Kreditvermittlung: Kredit von Schnucki
Wer bei Banken kein Darlehen bekommt, kann es neuerdings bei Kreditvermittlungsplattformen im Internet versuchen. Doch es gibt nicht viele seriöse Anbieter
Kruemel07 hat gerade einen teuren Umzug hinter sich. Nun muss auch noch das Auto für den TÜV startklar gemacht werden: Irgendwo muss also Geld her. Der 25 Jahre alte Arbeiter aus Rheinland-Pfalz, der sich hinter dem Namen im Internet verbirgt, will sich 1000 Euro leihen. Und die bekommt er schließlich auch. Von »Schnucki«, einem 42-jährigen Berliner, und zwei anderen Anlegern.
Gefunden haben sich die Privatleute auf einer Kreditvermittlungsplattform im Internet. Dort kann jeder, der angemeldet ist, eigene Kreditprojekte vorstellen oder nach solchen Ausschau halten, um sie zu finanzieren.
Die Idee stammt ursprünglich aus Großbritannien, wo schon vor zwei Jahren die Internetplattform Zopa mit dem »Social Lending« begonnen hat. Ein Jahr später folgte die US-amerikanische Plattform Prosper. Heute hat Zopa rund 170.000 registrierte Mitglieder, Prosper mehr als 400.000. Zusammen bringen es die beiden Plattformen nach Schätzungen auf eine vermittelte Kreditsumme von bisher rund 80 Millionen Euro. Von solchen Größenordnungen ist man in Deutschland noch weit entfernt. Ein halbes Dutzend Anbieter gibt es jedoch bereits – und die Spannbreite in puncto Seriosität und Geschäftsmodelle ist groß.
Grundsätzlich billig sind die Kredite auf jeden Fall nicht: Kruemel07 hat die Schufa-Bewertung F. Das ist nicht berauschend, aber auch kein besonders hohes Ausfallrisiko. Für seinen Kredit zahlt er 17 Prozent Zinsen. »Niedrige Bonitäten sind für mich nur bei extrem hohen Zinsen geeignet«, erklärt Kreditgeber Schnucki seine Rendite-Überlegungen.
Schnucki kann rechnen. Andere Anleger achten dagegen lieber darauf, was mit ihrem Geld finanziert werden soll: Das Fairtrade-Projekt bekommt so seine Finanzierung schon zu einem Zinssatz von vier Prozent, die Hilfslieferung mit Holzsparkochern nach Nigeria bietet Anlegern mit 2,5 Prozent gerade mal einen Inflationsausgleich. »Unsere Teilnehmer sind zu 80 Prozent renditeorientiert«, sagt Alexander Artopé, Geschäftsführer der Kreditplattform Smava. »Die übrigen 20 Prozent haben aber soziale Motive. Eine Kreditvermittlungsplattform braucht beides.«
Anleger und Kreditsucher im Internet verbindet dabei vor allem eines: der Wunsch nach Transparenz und Selbstbestimmung bei den eigenen Geldgeschäften. Und eine große Skepsis, ob traditionelle Banken diesen Wunsch noch ernst nehmen wollen oder können. »Viele Banken unterstützen uns mit ihrer Vergabepolitik bei Konsumentenkrediten«, sagt Sascha Schoppengerd von der Kreditvermittlungsplattform Money4Friends. Die Zahl der frustrierten Bankkunden wachse doch täglich. Philip Kamp vom Konkurrenten Auxmoney weiß von »vielen traurigen Schicksalen, denen man gerne helfen möchte«. Will heißen: Gibt die Bank keinen Kredit, dann gilt der Auxmoney-Werbeslogan »Das Volk hilft sich selbst!«.
Nur eine von vier Plattformen bekam im Test ein Gütesiegel
Diese Vermischung von finanziellen Erwägungen und postuliertem Gemeinschaftsgefühl hält allerdings mancher für kritisch. »Immer wenn so gemenschelt wird, muss man aufpassen«, sagt Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg. »Dann soll meist etwas verschleiert werden.« In der Tat warnen Verbraucherschützer, dass es einigen Plattformbetreibern nur darum gehe, Registrierungsgebühren von Hilfesuchenden zu kassieren – ohne dass es je eine Chance auf ein Kreditangebot gäbe.
Bei einem Test der Stiftung Warentest bekam von vier deutschen Plattformen einzig Smava das Gütesiegel, ein »Anbieter mit Hand und Fuß« zu sein. Bei der Konkurrenz, die nur Kontakte vermittelt und den Rest der Arbeit ihren Nutzern überlässt, sorgte das für böses Blut. »Smava ist der Deckmantel für eine dahintergeschaltete Bank und nicht mehr«, zürnt Dirk Morina, der mit seiner von Verbraucherschützern kritisierten Plattform eLolly jüngst in die Schweiz umgezogen ist.
Tatsächlich vergibt bei Smava die Bank für Investments und Wertpapiere (biw) die von den Anlegern ausgewählten Kredite an die Kreditnehmer und verkauft die Forderung ohne Preisaufschlag an die jeweiligen Anleger weiter. Die Bank, deren Eigentümer auch Gesellschafter bei Smava sind, übernimmt quasi das Darlehensmanagement, zieht Kreditraten ein und führt die Anlegerkonten. Smava erhält vom Kreditnehmer ein Prozent der Kreditsumme als Erfolgsprämie. Registrierungsgebühren fallen keine an.
Durch die Zusammenarbeit mit der biw umgeht Smava aufsichtsrechtliche Hürden. Zum Beispiel die, dass Anleger, die gewerbsmäßig Darlehen vergeben, eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht benötigen. Beim Modell von Smava entfällt diese.
Mit rund 14.000 registrierten Mitgliedern und einer vermittelten Kreditsumme von 600.000 Euro liegt der Anbieter scheinbar hinter den reinen Vermittlungsplattformen, die mit einem »zugesagten Kapital« von vielen Millionen Euro werben oder – wie eLolly – von 190.000 registrierten Mitgliedern sprechen. »Wir sind der einzige Anbieter, bei dem die gesamten Transaktionen tatsächlich abgewickelt werden«, hält Smava-Geschäftsführer Artopé dagegen. »Insofern ist das Volumen bei Smava zweifelsfrei – und kein Lippenbekenntnis.« Für Artopé sind die anderen Plattformbetreiber aber aus einem anderen Grund ein viel größeres Ärgernis: »Die ruinieren uns den Ruf.«
Und das kann in einem jungen Nischenmarkt wie diesem fatal sein, denn Vertrauen ist hier alles. Die Kreditvergabe à la eBay funktioniert nur, wenn die Nutzer sich auf den Marktplatz verlassen können – und aufeinander. Wenn rechtliche Unsicherheiten beseitigt sind, Verlustrisiken minimiert werden können, es keine Abhängigkeiten gegenüber dem Plattformbetreiber gibt und keinen Missbrauch von Daten. Noch ist die Skepsis gegenüber den Kreditplattformen groß: In einer Umfrage von TNS Infratest im Auftrag von Smava waren nur zwei Prozent der Befragten bereit, privat Geld an Fremde zu verleihen.
»Das Geld wird einem doch nachgeworfen«
Vertreter von Kreditvermittlungsplattformen werden deshalb nicht müde zu betonen, dass über ihren Marktplatz »eine soziale Beziehung unter den Nutzern hergestellt« würde. Die Technik soll’s möglich machen: Identitätsfeststellung, Bonitätsprüfungen und Zahlungsprofile sollen die Angst der Anleger vor Kapitalverlust mindern. Allerlei gruppendynamischer Schnickschnack soll außerdem helfen – weil Aquariumsbesitzer oder iPod-Fans untereinander vielleicht eine bessere Zahlungsmoral haben.
Wenig wirkungsvoll, sagen Kritiker. »Würden Sie jemandem, den Sie nicht kennen, einen Kredit geben, nur weil der bei Ihnen anruft und sagt, er wohne zwei Blocks weiter?«, fragt Kreditmarkt-Beobachter Achim Tiffe und resümiert: »Kreditvermittlungsplattformen sind höchstens für all jene Anleger interessant, die eine Million auf der hohen Kante haben und dann mal 50.000 Euro als Risikokapital in diesem Bereich zur Verfügung stellen.«
Hinzu kommt, dass der Markt für Konsumentenkredite in Deutschland zu einem der am härtesten umkämpften gehört und die Zinsmargen hauchdünn sind. »Das Geld wird einem doch nachgeworfen«, sagt Stefanie Laag von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. »Und wenn man bei einer Bank keinen Kredit mehr bekommt, kriegt man ihn auf den Plattformen auch nicht.«
Gerade hier könnte sich die Verbraucherschützerin irren. Im August öffnete Smava seinen Marktplatz für die bisher gesperrten Kreditsucher aus den Schufa-Bonitätsklassen G (Ausfallrisiko 10,72 Prozent) und H (15,02 Prozent); andere Anbieter hatten hier nie Restriktionen. Eine Studie der Deutsche Bank Research sieht insbesondere im Geschäft mit riskanten Schuldnern eine Chance für die Kreditvermittlungsplattformen. Zumal unzuverlässige Kreditnehmer sich eher verpflichtet fühlten, Menschen ihre Schulden zurückzuzahlen als einer unpersönlichen Bank. Für Kreditsucher mit guter Bonität jedoch blieben die Kreditvermittlungsplattformen ein Nischenmarkt.
Und die Banken? Die Platzhirsche im Kreditgeschäft bleiben gelassen. Für »ein interessantes Phänomen, vor allem unter Marketing-Gesichtspunkten« hält Peter Wacket, Geschäftsführer des Bankenfachverbands, die Kreditvergabe von Privat an Privat. Prinzipiell seien auch Kooperationen von Kreditbanken mit Kreditplattformen denkbar. Wen du nicht besiegen kannst, mit dem verbünde dich, so könnte es scheinen. Doch Oliver Zilcher vom Marktführer in Sachen Ratenkredit, der Citibank, winkt ab. »Bei einem Konsumentenkreditmarkt von rund 130 Milliarden Euro werden diese Plattformen in Deutschland immer nur einen sehr geringen Anteil haben«, sagt Zilcher. »Eine Kooperation kommt für uns nicht infrage.«




Zitat: "Zumal unzuverlässige Kreditnehmer sich eher verpflichtet fühlten, Menschen ihre Schulden zurückzuzahlen als einer unpersönlichen Bank"Dafür gibt es (noch) keine belegenden Statistiken. Zumindest bei Prosper (ca. 18 Monate am Markt) trifft es nicht zu. Dort sind die Ausfallraten weit über denen für herkömmliche Kredite von Schuldnern gleich schlechter Bonität. Bei Krediten mit sehr niedrigen Bonitäten hat die Mehrzahl der Anleger bei Prosper bisher Verlust gemacht.Claus Lehmann[Der Link wurde gelöscht. /Die Redaktion pt.]
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