Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen neuartigen Kugelschreiber entwickeln. Wenn Ihnen partout nichts einfällt, hilft ein Trick: Nehmen Sie ein Wörterbuch und legen Sie den Finger auf ein beliebiges Wort – sagen wir »Kaugummi«. Sammeln Sie jetzt alles, was Ihnen dazu einfällt: Kauen, Geschmack, Zahnpflege, weich, klebrig, Flecken auf der Straße. Worauf das Ganze hinausläuft? Sie stellen jetzt Verbindungen zum Ausgangsgegenstand her – und haben vielleicht die Idee zu einem Kugelschreiber, auf dem man herumkauen kann und der dabei nach Himbeer schmeckt oder vielleicht sogar die Zähne pflegt.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht immer. Aber einen Versuch ist es wert. Wer kreativ arbeitet, kann nicht warten, bis er zufällig über etwas Neues stolpert; das Stolpern braucht Methode. Kreativitätstechniken gibt es Hunderte. Bei allen geht es darum, den Blick zunächst vom eigentlichen Problem wegzulenken oder durch ungewöhnliche Ansätze gewohnte Denkmuster zu durchbrechen.

Kreativität ist in der Arbeitswelt gefordert wie nie. In Zeiten, in denen es irgendwo auf der Welt immer einen gibt, der Material und Arbeitskraft billiger beschaffen kann, bleibt westlichen Unternehmen vor allem eine Chance: Innovation. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat deshalb schon den »kreativen Imperativ« erfunden. Aber Ideen hat man nicht auf Befehl. Auf Ideen kommt man – irgendwie. Unternehmen können nur versuchen, dem »irgendwie« einen Weg zu eröffnen.

»Alles, was Schnittstellen nach außen vermehrt, ist gut«, sagt Sibylle Hermann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums hat die Psychologin eine Studie zum »Wettbewerbsfaktor Kreativität« durchgeführt. »Unternehmen müssen Mitarbeitern die Chance geben, sich Anregungen zu holen«, sagt Hermann. Das koste nicht viel: Man müsse die Leute nur mal rauslassen und zum Beispiel auf Messen schicken. Noch besser seien Kooperationen mit Forschungseinrichtungen oder vernetzte Projekte mit anderen Unternehmen. Vor allem aber sollte eine intelligente Arbeitsorganisation Abteilungsgrenzen überschreiten.

Die Grundprinzipien der Kreativitätstechniken gelten auch für eine kreative Unternehmenskultur: Viele haben mehr Ideen als einer allein. Andersartiger Input bringt die Gedanken auf Trab. Und: Jeder muss seine Gedanken unzensiert aussprechen dürfen. Doch das scheitert oft an älteren Gesetzen der Firmenkultur. »In vielen Unternehmen herrscht die ungeschriebene Regel, dass man in andere Zuständigkeitsbereiche nicht reinredet«, sagt Sybille Hermann. Ein anderes Hindernis sind Hierarchien: Viele müssen ihren Vorgesetzten ihre Ideen geschickt soufflieren, damit diese den Eindruck haben, damit punkten zu können. Andere treiben ihre Tüfteleien lieber heimlich voran, weil es sonst heißt, sie seien nicht ausgelastet. »In den Führungsetagen ist zwar angekommen, dass Kreativität Freiräume braucht«, lautet Hermanns Fazit. Aber umgesetzt werde das höchstens in den Abteilungen Marketing, Design und Entwicklung. »Ansonsten zählt, dass die Aufgaben zügig erledigt und keine Fehler gemacht werden.«

So werden Ressourcen verschwendet. Denn viele Ideen für neue oder bessere Produkte kommen von denen, die mit den Kunden in Kontakt stehen oder in der Herstellung arbeiten. Alfred Krupp war der Erste, der das Kreativitätsleck in den Werkhallen erkannte und ein »betriebliches Vorschlagswesen« eingeführt hat. Am Anfang war das nicht mehr als ein Briefkasten an der Wand. Jeder, der eine Idee hatte, durfte sie auf einen Zettel schreiben, einwerfen und auf eine Belohnung hoffen. Heute nennt sich das »Ideenmanagement« und ist in den Betriebsvereinbarungen vieler Unternehmen. Statt eines Holzkastens gibt es Ansprechpartner, die bei der Formulierung helfen können. Ideen werden direkt ins firmeneigene Computernetz eingetragen, online lässt sich der Stand der Bearbeitung jederzeit nachvollziehen. Gemessen am Nutzen, gibt es gestaffelte Prämien.

Für Christiane Kersting vom Deutschen Institut für Betriebswirtschaft steht Geld als Motivation beim Ideenmanagement nicht an erster Stelle. Wenn sie Unternehmen das Thema nahebringt, dann verweist sie gern auf eine Umfrage des Gallup-Instituts: Demnach gehen nur 13 Prozent der Angestellten mit Freude zur Arbeit, 68 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, und 19 Prozent sind »aktiv destruktiv«. Das heißt: Sie klauen zum Beispiel Kopierpapier. »Diese Einstellung ist nicht angeboren, sondern aus Enttäuschung gemacht«, sagt Kersting. So begründeten die Dienst-nach-Vorschrift-Macher ihre Haltung meist damit, dass ihre Meinung ohnehin nicht zählt. »Über Ideenmanagement kann man diese Frustrierten wieder ins Boot holen«, sagt Kersting. Menschen machen mit, weil sie gestalten wollen, und sie bleiben dran, weil es Anerkennung gibt.