Heute ist der Tag, an dem ich nicht mehr aufstehen will, denn ich habe seit einer Woche kein Geld mehr und glaube auch nicht, dass nächste Woche welches kommt. Jeden Morgen schaute ich angespannt auf mein Onlinekonto, ob endlich das Honorar von Zeitung X oder Y eingegangen ist, doch dies war nicht der Fall, obwohl mir die Redakteure die Überweisung schon vor Wochen zusagten. Entgegen jeder Vernunft stand ich trotzdem jeden Tag am Geldautomaten und achtete darauf, dass niemand zuschaute, wenn die Scheckkarte wieder herausglitt. Die Sekunden, bis auf dem Display der Satz erscheint: Leider keine Auszahlung möglich, sind Sekunden, die meine Nerven ähnlich belasten wie eine Fahrt in der Geisterbahn.

Heute ist auch der Tag, an dem wieder ein Text von mir nicht in der Zeitung steht, der dort schon vor zwei Wochen stehen sollte, wie mir die Redakteurin versicherte, die ihn mir abkaufte. Nachdem ich sie deswegen anrief, vertröstete sie mich auf heute, und natürlich zeigte ich Verständnis, dass eine Zeitung ja auch auf die richtige Themenmischung achten muss und etwas Aktuelleres Vorrang hat. Ich darf nicht böse mit der Redakteurin werden, denn ich bin auf sie angewiesen. Ich darf auch nicht zu deutlich machen, wie dringend der Abdruck für mich gewesen wäre und dass nun wieder ein Loch gähnt, wo ich mit einem Honorar fest gerechnet hatte.

Für den Redakteur bin ich nur eine E-Mail oder eine Stimme am Telefon

»Gekauft« bedeutet nämlich nicht, dass sie mir dieses Geld gleich angewiesen hätte. »Gekauft« bedeutet nur, dass der Text von nun an in ihrer Datenbank schlummert.

Denn es ist beileibe nicht so wie bei Brötchen: Reicht die Verkäuferin die Tüte über den Tresen, so muss man sofort das Portemonnaie öffnen. Bei Zeitungen geht das so: Erst wird der Text gedruckt, und dann dauert es drei bis acht Wochen, bis das Honorar überwiesen wird. Und wird der Text nicht gedruckt, erfahre ich manchmal erst nach Monaten, dass dies nie der Fall sein wird. Nur in Ausnahmefällen benachrichtigt der Redakteur mich, meistens vergisst er es. Ich bin ja auch kein Lebewesen für ihn, sondern nur eine E-Mail oder bestenfalls eine selten gehörte Telefonstimme. Dass die Geschichte dann für andere Zeitungen nicht mehr aktuell ist, ist nicht sein Problem. Dass ich ihm geglaubt habe, auch nicht.

Wie jeder Mensch brauche ich das Geld, um die Miete zu bezahlen, die Krankenkasse und mein Essen. Wie jeder Mensch denke ich, dass es vollkommen normal ist, für seine Leistung bezahlt zu werden.

Als ich vor rund zehn Jahren begann, als freie Autorin zu arbeiten, glaubte ich, endlich den idealen Beruf für mich gefunden zu haben, denn das Beste, was ich hatte, waren mein Schreibtalent und mein Ideenreichtum. Ich ahnte nicht, wie viele Wochen ich damit verbringen würde, dringlich auf Zahlungseingänge zu warten, die versprochen waren. Die Sachbearbeiterin bei meiner Bank kennt mich gut, denn ich gehe dann mit den Rechnungskopien zu ihr und flehe sie an, meine Lastschriften für Telefon und Internet nicht zurückgehen zu lassen, denn hier bitte, hier ist doch die Rechnung an eine renommierte Zeitung. Sie antwortet dann, dass sie mir glaube, aber sie habe ihre Vorschriften, manchmal rückt sie trotzdem noch fünfzig Euro heraus.

In solchen Zeiten habe ich einen angstverkrampften Magen, und mit meiner Lebensfreude ist es nicht weit her. Ich laufe zu Fuß durch eine Stadt, weil ich mir eine U-Bahn-Fahrt nicht leisten kann, wandere durch Einkaufsstraßen voller Sonderangebote, doch jedes Ding ist unberührbar für mich. Mein Fernseher ist kaputt und mein Mineralwassersprudler. Beides kann ich nicht ersetzen. Meinen Zahnarzttermin nächste Woche werde ich absagen, denn ich habe das Geld für die Praxisgebühr nicht.

Ich kann mich auch nicht mit Freunden zu einer Tasse Kaffee verabreden. Es nagt an meinem Stolz, wenn ich ihnen jedes Mal offen oder durch die Blume sagen muss, dass sie die Rechnung übernehmen müssen. Es nagt noch mehr an meiner Würde, wenn ich sie am Monatsende händeringend bitten muss, mir zu helfen, die Miete aufzubringen. Eigentlich ist es nicht bitten, sondern betteln. Mir steckt ein Kloß im Hals, wenn ich dies tue, denn ich hatte nie vor, vom Mitleid anderer zu leben. Auch ahne ich, dass ihr Respekt mir gegenüber sinkt.

Mein Vermieter wohnt im Haus. Bin ich wieder im Rückstand, so schäme ich mich in Grund und Boden, wenn ich ihn auf der Treppe treffe, und vergesse, dass ich für meine Texte Preise gewonnen habe. Er wird mir nicht ansehen, dass mein Einkommen unter dem eines Hartz-IV-Empfängers liegt. Ich lege Wert auf ein gepflegtes Äußeres und kann bei Interviewpartnern schlecht ohne vernünftigen Haarschnitt auftauchen. Deswegen spare ich lieber an etwas, das man von außen nicht sieht, wie zum Beispiel Essen. Ich kann sowieso nicht essen, wenn ich Angst habe. Wegen alldem bleibe ich lieber zu Hause und versuche, noch einen Text zu schreiben, um irgendwie weiterzukommen.

In diesen zehn Jahren meiner Tätigkeit für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften musste ich nur zweimal Steuern zahlen, denn mein Jahreseinkommen liegt meistens unter 10000 Euro, nach Abzug aller Aufwendungen eigentlich bei null. Zeitungen zahlen nämlich Zeilenhonorare; ein Text, der mich alles in allem drei bis vier Tage Arbeit gekostet hat und in der Zeitung eine Seite einnimmt, bringt ungefähr 250 Euro ein. Auf der Internetseite dieser Zeitung wird er dann auch noch veröffentlicht, dafür sehe ich allerdings kein Geld mehr, denn so steht es in den Geschäftsbedingungen. Ich könnte ja einwenden, dass mir das nicht passt, aber glauben Sie ernsthaft, dass mir das zum Vorteil gereichen würde?

Erscheint mein Text gleich bei Onlinezeitungen, so werden nur noch höchstens 200 Euro fällig, selbst wenn die entsprechende Website Millionen Besucher hat. Die Redakteure entschuldigen sich bei mir, denn sie können ja auch nichts dafür.

Pro Jahr erarbeite ich ungefähr fünfzig Texte, von denen ich vielleicht die Hälfte loswerde. Zu achtzig Prozent bekomme ich auf meine Angebote nie eine Antwort, ganz gleich, ob ich sie telefonisch angekündigt oder nur eine E-Mail geschrieben habe. Das Risiko trage ich allein. Wem sollte ich auch vorwerfen, dass eine Geschichte nicht in sein Blatt passt?

In einem Schulbuch zu erscheinen ist Ehre genug. Honorar gibt es keines

Beinahe täglich entdecke ich Texte von mir im Internet, die sich jemand stillschweigend heruntergeladen hat, um seine Homepage damit zu schmücken. Die Rechtslage ist so, dass ich für solchen Diebstahl Honorar fordern könnte. Doch wer sich keinen Rechtsanwalt leisten kann, um seine Forderungen einzutreiben, der fängt besser nicht damit an. Das Einzige, was ich mir einhandele, sind pampige Antworten wildfremder Leute, die meinen, geistiges Eigentum sei so frei wie Luft und Sonne. Die meisten dieser Menschen sind angestellt und nehmen ihr monatliches Festgehalt für selbstverständlich.

Letztes Jahr erhielt ich ein Schreiben eines Verlages, der ein Essay von mir in ein Deutsch-Schulbuch übernehmen wollte. Als ich anrief, um nach der Höhe der Vergütung zu fragen, teilte man mir mit, dass es keine gebe, dies sei gesetzlich so festgelegt, und es sei schließlich eine Ehre, in einem Schulbuch zu erscheinen.

Es war mal ein Scherz, als ich sagte, dass ich unbedingt einen reichen Mann zum Heiraten brauche, nun ist es schon lange Ernst. Doch reiche Männer kann man nur becircen, wenn man eine positive Ausstrahlung hat.

Heute ist also der Tag, an dem ich nicht mehr aufstehen will, denn mein Glaube daran, dass in diesem Land Einsatz, Nachhaltigkeit, Qualität, Zuverlässigkeit und Kreativität honoriert werden, ist zerbrochen und lässt sich nicht mehr kitten. Eine Beschwerdestelle ist nirgends eingerichtet.

Morgen werde ich wieder zu meiner Banksachbearbeiterin gehen und sie anflehen, mein Konto nicht zu sperren. Sie wird mir empfehlen, mich arbeitslos zu melden, damit wenigstens die Wohnungsmiete durch Hartz IV abgedeckt ist. Von da an werde ich meine Kontoauszüge vorlegen und über jeden Zahlungsvorgang Rechenschaft ablegen müssen.

Dass ich mir mit den 345 Euro vom Arbeitsamt keinen Internetanschluss mehr leisten können werde, geschweige denn den stetig wachsenden Anforderungen an computertechnische Aufrüstung nachkommen könnte, somit jede Arbeitsgrundlage entfallen wird, ist wahrscheinlich nur ein bedauerliches Einzelschicksal.

Auf ewig im Bett liegen bleiben kann man ja nicht, also werde ich nach drei Tagen doch wieder aufstehen und irgendwie weitermachen. Nur eben nicht mit dem Besten, was ich habe.