Schweine bereits gentechnisch veraendertes Mais zu fressen. Von neuen Freiheitsgraden kann ich da nichts feststellen.Ganz im Gegenteil wird mit der Gentechnik versucht die Nahrungsmittelproduktion mit Patenten zu monopolisieren, und das womoeglich auf Kosten unserer Gesundheit (jedenfalls sind Langzeitstudien noch nicht erstellt). Wer die Gentechnik so toll findet, kann ja diese Produkte essen. Ich will es nicht und ich moechte das diese Nahrungsmittel in ganz Europa einheitlich gekennzeichnet sind, so dass ich ganz bewusst diese Produkte vermeiden kann. Ich moechte kein Versuchkaninchen sein fuer Monsanto und Konsorten.
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