Manchmal wird ein Schriftsteller von seinen Büchern eingeholt. Dann taucht das fast Vergessene plötzlich auf, bemächtigt sich der Zeitgeist eines alten Textes. 1996 veröffentlichte Christa Wolf ihren Roman Medea Stimmen die bislang radikalste Korrektur des Mythos. Bis dahin galt Medea als blutrünstige Furie, die von dem Argonauten Jason betrogen wird und aus Rache die gemeinsamen Kinder sowie ihre Nebenbuhlerin tötet. Bei Christa Wolf ist sie nicht Kindsmörderin, sondern Opfer von Verleumdung, ist Rebellin gegen Patriarchenwillkür, Mütterduldsamkeit, Unterwerfungspflicht.

Wenn die Figur heute aktuell scheint, dann im Licht der Wolfschen Neudeutung. Anfang 2007 choreografierte Sasha Waltz, beeindruckt vom Roman, eine moderne Tanzoper zu Heiner Müllers Medeamaterial. Es folgten Medea-Aufführungen in Leipzig, Halle, Stuttgart, Bonn und ein mehrwöchiges Festival Medeamorphosen im Berliner Radialsystem, wo jetzt die Kammeroper Medea nach Christa Wolf Premiere hat.

»Warum ich?«, hat die Schriftstellerin gefragt, als wir sie um ein Interview baten. Sie denke momentan über völlig anderes nach! Nun gut: ein kleines Treffen in Anwesenheit der beiden Kammeropernmacher Klaus-Martin Bresgott (Produktion, Libretto) und Frank Schwemmer (Komposition, Libretto).

Wir sind in Christa Wolfs Berliner Wohnung eingeladen. Draußen die Oktobersonne, drinnen die Bücher. Flüchtig blättert sie im druckfrischen Libretto, das sie noch nicht gelesen hat. Auch in die Proben mischt sie sich nicht ein, stattdessen antwortet sie nun doch ausführlich.

DIE ZEIT: Frau Wolf, waren Sie überrascht, als vor einem halben Jahr Herr Bresgott mit der Idee kam, Ihren Roman zu vertonen?

Christa Wolf: Eher neugierig. Wie würden Jüngere heute diesen Stoff sehen? Ich selbst bin nicht scharf darauf, mich noch einmal mit Medea zu befassen, nachdem mein Mann und ich 2002 schon das Libretto für ein Oratorium Georg Katzers verfasst haben. Was man am meisten behält, ist ja, was man mit einem Buch wollte.

ZEIT: Nämlich?