Liebe Antje,

ich schreibe Ihnen aus Lagos, wo Regenzeit herrscht und die Luft an einem Morgen wie heute kühl und feucht ist. Lagos ist berüchtigt für seinen stockenden Verkehr, für die langen Autoschlangen, die sich kreuz und quer durch die Stadt winden und die Straßen in dieser Jahreszeit noch mehr verstopfen als sonst. An den Verkehrsadern von Lagos blüht der Handel, überall verkaufen fliegende Händler Zeitschriften, CDs, Zeitungen, Äpfel, Rattengift, Taschentücher. Als ich gestern im Stau stand, habe ich mir die Zeitschrift Joy gekauft. Auf dem matten Cover des Magazins war ein Foto von mir abgebildet, das ich nicht besonders mag, weil ich darauf aussehe wie ein aufgeblasener Pfau. Ich erinnere mich noch an den Morgen, als das Foto aufgenommen wurde; auch damals war es kühl und regnerisch, als mich Toyin Eriye, die Chefredakteurin von Joy, abholte. Sie ist um die vierzig, schlank und unkompliziert und strahlt eine ruhige Direktheit aus.

Toyin sprach mit großer Begeisterung über das Magazin. Es war erst seit Kurzem auf dem Markt, aber Toyin war entschlossen, endlich durchzustarten und die Zeitschrift monatlich erscheinen zu lassen.

Als die Aufnahmen im Kasten waren, fragte ich Toyin, wann die Zeitschrift erscheinen wird. Bald, antwortete sie, doch sie tat es mit einem etwas gequälten Lächeln, weil sie einige Kämpfe mit ihrer Bank auszufechten hatte. »Die Banken wollen immer, dass man reich ist, bevor man ein Geschäft gründet«, erzählte sie mit einem Seufzer. Es war über ein Jahr her, dass sie die Finanzierung für ihre Zeitschrift bewilligt bekommen hatte. Dann beschloss der Gouverneur der nigerianischen Nationalbank, dass die Banken ihre Kapitalbasis erhöhen sollten, um wettbewerbsfähiger zu werden. Die Entscheidung führte dazu, dass viele Banken fusionierten, darunter auch die von Toyin. Ihr Kredit war irgendwo auf der Strecke geblieben – eine Folge von überfüllten Schreibtischen, mehr Bürokratie, Personalwechseln. Dafür, so meinte Toyin, sei nicht nur der Wandel des Systems verantwortlich, sondern auch ein im Grunde typisch nigerianischer Faktor. »Wenn man kein großes Tier ist, dann spielen die Leute bei der Bank nicht mit offenen Karten, und sie sind telefonisch nie erreichbar«, sagte sie.

Toyin berichtete mir auch noch von anderen Problemen, die der Aufbau einer Zeitschrift in Nigeria mit sich bringt. Sie hat zwar nur wenige Mitarbeiter, nennt aber zwei riesige Generatoren ihr Eigen, die jeden Tag unzählige Gallonen Diesel schlucken, weil unsere Stromversorgung so unzuverlässig ist. Dennoch war ihr kein wirklicher Erfolg beschieden, wenigstens bisher nicht, denn die Zeitschrift ist erst jetzt erschienen.

In unserer globalisierten Welt hat es für mich den Anschein, als sei man als Afrikaner zum Inbegriff der Hilflosigkeit geworden, zu jemandem, dem man seinen Hirsebrei mit dem Löffel füttern muss. Ich bin der Meinung, dass Hilfe allein keine Lösung ist, weil sie nur neue Abhängigkeiten schafft. Hilfe und Handel müssen miteinander einhergehen, und die beste Unterstützung ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ich wünschte, es wäre möglich, durch Entwicklungshilfe auch Frauen wie Toyin langfristige Kredite zu sichern, damit ihr Platz in der produktiven Mittelschicht unserer Gesellschaft gestärkt wird. Mir wird mehr und mehr bewusst, dass ich in einer Welt voller Toyins lebe, Menschen, die mit großen Träumen leben, aber deren Anrufe bei den Banken nicht durchgestellt werden.

Liebe Chimamanda,