Politisches Buch Ein neuer Weltkrieg?
Bahman Nirumand und Lawrence Wright zeichnen ein beunruhigendes Bild von den kommenden Konflikten
Als vor sechs Jahren die Terroranschläge von New York und Washington die Welt erschütterten, fragten sich viele Menschen: In welcher Welt leben wir eigentlich? Bahman Nirumand hat eine Antwort gefunden: Die Welt erlebt einen neuen Kalten Krieg. Der Publizist, der zuletzt mit einem viel beachteten Buch zum gegenwärtigen Iran-Konflikt für Aufsehen sorgte, blickt in seinem neuen Werk weit über den Tellerrand Teherans hinaus. Doch beruhigend ist auch das, was er dort sieht, nicht. Im Gegenteil: Die Länder, die er beschreibt, gleichen einem Pulverfass, dessen Explosion jederzeit einen Flächenbrand im Nahen und Mittleren Osten auslösen könnte. Und: Keiner der Konflikte steht für sich allein. Ob Afghanistan und Pakistan, Iran und Irak, Syrien und Libanon, Ägypten und Saudi-Arabien, Israel und Palästina – überall sieht Nirumand dieselben Akteure am Werk, überall dieselben Interessen, die mit militärischer Gewalt, mit Terror, mit ökonomischen Machenschaften oder mit psychologischer Kriegführung durchgesetzt werden. Und überall paaren sich Gebietsansprüche, Hegemonialbestrebungen und der Kampf um Einflusssphären mit den Interessen der Rüstungsindustrie, der Energiekonzerne, der internationalen Finanzinstitute und Unternehmen.
Vor allem Moskau, Peking und Neu-Delhi sieht Nirumand auf dem Vormarsch. Die Zeiten, in denen Russland vom »europäischen Haus« schwärmte, glaubt er endgültig vorbei. Zwar sind die ökonomischen Beziehungen zwischen Moskau und den anderen europäischen Hauptstädten noch nie so intensiv gewesen wie heute, zwar gibt es viele neue Kooperationsfelder wie den Nato-Russland-Rat. Aber gleichzeitig werden die Konfliktzonen größer, und das politische Klima wird kühler. Nach Nirumands Analyse ist der Kreml dabei, eine Gegenfront zu den USA und zur EU aufzubauen.
Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), der neben Russland und China alle zentralasiatischen Staaten mit Ausnahme Turkmenistans angehören, erklärt zwar immer wieder, dass sie nicht gegen Drittstaaten gerichtet sei. Ihr inoffizielles Ziel ist jedoch, auch durch militärische Kooperation den Einfluss der Vereinigten Staaten in der Region einzudämmen und ein Gegengewicht zur bisher westlich dominierten Globalisierung zu setzen. Nirumand hält es daher für bezeichnend, dass die SOZ auch die Atommächte Indien und Pakistan sowie Iran in das Bündnis einbeziehen möchte. Schließlich pflegt Moskau intensive Beziehungen zu Teheran, ist der größte Waffenlieferant und baut, allen Protesten Washingtons zum Trotz, für Iran Atomreaktoren.
Wie Russland empfindet auch China die militärische Präsenz der USA als Bedrohung der eigenen Interessen im Nahen und Mittleren Osten. Die Anwesenheit der amerikanischen Streitkräfte als Besatzung in unmittelbarer Nachbarschaft Chinas, die Annäherungsversuche Washingtons an Indien und der große Einfluss des Weißen Hauses auf die Golfstaaten werden in Peking als ein Hindernis zur Durchsetzung vor allem der ständig wachsenden ökonomischen Interessen der Volksrepublik gesehen.
Zwar ist Chinas Wirtschaft eng mit der amerikanischen verflochten, aber zwischen den ehemals verfeindeten Staaten bestehen noch ein erhebliches Misstrauen und auch direkte politische Konfliktpotenziale, wie Nirumand anhand von Pekings Verhalten gegenüber Taiwan, Iran, Venezuela, Sudan und Usbekistan vor Augen führt. Indem er die jüngste Entwicklung der Ost-West-Beziehungen zusammen mit der Lage im Nahen und Mittleren Osten betrachtet, hält Nirumand die Vorstellung, dass sich der neue Kalte Krieg in einen heißen verwandeln könnte, nicht für abwegig: Der Kampf um Ressourcen spitzt sich zu, die noch funktionierenden Bündnissysteme werden brüchiger, die nationalen und lokalen Konflikte ziehen immer mehr Länder in Mitleidenschaft.
Einen Ausweg aus der scheinbar unaufhaltsamen Konfrontation mag Nirumand nicht erkennen. Denn zu erwarten, dass die USA ihre aggressive Strategie grundsätzlich revidieren und sich in Kooperation mit den größeren Mächten um eine friedliche Lösung der Konflikte bemühen werden, bezeichnet Nirumand als derzeit illusionär. Auch Russland und China müssten erst einmal im eigenen Land grundlegende Veränderungen herbeiführen, bevor sie eine friedenspolitische Vorreiterrolle übernehmen könnten. Bleibt für Nirumand nur noch Europa. Zwar könnte die EU, wenn sie eine einheitliche Außenpolitik hätte und sich aus der Gefolgschaft der Vereinigten Staaten lösen würde, einiges bewirken. Aber beide Voraussetzungen sieht Nirumand als noch nicht erfüllt an. Daher rückt für ihn die Gefahr einer Konfrontation immer näher.
Dieses Zukunftsszenario ist zugleich die Stärke und die Schwäche von Nirumands Analyse. Selten ist in derart konzentrierter Form das Wechselspiel zwischen regionalen und globalen Konflikten im Nahen und Mittleren Osten beschrieben worden. Und zweifellos hat dieses Wechselspiel allmählich Formen eines Kalten Krieges angenommen. Daraus aber zu schließen, aus der neuen Ost-West-Konfrontation könnte leicht ein realer Krieg entstehen, in den womöglich die USA, die EU, Russland, China und Indien direkt involviert wären, verkennt die Mechanismen des neuen Kalten Krieges. Denn sowohl der wirtschaftliche Aufschwung als auch die militärische Aufrüstung von Moskau, Peking und Neu-Delhi werden Washington und Brüssel gar keine andere Wahl lassen, als mit ihren globalen Konkurrenten ein Auskommen zu suchen und zu finden.
Die Dramatik, mit der Nirumand die internationalen Konfliktlinien beschreibt, scheint auf den ersten Blick im harschen Widerspruch zu Lawrence Wrights mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werk über die Geschichte von al-Qaida auf dem Weg zum 11. September 2001 zu stehen. Denn der amerikanische Journalist schildert auf fesselnde Art und Weise, wie umständlich organisiert und unprofessionell das Terrornetzwerk von Osama bin Laden und seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri bisher oftmals gearbeitet hat. Nach der Lektüre des bereits heute sowohl in den USA als auch in Deutschland als Standardwerk gefeierten Sachbuchthrillers bleibt der Eindruck, die Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon seien eher zufällig geglückt, nicht zuletzt auch wegen der internen Streitigkeiten von FBI und CIA.
Auf den zweiten Blick erscheint Wrights brillant komponierte Darstellung des Islamismus jedoch als Ergänzung zu Nirumands Überblick der Konfliktlinien zwischen Ost und West. Zwar ist al-Qaida auch heute nicht zu unterschätzen, aber der islamistische Terrorismus ist bei effektiver Zusammenarbeit von Polizei und Geheimdiensten zu schlagen. Auch die Attentäter des 11. September waren den amerikanischen Behörden keine Unbekannten. Daher sollte die westliche Öffentlichkeit ihre außenpolitische Aufmerksamkeit nicht allein dem Terrorismus widmen. Schließlich ist er nur ein Stein im globalen Mosaik, das Nirumand zusammensetzt. Wer verstehen will, in welcher Welt wir derzeit leben, kommt daher an Nirumand und Wright nicht vorbei.
- Datum 24.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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Auch wenn der 11te Sept.ein eher zufällig gelungener Schlag gegen das selbstherrliche Amerika war so ist er doch ein Nadelstich aus den die USA offenbar immer noch nichts gelernt haben.Der Rest der Welt ist schon lange nicht mehr gewillt sich der Doktrin einer Nation zu unterwerfen die selbst eben von dieser Welt in gleichen Mass abhängig ist.Durch ihre Borniertheit haben die Staaten ihre eigenen Grundsätze in Frage gestellt und sich selbst damit verletzbar gemacht .Letztendlich bietet man sich mit dem Export von Waffen High Tech auch noch als Zielscheibe an.Unter diesen Umständen kann es nicht verwundern,sollte es zu einer grösseren Auseinandersetzung kommen.
Wright beschreibt in der Tat brilliant die Entwicklung des islamistischen Terrors waehrend der Praesidentschaft eines der schwaechsten US-amerikanischen Praesidenten ueberhaupt, Bill Clinton. Er schildert das Kompetenzgerangel bei FBI und CIA. Aber wo blieb die US Administration, als Bin Laden aus dem Sudan ausgewiesen wurde, in Afghanistan Unterschlupf fand aber wohl eher geduldet wurde? Als die Bombardierung der US Botschaften in Dar-es Salaam und Nairobi stattfanden? Ein vom laecherlichen Impeachment komplett paralysierter und vor allem durch Monicagate gedemuetigter Praesident versucht, durch die Operation Desert Fox, die 4-taegige Bombardierung Baghdads, Handlungsfaehigkeit zu beweisen. Ablenkungsmanoever denen Tausende zum Opfer fielen.Unmittelbar nach Amtsuebernahme Bushs kam es dann zur Attacke auf die USS Cole im Hafen von Aden. All dieses auch persoenliche Chaos zwischen Barbara Bodine und John O'Neill wird ueberdeutlich geschildert. Man hat es Al Qaeda weiss Gott zu einfach gemacht, diesem Haufen von im Grunde primitiven Wahhabiten.
Es muss natuerlich heissen: "unmittelbar vor Amtsuebernahme Bushs ...". Auch der Anschlag wurde unter Clinton veruebt, zu dem Zeitpunkt ein mehr als 'lame duck'.
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