So viel Chuzpe hat die Hamburger Lehrerin Lene Helm

denn doch überrascht. » Das hätte ich an Ihrer Stelle auch getan«, sagte ihr ganz unverhohlen die Frau am Bankschalter, als sie 2005 ihr Konto auflöste.

Jahre zuvor hatte sie dieses Konto auf Anraten just jener Bankangestellten eingerichtet zu einem Zinssatz von 0,5 Prozent. Vor zwei Jahren eröffnete die Lehrerin dann ein Tagesgeldkonto bei einer Direktbank, wo sie fünfmal so viel an Zinsen bekam.

Das ungünstige Konto war nicht das Einzige, was Lene Helm in Rage gebracht hat. Auch bei ihren Investmentfonds fühlte sie sich von der Bank schlecht beraten. Gegen die Fonds an sich war zwar nichts einzuwenden. Doch Lene Helm hatte auf ihre Bank gehört, die ihr in den vergangenen Jahren mehrmals empfohlen hatte, die Fonds auszuwechseln, um sich »den veränderten Bedingungen auf den Finanzmärkten anzupassen«. Das hatte so viel Spesen verursacht, dass von der Rendite kaum etwas übrig geblieben ist.

Nüchtern betrachtet, ist es ein Skandal, wie man mit der Lehrerin umgegangen ist. Das Geldmarktkonto war die reinste Geldvernichtungsmaschine die Zinsen lagen unter der Preissteigerungsrate. Und häufiges Umschichten traditioneller Investmentfonds lässt ihren Ertrag wegen der hohen Ausgabeaufschläge ins Lächerliche schrumpfen. Doch solche Skandale sind alles andere als ein Einzelfall, wie Verbraucherschützer monieren. Mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr verlieren Sparer und Versicherungskunden durch Anlagebetrug und falsche Beratung.

Während Betrug allerdings ein Straftatbestand ist, landen schlechte Berater nur in Ausnahmefällen vor Gericht. Und es wäre kurzsichtig, die Schuld allein bei der Finanzbranche zu suchen. Die Kunden selbst tragen ihren Teil zur Misere bei: Beraten wollen sie werden, aber natürlich gratis. Das bestätigt auch Susanne Kazemieh von der FrauenFinanzGruppe, die seit 1989 in Hamburg Finanzdienstleistungen von Frauen für Frauen und für Männer anbietet. » Was in Amerika oder England als selbstverständlich gilt dass die Leistung eines Finanzberaters ebenso honoriert wird wie die eines Rechtsanwalts oder Steuerberaters , stößt in Deutschland häufig noch auf blankes Unverständnis«, sagt sie. Die Weigerung, Finanzdienstleistungen zu bezahlen, baue bei den Beratern wiederum einen Verkaufsdruck auf, weil sie ja irgendwie zu ihrem Geld kommen müssen. » Das ist ein Teufelskreis.«

Um nicht nur auf ihre Kosten, sondern auch zu ihrem Gewinn zu kommen, halten sich die Berater an den Provisionen schadlos, die ihnen von den Anbietern der Finanzprodukte zufließen, gleichgültig, ob es dabei um Investmentfonds, Zertifikate oder um Lebens- oder Rentenversicherungen geht. Kazemieh beobachtet zwar zumindest bei ihrer Klientel eine zunehmende Bereitschaft, Beratungsleistungen zu bezahlen. Doch bisher betreuen sie und ihre elf Kolleginnen ihre mittlerweile über 7000 Kundinnen zum allergrößten Teil noch auf Courtagebasis.