Entwicklungshilfe
Füttert uns nicht mehr mit dem Löffel!
Wie nützlich ist unsere Hilfe für Afrika? Wie verändert die Globalisierung Welt- und Selbstbilder? Eine afrikanische und eine deutsche Schrifstellerin schreiben sich Briefe und suchen nach Antworten.
Liebe Antje,
ich schreibe Ihnen aus Lagos, wo Regenzeit herrscht und die Luft an einem Morgen wie heute kühl und feucht ist. Lagos ist berüchtigt für seinen stockenden Verkehr, für die langen Autoschlangen, die sich kreuz und quer durch die Stadt winden und die Straßen in dieser Jahreszeit noch mehr verstopfen als sonst. An den Verkehrsadern von Lagos blüht der Handel, überall verkaufen fliegende Händler Zeitschriften, CDs, Zeitungen, Äpfel, Rattengift, Taschentücher. Als ich gestern im Stau stand, habe ich mir die Zeitschrift Joy gekauft. Auf dem matten Cover des Magazins war ein Foto von mir abgebildet, das ich nicht besonders mag, weil ich darauf aussehe wie ein aufgeblasener Pfau. Ich erinnere mich noch an den Morgen, als das Foto aufgenommen wurde; auch damals war es kühl und regnerisch, als mich Toyin Eriye, die Chefredakteurin von Joy, abholte. Sie ist um die vierzig, schlank und unkompliziert und strahlt eine ruhige Direktheit aus.
Toyin sprach mit großer Begeisterung über das Magazin. Es war erst seit Kurzem auf dem Markt, aber Toyin war entschlossen, endlich durchzustarten und die Zeitschrift monatlich erscheinen zu lassen.
Als die Aufnahmen im Kasten waren, fragte ich Toyin, wann die Zeitschrift erscheinen wird. Bald, antwortete sie, doch sie tat es mit einem etwas gequälten Lächeln, weil sie einige Kämpfe mit ihrer Bank auszufechten hatte. »Die Banken wollen immer, dass man reich ist, bevor man ein Geschäft gründet«, erzählte sie mit einem Seufzer. Es war über ein Jahr her, dass sie die Finanzierung für ihre Zeitschrift bewilligt bekommen hatte. Dann beschloss der Gouverneur der nigerianischen Nationalbank, dass die Banken ihre Kapitalbasis erhöhen sollten, um wettbewerbsfähiger zu werden. Die Entscheidung führte dazu, dass viele Banken fusionierten, darunter auch die von Toyin. Ihr Kredit war irgendwo auf der Strecke geblieben – eine Folge von überfüllten Schreibtischen, mehr Bürokratie, Personalwechseln. Dafür, so meinte Toyin, sei nicht nur der Wandel des Systems verantwortlich, sondern auch ein im Grunde typisch nigerianischer Faktor. »Wenn man kein großes Tier ist, dann spielen die Leute bei der Bank nicht mit offenen Karten, und sie sind telefonisch nie erreichbar«, sagte sie.
Toyin berichtete mir auch noch von anderen Problemen, die der Aufbau einer Zeitschrift in Nigeria mit sich bringt. Sie hat zwar nur wenige Mitarbeiter, nennt aber zwei riesige Generatoren ihr Eigen, die jeden Tag unzählige Gallonen Diesel schlucken, weil unsere Stromversorgung so unzuverlässig ist. Dennoch war ihr kein wirklicher Erfolg beschieden, wenigstens bisher nicht, denn die Zeitschrift ist erst jetzt erschienen.
In unserer globalisierten Welt hat es für mich den Anschein, als sei man als Afrikaner zum Inbegriff der Hilflosigkeit geworden, zu jemandem, dem man seinen Hirsebrei mit dem Löffel füttern muss. Ich bin der Meinung, dass Hilfe allein keine Lösung ist, weil sie nur neue Abhängigkeiten schafft. Hilfe und Handel müssen miteinander einhergehen, und die beste Unterstützung ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ich wünschte, es wäre möglich, durch Entwicklungshilfe auch Frauen wie Toyin langfristige Kredite zu sichern, damit ihr Platz in der produktiven Mittelschicht unserer Gesellschaft gestärkt wird. Mir wird mehr und mehr bewusst, dass ich in einer Welt voller Toyins lebe, Menschen, die mit großen Träumen leben, aber deren Anrufe bei den Banken nicht durchgestellt werden.
Liebe Chimamanda,
während Sie Ihr Gesicht im an- und abschwellenden Verkehr von Lagos nicht wiedererkennen, sitze ich in einer kleinen Straße von Potsdam und frage mich, ob das, was ich wiedererkenne, Potsdam ist. Vor einem halben Jahr bin ich in die Stadt, in der ich geboren wurde, zurückgekehrt. Ich habe zwischendurch in Berlin gelebt und in New York und habe einen kleinen Teil der übrigen Welt gesehen; ich bin außerhalb Potsdams erwachsen geworden, was meinen Blick entscheidend verändert hat.
Lange bevor ich diesen Brief begann, bevor überhaupt von der Möglichkeit die Rede war, Sie, Chimamanda, kennenzulernen, war Afrika für mich Angola, Mosambik und Nelson Mandela. Erst Jahre später traf ich den Schriftsteller Chris Abani, der wie Sie aus Nigeria stammt und seit Längerem in den USA lebt. Chris Abani nannte mich eines Tages eine afrikanische Autorin. Ich lachte und verstand ihn nicht. Wie kam er dazu? Das Afrikanische, das er mir zusprach, beruhte nicht auf einem Vergleich zweier sich wesentlich voneinander unterscheidenden Biografien, sondern auf der Tatsache, dass eine nigerianische und eine ostdeutsche Sozialisation Arten der Weltwahrnehmung und des Wahrgenommenwerdens in der Welt hervorgebracht hatten, die tatsächlich miteinander vergleichbar waren. Uns interessierten ähnliche Themen.
Das gefiel mir schon deshalb, weil mir der hartnäckige und seit dem Ende des Kalten Krieges flächendeckend neu entflammte Glaube missfiel, die eigene Identität würde notwendigerweise von der Herkunft abhängen, sie wäre von nationalen oder doch wenigstens volksgemeinschaftlichen Wurzeln, die meistens als Religion, Sprache und Traditionen bezeichnet werden, irreversibel und unerbittlich geprägt.
In mehreren Sprachen zu leben, wurzellos zu leben, Systemwechsel zu erleben und die mit ihnen einhergehenden Brüche, im permanenten Erklärungszwang einer Welt gegenüber zu sein, die das Eigene als fern, fremd, exotisch, als nicht westlich betrachtet oder in der das eigene Land gänzlich verschwunden ist, ja, bei jeder Äußerung immer den Körper in Bezug auf Hautfarbe oder Geschlecht adressieren zu müssen, das alles ist afrikanisch. Es schärft die Wahrnehmung, und ich frage mich, ob Sie das ähnlich wie ich als ein Privileg empfinden. Für mich führt es dazu, Ungewissheit und Unsicherheit nicht als bedrohlich, sondern als Möglichkeit betrachten zu können. Es macht die Frage nach dem Ursprung obsolet und stellt die Variation an ihre Stelle. Es gibt mir als Schriftstellerin eine erhöhte Aufmerksamkeit dafür, dass das, was wir als Wirklichkeit begreifen, Erfindung ist und insofern jederzeit veränderbar.
Liebe Antje,
ich wünschte, ich besäße den Optimismus, der Ihren Ansichten zugrunde liegt. Ich selbst muss nämlich feststellen, dass ich mich immer mehr auf eine bequeme konservative Position zurückziehe, die manchmal sogar Züge eines verwässerten Pessimismus annimmt.
Das kommt vielleicht daher, dass ich in Amerika lebe. Als ich in Nigeria aufwuchs, bedeutete mir der Begriff Identität sehr wenig. Erst Amerika lehrte mich, was Identität ist, es zeigte mir, dass ich mich dafür entscheiden musste, wer ich war, und dass all das, was mich ausmachte, in einen einzigen Karton zu passen hatte, je kleiner, desto besser. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich in einem Buchladen in Connecticut in den Belletristikregalen stöberte und eine blonde Frau auf mich zukam und fragte: »Haben Sie denn nicht die Abteilung mit schwarzer Literatur gesehen?«
Erst in Amerika wurde mir bewusst, dass ich Afrikanerin bin, Nigerianerin, Igbo und, vor allem, Schwarze. Ist es ein Privileg, sich seiner selbst so bewusst zu sein? Ich bin mir nicht sicher. Ich empfinde dem Land gegenüber eine Art verblüffter Dankbarkeit, denn für mich ist es der reiche Onkel, der zwar nicht weiß, wie ich heiße, mir aber regelmäßig Taschengeld gibt. Ich mag das Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten, das einen erfüllt, wenn man hier lebt, und die Tatsache, dass man in den USA nicht an der Vergangenheit klebt, sondern unbeirrt nach vorne schaut. Und doch habe ich Heimweh.
Die gravierendste Folge meines Lebens in der Ferne ist allerdings die, dass zur Liebe die Besorgnis kommt. Vor ein paar Wochen schaute ich meinem Vater beim Gehen zu. Er geht jetzt anders, gebrechlich, mit leichter Seitenneigung – der Gang eines alten Mannes, der dieses Jahr 75 wird. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen, als sich sein aufrechter, forscher Gang in das Wanken eines Greises verwandelte.
Liebe Chimamanda,
hier schlägt der Regen seit Stunden auf das Fensterbrett, und ich versuche, Ihnen im Rhythmus dieses sturzbachartigen Regens von den Assoziationen zu schreiben, die Ihr Brief in mir weckte. Und während der Regen diesen Rhythmus verändert, erinnere ich mich an meinen »amerikanischen Moment«. In einem Wende-Museum in Kalifornien stand ich vor den Artefakten meiner DDR-Kindheit. Man hatte dort alles das zusammengetragen, woraus Identität gewöhnlich gemacht ist, Texte, Symbole, Lieder, Gegenstände des Alltags, Kleidung (meine Kleidung), und sie als Überbleibsel eines ausgestorbenen Volkes unter Glas gelegt. Im entferntesten Westen erklärte man mir, wie dieses Volk gelebt und geliebt hatte, und weil ich mich etwas anders erinnerte und die Darstellungen der Sammler zu korrigieren begann, wurde ich auf einmal zu jenem echten DDR-Kind, das ich als Kind nie gewesen war; ich empfand Zärtlichkeit sogar für die Pionierblusen, in denen ich mich früher wie ein Idiot gefühlt hatte. – Sie haben recht, es gibt diese emotionale Bindung an die Herkunft, aber vor den Glassärgen dort fühlte sie sich an wie die Bindung an einen Toten.
Bis ich 15 war, hatte ich in einem Land gelebt, das seine Bevölkerung zwischen Minen und Stacheldrahtzaun sperrte und die Menschen so schlecht versorgte, dass meine Eltern nach der Arbeit eine zweite Schicht einlegten, um über langwierig angebahnte Beziehungen zu Verkäuferinnen, durch Erfindungsreichtum, Erniedrigungen und Zähigkeit Kinderkleidung, Fisch oder »Südfrüchte« zu besorgen.
Vermutlich ist meine Art zu denken geprägt vom Verschwinden der Gesellschaft meines ersten Erwachsenwerdens. Aber da ich nicht weiß, ob ich ohne dieses Verschwinden anders denken würde, halte ich das für nicht wesentlich. Hier in Potsdam glauben viele, die mich kennen, ich sei »zu meinen Wurzeln zurückgekehrt«. Hätten sie recht, wäre es ungeheuerlich: Ich würde ein untergründiges, verschwundenes Leben führen.
Der vollständige Briefwechsel ist nachzulesen unter www.partnerschaft-mit-afrika.de
- Datum 8.11.2007 - 05:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
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