Hörbuch
Trunken über Wassertreppen
Inger Christensen liest ihre Gedichte auf Deutsch und Dänisch
Null bis einhunderteinundzwanzigtausenddreihundertdreiundneunzig. Diese beiden Zahlen spannen den Bogen vom Nichts ins Unfassbare, den Inger Christensens Gedicht alfabet vollzieht. Die Zahlen gehören zur Fibonacci-Folge, einer mathematischen Reihe aus den Anfangswerten 0 und 1. Danach ist jede Folgezahl die Summe der beiden vorangehenden, also 1, 2, 3, 5, 8, Christensens schlichte, irrwitzige Idee ist die Parallelisierung des Alphabets mit dieser Reihe. Jedem Buchstaben widmet sie so viele Zeilen, wie seiner Stelle im Alphabet nach der Fibonacci-Folge zukommen. »die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es«, lautet die einzeilige A-Strophe. Beim 377-zeiligen N bricht der Text ab, die sechsundzwanzigste Z-Strophe müsste 121393 Zeilen lang sein.
Was soll das sein? Eine Spielerei, ein versponnenes Konzeptpoem? Nein, dieses alfabet ist einer jener kühnen Versuche der ganz großen Literatur, die Welt anhand eines einzigen Motivs zu erfassen: Die Spiralen des Pinienzapfens und der Ananas, die Ahnen der Honigbiene und der Goldene Schnitt folgen Fibonacci-Zahlen. Mathematik wird hier zu Schönheit, und Christensens Sprachkunstwerk, das ein subjektives mit dem mathematischen Weltsystem verknüpft, fragt nach den Beziehungen: von Mensch und Naturgesetz, von Ich und Ordnung. Die Frage allein ist ein Triumph des Humanums. Ein stiller Triumph. Denn die Texte der dänischen Autorin haben etwas Bescheidenes, vollkommen Einfaches. Hier wird nicht symbolisiert, jedes Wort meint die Sache selbst. Wer die Dinge des Lebens ausbuchstabiert, hat Wunder und Furcht genug, wenn ihm bei B neben brombær auch brin, der Wasserstoff, bei D neben dag auch der dd in den Sinn kommt.
Gleich auf zwei Hörbüchern lässt sich das Werk der 1935 geborenen Dichterin nun erleben. Beim Münsteraner Kleinheinrich-Verlag, der sich sehr um Christensen bemüht, liest sie selbst ihr alfabet auf Deutsch, in der unschätzbaren Übersetzung Hanns Grössels. Das dänische Original und den Sonnettzyklus Sommerfugledalen liest die Autorin in einem Christensen-Päckchen des Hörverlags, der die Übersetzung zum Mitlesen (es sind ja nahe Sprachen) ins Booklet druckt. Zudem trägt Hanna Schygulla in Grössels Deutsch das todesschöne Schmetterlingstal und die trunkenen Wassertreppen vor in welchen das Ich einer Touristin aufgeht in Roms gleißenden Wundern, in einem Rausch aus Marmor. Hanna Schygulla liest beide Texte so schön, so zärtlich, als solle ihr Atem die Schmetterlinge nicht verscheuchen.
Aber was ist die glänzendste Schauspielerei gegen den Ton dieser Dichterin! Hat man schon ein Sprechen gehört, das so völlig bei sich ist? Christensens Stimme ist die einer alten Frau, doch die Worte quellen wie klares Wasser aus dem Stein. Dänisch wie Deutsch liest sie mit derselben singenden Ruhe, Wortwiederholungen geraten so gleich, als gäbe es nur diese einzige Aussprache, die richtige, die, welche das Wort Kraft seiner eigenen Melodie leuchten und Welt sein lässt. In dieser Stimme erklingen die Null und die Eins der Sprache. Also alles.
Inger Christensen: alfabet
Kleinheinrich-Verlag, 2 CDs, 83 Min., 25,
www.kleinheinrich.de
: Das Schmetterlingstal
Hörverlag, 2 CDs, 105 Min., 19,95
- Datum 5.1.2009 - 13:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.44 vom 25.10.2007, S.52
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