Unten quellen im Halbstundentakt Studenten aus den Bussen. Oben, zehn Stockwerke höher, hofft Rektor Gerhart von Graevenitz auf einen unvernebelten Blick zur Spitze: Vielleicht, sagt er und schaut durch die hohen Fenster des Senatssaals, werde man später den Säntis sehen. Das würde gut zur feierlichen Stimmung passen. Zum Hochgefühl. Noch aber liegt der schneebedeckte Gipfel auf der anderen Seite des Bodensees in dichtem Gewölk verborgen.

Es erging der Universität Konstanz in den vergangenen Wochen ein wenig ähnlich. Der Rest Deutschlands nahm sie nicht als mögliche zukünftige Eliteuniversität wahr. Sie zählte nicht zum Kreis der Favoriten. Doch am vergangenen Freitag war sie plötzlich da. Aufgetaucht an der Spitze.

In Konstanz selbst ist man vom Titel weniger überrascht. Man habe eben etwas Glaubwürdiges vorgelegt, heißt es. »Der Erfolg«, sagt von Graevenitz, »ist für uns eine späte Bestätigung der Gründungsidee.« Diese sorgte vor rund 40 Jahren für Spott. Bei den Massen-Unis hatte die Modellhochschule mit elitärem Anspruch bald den Ruf als »Klein Harvard vom Bodensee« weg. 3000 Studenten sollten hier lernen. An einer Uni, die ohne renommierte Medizin- und Ingenieursstudiengänge auskommen muss. Die sich zu Humboldt hin entwickeln wollte, zur Verbindung von Forschung und Lehre. Die auf Institute verzichtete und eine gemeinsame Bibliothek für alle Fächer baute. In der es heute 10000 Studenten und nirgendwo Rektorenporträts in Öl, dafür selbst in den Geisteswissenschaften eine Tradition des interdisziplinären Arbeitens und der Kreativität gibt.

Mehr als anderswo, denn die Enge auf dem Campus, oberhalb der Stadt auf einem Berg, und die Unterteilung der Universität in drei Sektionen erleichtern Kooperationen zwischen den Fächern. Mittel für die Forschung werden fast nur leistungsbezogen vergeben: Jeder Professor erhält eine Grundausstattung, den Rest muss er bei der Universität beantragen oder als Drittmittel von außen einwerben. »Hier kann sich niemand verstecken«, sagt von Graevenitz. Und gute Ideen setzen sich durch.

Dass sich die Universität Konstanz ihre Andersartigkeit als Reformuniversität bewahrt und ihre Stärken konsequent weiterentwickelt hat, ist der große Trumpf, der schon in der ersten Exzellenzrunde vor einem Jahr stach. Lange war die Hochschule die einzige Universität mit drei geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen – fächerübergreifend angelegten Forschungseinrichtungen. Das Vorhaben »Kulturelle Grundlagen von Integration« überlebte vielleicht deshalb als einziger geistes- und sozialwissenschaftlicher Cluster den Wettbewerb. Sein Sprecher, der Historiker Rudolf Schlögl, ist jedoch froh, »in der zweiten Runde ein paar Kollegen dazubekommen zu haben. In der Sonderrolle habe ich mich nie wohlgefühlt.«

Schlögl sitzt in seinem Büro hundert Meter vom Senatssaal entfernt, er sieht erholt aus, ist euphorisch. Den Kollegen, gerade den Geisteswissenschaftlern, kann er nach einem Jahr Erfahrung die Clusterforschung empfehlen: »Wir haben größere Freiheiten.« Nachwuchsgruppen, Doktorandenkollegs, neue Studiengänge, die Einrichtung neuer Professuren – die Universität nutzt die zusätzlichen Möglichkeiten, mit denen sich Wissenschaftler einem Thema nähern können.

70 neue Stellen sind mittlerweile durch den Cluster entstanden, an einem neuen Gebäude für die beteiligten Wissenschaftler wird gebaut, vor zwei Wochen eröffnete ein »Kulturwissenschaftliches Kolleg«, in dem sich Forscher ein akademisches Jahr lang frei von Lehrverpflichtungen und Gremienarbeit ihrer Arbeit widmen können. Nur eines hatte Schlögl bei der Antragstellung nicht bedacht: »Größere Freiheit bedeutet auch größere Entscheidungslast.« Besonders wenn es um die Verteilung des Geldes geht.