071031 Verrat an Harry Potter
Offensichtlich hatte es in ihm rumort. Kurz vor seinem Lebensende entschloss sich der Schriftsteller Theodor Fontane zur Veröffentlichung eines Zeitungsartikels, in dem er die Mit- und Nachwelt über ein Missverständnis der Rezeption seines Romans Effi Briest aufklärte. Es betreffe die Figur Innstetten. Dass er als romantischer Gatte versagt, begreife jeder Leser. Aber weshalb, so Fontane, wolle niemand sehen, was mit dem Mann wirklich los ist?
Innstetten sei nun mal kein Mann für Frauen, Innstetten sei schwul.
Natürlich verwendete Fontane nicht den Ausdruck »schwul«. Natürlich hat er so einen Zeitungsartikel nie geschrieben. Ein Romancier in der Zeit Fontanes wäre auch nie auf die Idee gekommen, in seinen eigenen Roman mit einer derartigen Zusatzinformation nachträglich einzugreifen. Was heißt eingreifen - ein Schriftsteller, der sich zum Pressesprecher seines eigenen Werks erhebt, übt an diesem Sabotage aus. Er zertrümmert mutwillig den Fantasieraum, der einen Roman zum Roman macht. Er entzieht der Literatur ihre Lebenswelt, die Viel-, also auch Missverstehbarkeit der Fiktion.
Und nun Joanne K. Rowling. Dieser Tage hat sie die Auskunft in die Welt gesetzt, Dumbledore (weiser Direktor der Zauberschule Hogwarth) sei schwul. Angeblich wollte sie mit diesem an Dumbledore verübten Zwangs-Coming-out den Einfall eines Drehbuchs abwenden, wonach Dumbledore in früheren Zeiten eine Freundin hatte. Der Einfall ist vielleicht trivial, aber was Rowling angerichtet hat, ist schlimmer als jede Trivialität. Es ist eine Entzauberung der grausamsten Art.
Dumbledore ist für immer (und mit ihm das ganze Harry-Potter-Fantasiegebilde) ausgeliefert an die unliterarische Instanzenwelt psychologischer Aufklärung. Es ist ein Jammer und nichts mehr, wie es war.
Punkt Mitternacht wurde am vergangenen Freitag der deutsche Harry Potter-Band ausgeliefert. Äußerlich war es das gleiche Fest wie bei den Bänden zuvor. Hundert Meter lange Menschenschlangen vor den Buchkaufhäusern, Harry-Potter-Partys mitten in der Nacht et cetera Aber innerlich? Ein Hauch von Trauma liegt über Harrys weltweiter Gemeinde. Was sollen wir denn von Hogwarth jetzt halten? War die Zauberschule sieben Bände lang nichts anderes als der Kompensationsraum eines unausgelebten alternden Homosexuellen, der gern pubertierende Wesen um sich hat? Der Fall ist in doppelter Weise exemplarisch. Er zeigt erstens, wie dünn das Eis ist, auf dem literarische Fiktion in der Gegenwart existiert. Und er zeigt zweitens, dass auf Leser eine ganz neue Aufgabe zukommt: Romane gegen ihre Erzeuger zu verteidigen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.45 vom 31.10.2007, S.63
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