Die Erde Leben unter den Füßen
Ein Gespräch mit Reinhard Hüttl, Vorstandsvorsitzender des Geoforschungszentrums GFZ in Potsdam
Was war die wichtigste neue Erkenntnis der vergangenen Jahre?
Vielleicht die Entdeckung von neuen Lebensformen durch Geobiologen kilometertief unter unseren Füßen in völlig unwirtlicher Umgebung. An Orten ohne Sonne und Sauerstoff.
Welche Folgen hat diese Entdeckung?
Die Entstehung des Lebens kann ganz anders abgelaufen sein, als bisher gedacht. Das eröffnet völlig neue Perspektiven für mögliches Leben auf anderen Planeten.
Was sind die größten Herausforderungen?
Die wachsende Erdbevölkerung und deren Rohstoffversorgung. Insbesondere die Ressourcen Wasser und Boden sind Zukunftsfragen.
Was war der größte Irrtum Ihrer Zunft?
Über Jahrzehnte wurde die bereits 1912 formulierte Kontinentaldrifttheorie Alfred Wegeners und die Durchschlagskraft seines interdisziplinären Ansatzes unterschätzt.
Weshalb sind Erdbeben nicht vorhersagbar?
Echte Erdbebenvorhersage- Forschung existiert erst seit etwa 40 Jahren. Auf diesem Gebiet gibt es eine Unzahl von Variablen und nichtlinearen Zusammenhängen. Wir wissen heute noch nicht einmal, wonach wir suchen müssen. Da hat es die Meteorologie mit ihrer langen Geschichte leichter.
Was wissen Sie, ohne es beweisen zu können?
Dass die Erde ein einzigartiger Planet ist.
In welcher Klimaphase leben wir heute, ist diese geologisch stabil?
Seit dem Ende der letzten Eiszeit, genauer: der letzten Kaltphase vor rund 10000 Jahren, verhält sich das Klima erstaunlich stabil. Aber das wird nicht so bleiben, sagt uns die Erdgeschichte.
Kann der Mensch den Klimawandel stoppen?
Die klassische Antwort lautet: Das einzig Konstante am Klima ist sein permanenter Wandel. Unsere Erde ist durch ganz andere Dimensionen von Zeit, Raum und Größe charakterisiert als die – im Wortsinn – eher begrenzte Wahrnehmung der allermeisten Menschen. Das entbindet uns nicht davon, vernünftig und nachhaltig zu handeln.
Wird sich Jules Vernes Traum, zum Mittelpunkt der Erde zu reisen, je
realisieren lassen?
Virtuell ja, real wohl eher nicht. Mit
geophysikalischen Methoden können wir sehr gut in das Erd-inne-re
hineinschauen, aber zum praktischen Anfassen ist es dort wohl zu heiß
.
Auf welche Einsicht warten die Geowissenschaftler am
sehnsüchtigsten?
Ein Menschheitswissen: Wir leben nicht nur auf
sondern auch von der Erde. Deshalb werden die Geowissenschaftler die Erde
verstärkt als unser Habitat begreifen und ihre Forschung intensiver auf
Erdsystemmanagement ausrichten müssen.
- Datum 25.10.2007 - 02:00 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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