Klassiker der Moderne (84) Sozusagen nichts

Der Opernkomponist Salvatore Sciarrino schreibt aus der Stille heraus. Das Musiktheater des Autodidakten ist so redselig wie eine verschlossene Auster

Vom italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino gibt es einen Werkzyklus mit dem schönen Titel Esplorazione del bianco (»Die Erforschung des Weiß«). Es sind Kammermusikstücke in kleiner Besetzung, die von der Vorstellung ausgehen, dass die Farbe Weiß Geheimnisse birgt, die sich kaum je enthüllen. Wassilij Kandinsky nannte das Weiß ein »überwältigendes Schweigen«, das voller Möglichkeiten stecke. Und der Italiener lauscht mit seiner Musik in dieses Weiß hinein: tastend, in der Stille Klangschatten, Linien, Geräusche kürzelhaft andeutend. Was nicht erklingt, scheint genauso bedeutsam zu sein wie das, was erklingt. Die Vortragszeichen in den Partituren sind bezeichnend: Pianissimo steht da, Mezzopiano, ein kurzes Fortissimo und gleich wieder dreifaches Pianissimo. Aus dem Nichts und Ins Nichts sind für den 1947 geborenen Sizilianer entscheidende Kategorien.

Es gibt nur wenige Komponisten, die so verknappt schreiben. Seine ziselierten Werke wirken wie eine Gegenwelt zum großen Plärren und Plappern unseres Alltags. Wobei der Einspruch gegen das Banale nicht das Ziel seiner Musik ist – der Einspruch wohnt ihr auf irritierende Weise inne. Sciarrinos Musik zwingt zum Hinhören, ist eine Herausforderung unserer Wahrnehmung. In einer Programmnotiz heißt es: »Vielleicht ist es möglich, eine Ebene der Sensibilität zu erreichen, auf der jede Wahrnehmung verletzt.«

Sciarrino ist Autodidakt. Er hat sein Komponieren unabhängig von den Traditionslinien der musikalischen Moderne entwickelt. Guillaume de Machaut, Claudio Monteverdi und Carlo Gesualdo sind von ihm geschätzte Komponisten. In der Behandlung der Gesangsstimmen, im rezitativischen, expressiv gezackten Tonfall der Vokalpartien haben sie ihre Spuren hinterlassen.

1998 hat Sciarrino seine Oper Luci mie traditrici (»Meine verräterischen Augen«) geschrieben. Sie handelt von dem komponierenden Renaissancefürsten Carlo Gesualdo, der seine Gattin mit ihrem Liebhaber im Bett erwischt, im Eifersuchtsrausch einen blutigen Doppelmord begeht – und danach die schönsten Werke schreibt. Ein Opernstoff, der überquillt von Sex and Crime, aber Sciarrino schreibt in seine Partitur: »Poco succede, quasi niente« (»Wenig geschieht, sozusagen nichts«). Er musikalisiert nur die inneren Vorgänge der Protagonisten. Aus dem Orchestersatz spritzt uns kein Blut entgegen. Er fasst die verträumt irre Zuneigung des Mörders zu seinem Opfer in Töne. Er lauscht dem Grauen vor und nach der Tat. Das Schreckliche erklingt bei ihm mit zugehaltenem Mund. Das ist das genial Paradoxe am Opernkomponisten Sciarrino: Alles tendiert in seinen Partituren zum Dramatischen – und gleichzeitig tragen die Werke Züge radikaler Antidramatik. Ein Erzählen der Handlung findet nicht statt. Vermeintlich Entscheidendes wird verschwiegen. Szenische Intensität erwächst aus Stillstand. Sciarrinos Musiktheater ist so redselig wie eine verschlossene Auster.

Salvatore Sciarrino: Luci mie traditrici; Annette Stricker, Otto Katzameier, Kai Wessel, Simon Jaunin; Klangforum Wien, Ltg.: Beat Furrer; KAIROS 0012222 (Edel)

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    • Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
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    • Schlagworte Avantgarde | Oper
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