IT-Startups Brautschau für Engel

Auf der "Demo Germany" wollen junge Unternehmer aus der IT-Branche mögliche Geldgeber von ihren Ideen überzeugen. In den USA funktioniert das schon sehr gut

Genau sechs Minuten hat »Yuuguu« Zeit, um seinen neuen Partner zu bezirzen. Speed-Dating einmal anders: Was bei Großstadtsingles funktioniert, kann für Unternehmensgründer nicht falsch sein, schließlich sind beide auf Partnersuche – wenn auch für unterschiedliche Zwecke. In sechs Minuten müssen Anish Kapoor und Philip Hemsted es schaffen, einen potenziellen Geldgeber von den Vorzügen ihrer Entwicklung zu überzeugen.

Die Geldgeber haben sich an diesem Tag in die Sitzreihen des früheren Imax-Kinos neben dem Deutschen Museum in München gezwängt. Normalerweise trampeln 3-D-animierte Saurierhorden durch diesen Saal, und Kinder schaufeln Popcorn in sich hinein. Heute tragen die Kinobesucher schwarze Anzüge und schlagen den Laptop auf: An die 350 Interessenten lassen im Sechs-Minuten-Takt die Vorschläge junger Unternehmensgründer aus der IT-Branche auf sich niederprasseln. Darunter drei Dutzend Vertreter von Investmentfirmen – hier auch »Business angels« genannt.

Risiko-Investoren sind auf der Suche nach aufstrebenden Unternehmen mit zündenden Ideen. Unternehmensgründer brauchen Kapital für den Schritt auf den Markt. Die »Demo Germany« ist eine Art Brautschau, die nach amerikanischem Vorbild versucht, diese Partnerwahl zu beschleunigen. Die Veranstalter nennen das Speed-Dating-Konzept »Innovationskonferenz«: Im Lauf eines Tages werden den Investoren 20 Start-ups vorgestellt, die neue Ideen für das Web 2.0 oder für neue Handy-Applikationen haben. Die sonst üblichen Power-Point-Präsentationen sind verboten.

Für »Yuuguu« geht es ums Ganze. Deshalb muss jeder Handgriff, jede Pointe sitzen: »Wir haben unseren Auftritt mindestens sechzig Mal geprobt«, sagt Hemsted. Aber jetzt gibt es Probleme: Die VoIP-Verbindung nach Manchester steht nicht auf Anhieb. Erst nach einer Schrecksekunde knarzt die Stimme eines englischen Kollegen aus dem Lautsprecher, und die Farbe kehrt in Hemsteds Gesicht zurück. Mit »Yuuguu« kann er seinem Gesprächspartner in Manchester bei der Arbeit über die Schulter beziehungsweise auf den Bildschirm schauen: Hemsted und der ganze Kinosaal sehen live, über den normalen Internetbrowser, was Hemsteds Kollege in Manchester tippt und klickt. Heimarbeitern und Freiberuflern soll das die Arbeit erleichtern.

Die nächsten Kandidaten, zwei Moskauer, wollen die Anzugträger von ihrer Idee überzeugen, piepsende Handys zu einer Art Klingelton-Orchester zu bündeln. Nach sechs Minuten düdeln drei Handys eine Kakofonie. Höflicher Applaus. Ein paar Jungunternehmer aus Barcelona präsentieren eine Spezial-Suchmaschine für Immobilien. Andere verknüpfen digitale Fotos mit GPS-Daten oder stellen Privat-Homepages auf dem Bildschirm als dreidimensionalen Raum dar. Auch der Baukasten für Web-Shops findet sein Publikum, ebenso wie der Handy-Dolmetscher, der Übersetzungen per SMS liefert und die Datei-Tauschbörse für Mobiltelefone.

Besonders viel Beifall bekommen drei Iren, die einen Fingersensor entwickelt haben, der beim Stressabbau helfen soll. Das Gerät misst den Hautwiderstand und damit den Stress des Trägers und übermittelt die Daten per Bluetooth zum Mobiltelefon. Wer es schafft, sich zu entspannen, bringt einen kleinen Drachen auf seinem Handy-Display zum Fliegen. 6500 Euro haben die Jungunternehmer für ihren Auftritt gezahlt.

Bei Yarom Arad vom israelischen Dienstleister Decell fällt der Beifall spärlicher aus. Während die Konkurrenz auf Zaubertricks und gezielte Pointen setzt, wirft Arad nur ein paar Zitate von Analysten in den Raum, die seiner Firma eine große Zukunft versprechen – und erntet wenig Begeisterung. Dabei klingt seine Idee nicht schlecht: Decell will Handynutzer-Daten in Stau-Daten umrechnen. Damit wären teure Sensoren in den Straßen unnötig, um Stockungen im Verkehr auszumachen. Vielmehr filtert eine Software aus den Daten eines Mobilfunknetzes heraus, wie viele Telefone sich gerade wie schnell durch welche Funkzelle bewegen. Sind viele Telefone langsamer unterwegs als üblich, schließt das System messerscharf auf einen Stau auf dieser Verkehrsader.

Deutsche Start-ups sind bei der »Innovationskonferenz« in der Minderheit. Abseits der Präsentationen wird außer Englisch vor allem Hebräisch gesprochen. Von zwanzig Jungunternehmen, die an diesem Tag auf Partnerschau gehen, kommen neun aus Israel, was vermutlich auch an den guten Kontakten der »Demo«-Veranstalter nach Tel Aviv liegt.

Manche der vorgestellten Ideen mögen heute noch abstrus klingen. Doch vielleicht gehören sie morgen schon zum Alltag. Der iPod, der Palm-Pilot und auch der Internet-Telefondienst Skype fanden bei der amerikanischen »Demo« in San Diego ihre ersten Geldgeber. Dort steckt die Zeitschrift Network World hinter der Veranstaltung, in Deutschland ist es die Computerwoche. »In den USA sind die ›Demo‹-Konferenzen das wichtigste Forum für ein Internet-Start-up«, sagt Gary Stuart von der neu gegründeten Online-Immobilienbörse Nuroa. »Hier bekommt man viel Aufmerksamkeit – und die fehlende Aufmerksamkeit ist ja das Hauptproblem für einen Unternehmensgründer.«

In den USA und in China haben solche Speed-Dating-Shows für Firmengründer und Investoren seit 1991 schon 27 Mal stattgefunden. Bereits 2001 war auch in Deutschland eine »Demo« geplant. Das Platzen der Dotcom-Blase und der 11. September funkten dazwischen. Doch allmählich hat die Branche diese Schocks überwunden. Zwar haben die Investoren nicht ihre wichtigen Entscheidungsträger geschickt, aber immerhin sind die Scouts ausgeschwärmt.

»Jetzt ist ein guter Zeitpunkt,« sagt Michael Beilfuß, der Verlagsleiter der Computerwoche und Mit-Veranstalter. »Wir sehen wieder mehr Mut, sich selbstständig zu machen. Und uns war klar: Wenn wir die ›Demo‹ nach Europa holen, muss sie in Deutschland stattfinden.« Das überrascht. Denn bei allen Ansprachen, aber auch bei vertraulichen Gesprächen scheint es zum guten Ton zu gehören, den fehlenden Unternehmergeist in Deutschland zu beklagen. »Wir sind sehr erfolgreich bei der Forschung, das hat man bei den Nobelpreisen gesehen«, sagt Hagen Hultzsch, früher Technik-Vorstand bei der Deutschen Telekom. Heute leitet er das »Advisory Board« der »Demo Germany«, das die Vorauswahl unter den Unternehmen trifft, die sich vorstellen dürfen. »Aber hier ist es nach wie vor besonders schwierig, Ideen in Marktchancen umzusetzen.«

 
Leser-Kommentare
    • ttob
    • 29.10.2007 um 7:04 Uhr
    1. Unsinn

    Es ist immer gut, wenn engagierte Unternehmer an Geld kommen, nur kommt es bei 6 min halt vor allem auf eine "gute Show" an. Demütigend, wenn man selbst vielleicht bereits Monate/Jahre investiert hat.
    In 6 min ist es unmöglich ein umfassendes durchdachtes Konzept zu präsentieren und eventuelle Vorbehalte und Vorurteile der potentiellen Geldgeber auszuräumen. Auch sind IT-ler  idR. gute Entwickler und nur selten gute Verkäufer und Präsentierer, ich frage mich, was aus Bill Gates geworden wäre, dem pickeligen Garagenprogrammierer, wenn er nur 6 min Zeit gehabt hätte.
    Dabei waren scheinbar (laut Artikel) nur 20 Bewerber da, eine halbe Stunde wäre also auch kein Luxus gewesen. Aber offensichtlich sind die Kapitalbesitzer der Meinung, innerhalb weniger Minuten ein Konzept als erfolgsversprechend oder nicht  bewerten zu können, was ich für ziemlich hochnäsig halte.
    Na ja, da ich nur'n armer IT-Lohnsklave bin kümmert meine Meinung eh niemand :-)

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  • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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