Avantgarde Wispern, knispern, knurpseln
Verzweifelt suchen die Komponisten bei den Donaueschinger Musiktagen nach dem Neuen in der Musik. Und manchmal finden sie es sogar
Was macht der junge Komponist von heute eigentlich, wenn er sich zum Arbeiten an seinen Schreibtisch zurückzieht? Er sitzt stumm vor dem schwarzen Bildschirm seines Computers – und es fällt ihm nichts ein. Er drückt die Leertaste. Das Klacken hallt ihm in den Ohren. Ist das nicht schon Musik? Er produziert mehr Tastatur-Klackgeräusche und beginnt, ihnen rhythmische Formen zu geben. Er stellt sich gleich drei Tastendrücker vor, die ihre Finger über die Plastikknöpfe rattern lassen. Er denkt sich Musiker dazu, die an verqueren Instrumentenmaschinen hantieren und den Tastaturgeräuschen Klänge hinzufügen – Blubbs aus einer zu Orgelpfeifen verschraubten Querflötenbatterie oder das Sirren von Dosentelefonen, die mit dem Geigenbogen angestrichen werden. Auch erinnert sich der Komponist an seine schönen Spanienaufenthalte, weswegen das Tastengeklacker manchmal wie Flamenco klingt. Am Ende schreibt er über alles den sehr altmodischen Titel Sonata a Sette. Fertig ist ein neues Werk. Der Italiener Francesco Filidei hat so seinen Kompositionsauftrag für die Donaueschinger Musiktage erfüllt und zugleich die Not, Neues in der neuen Musik zu finden, zum Gegenstand seines Stücks gemacht. Viel Selbstironie spricht aus diesem Ansatz und noch mehr Verzweiflung. »Musik über das Schreiben von Musik schreiben« nennt er seine Arbeitshypothese.
Einfach nur Musik schreiben – ohne doppelt gespiegelte Selbstbeobachtungsebene und einkomponierte Vergeblichkeitsgeste – wäre natürlich besser, aber wer vermag das heute noch? Das ist das Dilemma, in dem die Gegenwartsmusik seit einiger Zeit schon steckt: Der todesmutig eingesprungene, vielfache Reflexions-Salto-mortale will nur noch schwerlich auf die Füße kommen, und die Brechung der Brechung der Brechung des musikalischen Materials führt meist zu einem Kolbenfresser beim Komponieren. Gleichwohl wollen die Komponisten, die sich als avanciert verstehen, nicht hinter die Errungenschaften der Moderne, die ihnen so viele Spielräume durch dialektische Volten und die Negierung des Bestehenden geöffnet hat, zurückfallen. Da kann es leicht passieren, dass das Drücken der Computer-Leertaste zum letzten Ideen-Strohhalm wird, an den man sich klammert.
Wer die Donaueschinger Musiktage besucht, hört jedes Jahr einige dieser intellektuell hochgerüsteten Kompositionen, die sich am Ende selbst im Weg stehen. Der 32-jährige Hans Thomalla, der vier Jahre Produktionsdramaturg an der Stuttgarter Oper in der Ära von Klaus Zehelein war und jetzt Kompositionsprofessor in Chicago ist, hat mit seinem Stück Ausruff einen kritischen Essay über die ausgeleierte Rhetorik von Musikfloskeln komponiert, über ihre stereotype Wiederkehr im Repertoire und den Ausverkauf ihrer Bedeutung. Er führt das gewalttätige Blechbläsersforzato vor und die verliebt schmachtende Cellokantilene, das alarmistisch hochfahrende Klarinettenmotiv und das verträumte Harfensolo – und polemisiert dagegen an. Er höhlt die vertrauten Floskeln aus, konterkariert sie, streicht sie durch, zerfetzt sie und weiß dabei sehr wohl, dass auch die Avantgarde-Gegenattacken längst zu semantischen Klischees geronnen sind. Wie zitiert und bloßgestellt erklingen auch sie. Nur zu sich selbst kommt diese grell montierte, raue, ungebärdige Komposition nie. Sie bringt immer nur Musik über Musik hervor. Und die Polemiken fressen sich gegenseitig auf.
Ein Stück aus Klangmüll und Vogelgesang wurde nicht fertig
An einer anderen Front hat sich der dänische Komponist Simon Steen-Andersen verkämpft. Er will die Hoffnung nicht aufgeben, dass man mit der Erforschung und Anverwandlung neuer Materialien in der zeitgenössischen Musik noch etwas ausrichten kann. Er hat das Freiburger Ensemble Recherche auf eine Expedition in die Welt der Nichtklänge geschickt, wo das Geigenholzknarzen, das Bogenschaben und Mundstückhecheln zwar schon lange entdeckt sind, aber sich im Unterholz doch noch das ein oder andere findet: ein Summer zum Beispiel, wie ihn die Kehlkopfamputierten zum Sprechen benutzen, oder das kaum hörbare Schnarren eines elektrischen Türöffners. Auch die gemeine Computer-Webcam und ihre Livebilder hat Steen-Andersen für sein Komponieren entdeckt: Ganz nahe vor Augen und Mund halten die Ausführenden sie sich, und auf großen Videoscreens über ihnen sieht man, wie sich ein Augenlid sehr musikalisch, gleichsam im gedehnten Decrescendo, schließt, um sich subito forte wieder zu öffnen. Dazu erklingt eine Wisper-, Knisper-, Knirsch- und Knurpselmusik, dass man den Komponisten sogleich als Chefakustiker an die Trockenkeks-Industrie weiterempfehlen möchte.
Natürlich ist das ungerecht geurteilt. Man macht es sich viel zu leicht, wenn man über die Donaueschinger Musiktage berichtet, als seien sie eine Messe, bei der eine wechselnde Riege von Daniel Düsentriebs Jahr für Jahr ihre genial verrückten und doch nie funktionierenden Erfindungen präsentiert. Obwohl es an kuriosen Beispielen dafür nicht fehlt. Ein Komponist hatte in diesem Jahr die Idee, elektronischen Klangmüll, den der Mensch produziert, mit Gesangsfragmenten von Vögeln zu überlagern, die vom Aussterben bedroht sind. Das Stück wurde leider nicht rechtzeitig fertig.
Am Sonntag ist auf der Schwarzwaldhochebene Schnee gefallen, das erste Weiß des Herbstes. Die Luft ist klar, eine zauberische Stille hat sich über die Felder um Donaueschingen gelegt und dem Musiktagebesucher vor Augen geführt, wie schön es sein kann, kraftvolle Fußspuren auf unberührtem Untergrund zu entdecken. Wer mit solchen märchenhaften Vorstellungen zurück in die Konzerte kommt, wird schnell von der musikalischen Wirklichkeit eingeholt: Neuschnee ist bei der zeitgenössischen Musik nicht in Sicht. Wo sollte er auch herkommen? Das 20. Jahrhundert hat dem 21. das wohlbekannte, kreuz und quer zerfurchte Terrain hinterlassen – den großen Stilpluralismus, in dem alle übergeordneten ästhetischen Maßstäbe untergeackert sind und auf dem jedes Œuvre selbstreferenziell ins Kraut schießt.
Zwei Altmeister zeigen, wie man ergreifende Musik schreibt
In der bildenden Kunst lassen sich mit dieser Situation prima Geschäfte machen. In der Musik aber, der abstrakten, nicht besitzbaren, flüchtigen Zeitkunst, die von keinem Kapitalmarkt gemästet wird, stellen sich die Fragen für jeden Komponisten dringlicher. Wie gelangt er über das Privatissimum seines eigenen Schreibtischs hinaus? Wo ist ein Faden verbindlicher inhaltlicher Qualität aufzunehmen? Wodurch könnte seine Arbeit wieder Relevanz gewinnen? Und siehe da, im Sonntagskonzert mit dem SWR-Symphonieorchester unter Sylvain Cambreling deuten sich plötzlich – der Schnee! – mögliche Antworten auf diese Fragen an. Da war zum Beispiel die Uraufführung des Orchesterstücks Keilschrift, in dem der Komponist Enno Poppe sich ganz aufs kompositorische Handwerk zurückgezogen und eine Musik geschrieben hat, die ausschließlich Sprache ihrer selbst sein will. Ein simples Fünf-Ton-Motiv, bestehend aus einer aufsteigenden Terz und folgenden Sekund-Umspielungen, ist darin (fast wie bei Anton Bruckner) alleiniger Kern und Ausgangspunkt aller musikalischen Entwicklung. Das Motiv wird durchs Orchester gereicht, eng geführt, variiert. Man vernimmt thematische Arbeit im konservativen Sinn – und trotzdem keine Musik von vorgestern.
Schon in seinen Stücktiteln, die Knochen, Öl, Holz, Scherben oder Tier heißen, verrät der Komponist eine Vorliebe fürs Schmucklose und konzis Gefasste. Gut gebaut, formal geschlossen, plastisch im Ausdruck sind seine Werke. Poppe steht gleichsam für die Beschränkung aufs musikalische Kerngeschäft in Zeiten der Beliebigkeit. Man muss seine Donaueschinger Keilschrift- Uraufführung nicht bedeutender machen, als sie ist. Aber verblüffend war es doch, zu hören, wie Poppes knapper Programhefthinweis über die gesamte Aufführungsdauer hinweg seine Wahrheit entfaltet: »Von Weitem sieht alles gleich aus«, schreibt er. »Von Nahem ist alles verschieden.«
Der 43-jährige, in Berlin lebende Franzose Mark Andre ist im Vergleich zu Poppe alles andere als ein Reduktionist. Weit holt er bei seinen Kompositionen in Aufwand und Anspruch aus. In Donaueschingen hat er das Orchester groß besetzt, den Raum ins Klanggeschehen integriert, Live-Elektronik bemüht. Andre hat bei Helmut Lachenmann studiert. Er kennt sich aus in den Grenzbereichen zwischen Geräusch und Klang und lässt sich ein auf strukturell anspruchsvoll Ertüfteltes. Anti-eloquent ist sein Komponierstil, vorsichtig tastend, das Material überkritisch befragend. Man hört seinen Stücken an, dass sie sich dem komplexen Erbe der Moderne verpflichtet fühlen, dass jeder Klang einen reichen Erfahrungsschatz in sich trägt. Aber über alle Reflektiertheit hinaus bringt er inzwischen (viel mehr als in früheren Werken) unmittelbar wirkende, sinnliche, fantasiereiche Musik hervor. Aus seinem neuen Orchester-Tryptichon …auf…, dessen zweiter Teil vor drei Wochen in Frankfurt von Pierre Boulez uraufgeführt wurde und dessen letzter Teil nun in Donaueschingen zu hören war, spricht viel Gespür für Zeitmaße und Ausdrucksproportionen. Andre kontrolliert den Orchesterapparat klug, setzt mit Bartók-Pizzikati, Geräuschklangpassagen und Plattenglockenballungen harsche Akzente und lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf in den Raum projizierte Nachklänge. Sie stehen in seiner Musik für Weite, Offenheit, Grenzüberschreitung ins Transzendente, wie die drei Pünktchen, die ein Erkennungszeichen seiner Stücktitel sind. Den Kompositionspreis der Musiktage hat Mark Andre zu Recht gewonnen.
Abgesehen freilich von zwei großen alten Männern der zeitgenössischen Musik, deren Uraufführungen das Festival eingerahmt haben – Klaus Huber und Hans Zender. Letzte Fragen nach den letzten Dingen treiben die beiden um. Klaus Huber hört mit über 80 Jahren das tiefe Kontra-Es, das bei Heinrich Schütz als Todeston erklingt, und fragt in seinem Lamento für Singstimme und Orchester auf Texte von Jacques Derrida, Octavio Paz und Simone Weil
Quod est Pax?
Hans Zender, der 71-Jährige, hat sich in gnostische Schriften vertieft und fragt in seinem in haariger Mikrointervallik ausgearbeiteten Oratorium nach dem
Logos.
Ergreifende Musik haben beide geschrieben. Und ihre Fußspuren in der Musikgeschichte sind sowieso längst erkennbar.
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- Datum 25.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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