Indien Wo ist unser Land?
Sie sind die Vergessenen des Wirtschaftswunders in Indien, das Bundeskanzlerin Merkel gerade besucht: die Landlosen. Reportage von einem Protestmarsch nach Delhi.
Bei Agra/Indien - Ein Bild wie von Brecht, Lumpenproletariat formiert und wehrt sich: 25.000 Menschen, die in drei Reihen marschieren, die meisten in Gummisandalen, viele barfuß, in der Mitte die Frauen in bunten Saris, außen die Männer in cremefarbenen Hemden und ebensolchen Dotis, den um die Beine geschlungenen Tüchern. Die Männer tragen ihr Bündel aus Plastikfolie auf der Schulter, die Frauen balancieren es auf dem Kopf. Jeder Einzelne hält einen langen Stock mit einer grün-weißen Fahne von »Ekta Parishad« in der Hand, der indischen Landrechtsbewegung. Zwischen den Reihen Platz für die Ordner, Musiker und Sänger, nötigenfalls Jeeps oder andere Fahrzeuge. Vor jeder Tausendschaft ein Traktor, der einen Wassertank zieht, dahinter eine Fahrradrikscha mit zwei großen Lautsprechern aus Blech, einer nach vorne, einer nach hinten gerichtet. Es ist so laut wie fast immer in Indien.
Ein Protest der Ärmsten, Machtlosen, der Vergessenen und Zurückgelassenen des indischen Wirtschaftswunders: kann er überhaupt etwas bewirken, sich Gehör verschaffen? Ein Hoffnungszeichen ist an diesem Montag gekommen. Am Wochenende hatten die Bauern das Zentrum Delhis erreicht. Noch in der Nacht werden sie von der Polizei eingekesselt. Am Telefon berichteten Teilnehmer aufgebracht, dass sie auf dem Platz keinen Zugang zu Wasser, Nahrung oder sanitären Anlagen hätten. Die Hauptstadtpresse war bald vor Ort, Fernsehteams, auch BBC und CNN. Montagmittag dann die Ankündigung: Der Landwirtschaftsminister will eine Kommission einrichten, an die sich jeder Inder wenden kann, der illegal von seinem Boden vertrieben wurde. Die Landlosen würden daran beteiligt. Eine Hauptforderung des Protestmarschs könnte sich erfüllen.
Die Gesichtszüge und -farben der Marschierer sind in jeder Tausendschaft anders, auch die Muster der Saris, der Schmuck, die Zurückhaltung oder Selbstsicherheit der Frauen, die Sprache, weil die Marschierenden aus ganz Indien stammen. Viele Demonstranten sind schon alt, Greise unter ihnen, damit in ihren Dörfern die Jüngeren weiterarbeiten können, obschon der Besucher später feststellen wird, dass die Kastenlosen, Angehörigen der unteren Kasten und Stammesmitglieder schon mit 50 aussehen wie Europäer mit 80. Seit zwölf Tagen marschieren sie, 150 Kilometer bereits, 200 Kilometer stehen ihnen noch bevor, bis sie Delhi erreichen. Hinter der Leitplanke staut sich der Verkehr. Nicht alle Autofahrer wirken begeistert. Aus Busfenstern knipsen Japaner.
Indien boomt. Über neun Prozent Wirtschaftswachstum jährlich, weltweit konkurrenzfähig die Informationstechnologie, Pharmazie, Biotechnologie, Raumfahrttechnik, Nuklearindustrie und natürlich der Dienstleistungssektor, der inzwischen nicht mehr nur Aufträge aus dem Westen abzieht, sondern auch Mitarbeiter. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt investiert der indische Staat mehr Geld in Forschung und Entwicklung als die Bundesrepublik Deutschland. In den Städten sind die Zeichen wachsenden Wohlstands unübersehbar, an dem vielleicht 200, vielleicht 250 Millionen Menschen wenigstens indirekt partizipieren, die Mobiltelefone, Hochhäuser und Shopping Malls.
Nun sind 250 Millionen Konsumenten zwar ein gewaltiger Markt für Konzerne, für Indien aber eine vergleichsweise geringe Zahl. 750 Millionen Inder haben wenig oder gar nichts vom Wirtschaftswachstum. Auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen liegt Indien daher auf Rang 126, noch hinter seinem Nachbarn Sri Lanka und nur knapp vor Bangladesch. Fast die Hälfte aller Kinder ist untergewichtig, prozentual mehr als in Äthiopien. Die indische Landwirtschaft, die zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt, wächst seit Jahren nur minimal. Auch die Nahrungsmittelproduktion stagniert, sodass der durchschnittliche Kalorienverbrauch nach staatlichen Statistiken sogar abnimmt. Der Verfall der Preise, der Abbau von Subventionen sowie die Senkung der Zölle für Einfuhren aus China, Pakistan und den Vereinigten Staaten haben viele Bauern in den Ruin getrieben. Derzeit begehen pro Jahr etwa 12.000 Bauern Selbstmord, nicht berücksichtigt die Dunkelziffer.
Niemand in Indien würde bestreiten, dass das Elend weiterhin jeder Beschreibung spottet, schon gar nicht die regierende Kongresspartei mit ihren linken Koalitionspartnern, die den Wahlkampf mit sozialen Versprechungen bestritten haben. Das Parlament hat vor Kurzem ein Gesetz verabschiedet, das jeder Familie ein Minimum von 100 Tagen Arbeit im Jahr garantiert. Aber die Wirtschaftspolitik des Landes und ein großer Teil des öffentlichen Diskurses gehen von der Annahme aus, dass der wachsende Reichtum nach unten durchsickere. Mittelbar würden so auch die Ärmsten vom freien Markt profitieren, durch höhere Steuereinnahmen, durch einen Ausbau der Infrastruktur und neue Arbeitsplätze. Stimmt das, stimmt es vor allem auch für die ländliche Bevölkerung? Der Bundesstaat Gujarat, in dem die Wirtschaft landesweit am schnellsten wächst, verzeichnet zugleich eine der höchsten Selbstmordraten von Bauern.
Gewöhnlich sieht man die spindeldürren Unterschenkel der Männer nur vereinzelt oder aus der Entfernung, wenn man mit dem Zug aus der Stadt fährt, in den Hütten entlang der Gleise, oder dann auf den Feldern mit Strohballen auf dem Rücken oder Reisig, die faltigen Gesichter, die Haut manchmal stumpf wie abgenutztes Leder, außerdem der elegante Gang selbst der ältesten Frauen, zumal im Vergleich mit den 50 Unterstützern aus dem Westen. 25.000 Menschen unter der Sonne sind eine schier endlose Prozession, erst recht, wenn man sie zwischen zweien der drei Reihen überholt. Einmal, fast schon vorne angekommen, macht der Besucher Rast an einer Tankstelle. Bis der Jeep eintrifft, der ihn wieder nach vorne bringt, schaut er mit dem Tankwart, der ihm Wasser und einen Stuhl anbietet, dem Menschenstrom zu.
»Arme Leute«, sagt der Tankwart, dessen Eltern noch auf dem Feld gearbeitet haben. Er selbst hat Automechaniker gelernt und freut sich, dass immer mehr Leute unterwegs sind auf der Autobahn zwischen Mumbai und Delhi. Leider nur werden die Autos immer komplizierter gebaut, mit immer mehr Elektronik, die nur die Vertragswerkstätten beherrschen. Wenn seine jüngste Tochter weiter so fleißig ist, darf sie auf die englischsprachige weiterführende Schule. Dann wird sie eines Tages vielleicht auch bei ihrem Vater tanken. »Sehr arme Leute«, antwortet der Besucher. »Was wollen sie?« – »Sie wollen Land. Sie wollen Land, um leben zu können.«
»Macht die Landlosen zu Bauern« hieß ein Slogan Mahatma Gandhis, der nach der Unabhängigkeit in einer umfassenden, freilich unvollendet gebliebenen Landreform mündete. Heute geschieht täglich das Umgekehrte: Aus Bauern werden Landlose. Wo Bodenschätze entdeckt, Fabriken gebaut, multinationale Konzerne angesiedelt werden oder eine der vielen steuerfreien Sonderwirtschaftszonen eingerichtet wird, haben die Bewohner selten eine Chance. Gedeckt von Politikern und Beamten, die mit Einnahmen für den öffentlichen und oft genug ihren privaten Haushalt rechnen dürfen, rücken private Sicherheitsdienste oder gleich die Polizei selbst an, um jene Bauern zu vertreiben, die ihren Boden nicht für ein paar Rupien verkaufen. Oft ist nicht einmal pro forma ein Kaufangebot nötig. Viele Familien bewirtschaften seit Generationen ihr Stück Land, ohne durch Papiere als Eigentümer ausgewiesen zu sein. Eines Tages steht vor der Hütte ein Anwalt mit einem Kaufvertrag, den sein Mandant mit dem Staat abgeschlossen hat. Die 25.000 Menschen, die zum Parlament nach Neu-Delhi marschieren, sind keine Unterstützerbewegung, sondern durchweg Betroffene.
Bei Babam Saharia kam das Forstamt vorbei, das Forst Department, um genau zu sein. Als Angehöriger eines sogenannten primitiven Stammes ist er in den Wäldern aufgewachsen, lebte wie seine Vorfahren von allem, was an und unter den Bäumen gedeiht, Früchten, Nüssen, Linsen. Papiere, die sie als Eigentümer auswiesen, hatte niemand. Ein Großgrundbesitzer aus der Gegend kaufte das Stück Land, das Babam Saharia und seine Nachbarn bewirtschafteten – indem der Großgrundbesitzer die Beamten bestach, ist sich der 40jährige dürre Mann mit den beinah weißen Haaren sicher. Forstwächter standen mit Waffen vor seiner Hütte, auch die Polizei. Die Bauern wurden mitsamt ihren Familien zusammengetrieben, auf die Ladefläche eines Lkw gepfercht und hinter den Bergen abgesetzt. Wenn ihr zurückkehrt, töten sie euch, gaben ihnen die Bewacher mit auf den Weg. »Wann geschah die Vertreibung?«, fragt der Besucher. »1983.« – »1983? Aber da waren Sie doch erst sechzehn Jahre alt.« – »Ich lebte damals schon mit meiner Frau. Die Kinder kamen später.« – »Und die Frau?« – »Ist gestorben.«
Saharia wurde Landarbeiter, ohne die Hoffnung aufzugeben, seinen Boden zurückzugewinnen. Die Fußsohlen vollständig auf dem Boden, sitzt er in der Hocke und holt aus seinem Styroporbeutel die Briefe hervor, die er und seine Nachbarn seither verschickt haben. Auf manchen Briefen ist eine handschriftliche Notiz eines Beamten, einmal sogar des Forstministers auf Englisch zu erkennen, im Sinne des Gesuchstellers. Aber nichts geschah, meint Saharia bitter. Einmal hat er dem Großgrundbesitzer aufgelauert, ihn angegriffen, mit bloßen Händen, wie er betont. 22 Tage saß Saharia dafür im Gefängnis. Vor einigen Jahren hat er sich der Bewegung Ekta Parishad angeschlossen, dem »Vereinigten Forum«, das den Widerstand gewaltfrei und mit Hilfe ehrenamtlicher Anwälte betreibt.
Unfassbar sind Organisation und Disziplin. Der Jeep, der sich den Weg bahnt, gleitet wie durch Wasser, so geschmeidig öffnen sich die Reihen und schließen sich hinter dem Auspuff wieder. Pro Tausendschaft fährt ein Lastwagen mit den Lebensmitteln zu den Lagerplätzen voraus. Das Wasser füllen sie kostenlos an Tankstellen auf. Eine warme Mahlzeit täglich kennen die wenigsten von zu Hause. Nach dem Essen breitet sich entspannte Geschwätzigkeit aus. In Grüppchen sitzen die Menschen auf der Straße wie früher die Friedensdemonstranten in Mutlangen. Dann, wie auf ein Signal, wieder Geschäftigkeit, da sich vor Einbruch der Dunkelheit noch alle gründlich reinigen, die Frauen vor den Wasserwagen, die Männer meistens vor Schläuchen, mit denen sie sich gegenseitig abspritzen, stets mit Seife, die zugleich als Shampoo dient und den Frauen als Waschmittel für ihre Saris. Verblüffend ihre Geschicklichkeit, die Scham zu bewahren, wogegen die Westler ziemlich verschlissen aussehen. Neben der Straße sind Gräben ausgehoben, quer darüber Holzbretter. Stöcke ragen aus der Erde, um die eine blau-weiße Plastikplane so herumgeführt worden ist, dass die 500 Toietten Kabinen haben.
Dass Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger die Autobahn von Frankfurt nach Köln auch nur einen Tag blockieren dürften, wäre undenkbar. In Indien legt es keine Regierung auf eine Konfrontation an, weder in den Bundesstaaten noch in der Hauptstadt, weil die Demonstranten die Untersten der Gesellschaft repräsentieren, damit die Mehrheit der Wähler. Der Landwirtschaftsminister, der sein Erscheinen angekündigt hatte, entschuldigte sich kurzfristig mit einer Kabinettssitzung. Enttäuschung mischte sich in die Erschöpfung der Teilnehmer, dazu die Kälte bei Nacht, die sie auf dem Asphalt oder dem Feld verbringen. Wohlhabende Inder haben Decken gespendet, das Stück für ein oder zwei Euro, aber es sind viel zu wenige. Entlang der gesamten Strecke verteilen Hausfrauen Gebäck, singen Schulkinder Ständchen und sprechen Lokalpolitiker Grußworte. Aus Delhi oder Mumbai fährt gelegentlich ein Intellektueller oder ein Schauspieler vor, der einen Nachmittag lang mitmarschiert. Ein ständig lächelnder, weiß gewandeter Heiliger mit langem schwarzem Bart, der sich dem Zug angeschlossen hat, hat bereits 4000 Schuhe gesammelt. Er selbst läuft barfuß.
Das zentrale Begehr der Demonstranten ist verblüffend moderat. Keine Umverteilung, keine Enteignungen, nicht einmal neue Gesetze – die Regierung soll lediglich die Landreform, die in der Verfassung verankert ist, umsetzen und den öffentlichen Boden an die Landlosen verteilen. Außerdem jene Kommission, die den Vertriebenen zu ihrem Recht verhelfen soll. Bis jetzt, so die Bauern, würden sie mit ihren Anliegen vom Distrikt an den Bundesstaat und vom Bundesstaat nach Delhi verwiesen – und wieder zurück. »Wir setzen auf den Dialog mit den Politikern, nicht auf Konfrontation«, betont der Führer von Ekta Parishad, den alle nur Rajagopal nennen, ein sanfter Mann von knapp sechzig. Seine Bewegung ist den Idealen Gandhis verpflichtet und setzt sich damit von den Naxaliten ab, der maoistischen Widerstandsgruppe, die im Nordosten Indiens inzwischen ganze Landstriche kontrolliert.
Natürlich geht es Rajagopal um mehr als um eine neue Behörde. Er will die Politiker und überhaupt die indische Öffentlichkeit davon überzeugen, die Industrialisierungspolitik des Neuen Indiens zu überdenken, die zu einer systematischen Zerstörung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft geführt habe. »Die indische Mittelklasse ist es, die wir gewinnen wollen«, meint Rajagopal. »Sie müssen erkennen, dass die Armut, die sich ausbreitet, letztlich ihren eigenen Wohlstand, ihre eigene Sicherheit bedroht.« Die Bauern, die ihre Lebensgrundlagen verloren hätten, würden zwangsläufig in den Slums der Großstädte landen. »Niemand mag Slums vor der Haustür haben. Slums gelten den Bürgern als schmutzig, als Quell von Krankheit, Gewalt und Kriminalität. Also sagen wir: Hört endlich auf, ständig neue Slums zu produzieren.« Doch die indische Mittelklasse schaue wie gebannt in den Himmel der Globalisierung, verblendet durch den eigenen ökonomischen Aufstieg und die Segnungen des Konsums: »Es wird Zeit brauchen, bis sie merken, dass unter ihnen der Boden wegbricht.«
Ram Paydiri aus dem Dorf Kali Pari im Distrikt Shivpuri, Bundesstaat Madhya Pradesh, will dem Besucher die Füße küssen, als sie erfährt, dass er im Ausland über den Marsch berichtet. Sie ist Witwe, 50 Jahre alt, weiße Haare, von ihrem Hektar Land vertrieben vor langer Zeit, auch sie verprügelt, darf nicht einmal in die Nähe ihres Bodens kommen, die vier Kinder in die Stadt ausgewandert. An guten Tagen erwischt sie einen Job, auf dem Feld oder irgendeine Handarbeit, 50 Rupien für sie weiß nicht wie viele Stunden, ein Euro umgerechnet, lebt in einer Hütte aus Stroh. Warum sie dabei war? »Wir sind bereit zu sterben, um unser Land wiederzubekommen.« Was macht sie, wenn sie zurückkehrt? »Weiterarbeiten.« Und was, wenn sie alt ist, gebrechlich? »Arbeiten, solange ich Beine und Hände habe.« Aber wenn sie nicht mehr arbeiten könne? Sie sei doch ganz allein. Ram Paydiri versteht nicht.
Navid Kermani , Deutscher und Iraner, Schriftsteller und Orientalist, hat Reportagen, Essays und zuletzt den Roman »Kurzmitteilungen« veröffentlicht. Nun hat er Indien bereist. Der Artikel ist der erste einer lockeren Folge
- Datum 30.10.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
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Der Reichtum des Einen basiert immer auf der Enteignung und Armut des Anderen.
Das Gesicht der Globalisierung ist ein geschundenes, hungriges Gesicht eines Kranken. Der Markt und die Kapitalisierung haben versagt und werden weiterhin versagen. Der Renditerausch produziert Genozid, Krankheit und Tot. Staaten kapitulieren vor der Macht der Konzerne. Die Konzerne sind die endlos gierigen Schlünder der Reichen und Superreichen, die sich selbst nicht satt bekommend immer weiter den Zinsrausch feiern bis zum globalen Einbruch in absehbarer Zeit.
Ideologen verblenden den Mainstream und lassen sich dankend vom Vermögenden füttern, weil sie den abgezeichneten Weg der Gesellschaft in die Katastrophe schon längst erkannt haben und frühzeitig gewarnt sind, sich einem der modernen Feudalherren anzudienen um selbst nicht mit unter die Räder zu geraten wenn aufgerüstete Staaten mit Panzern die hungernde Masse zur Frohnarbeit und an die Front zwingen.
Alles wiederholt sich. Kennst du die Geschichte kennst du die Zukunft.
Der "Schwarzseher" hat nur vergessen, hinzuzufuegen, dass sich vor allem die einseitige, uebervereinfachte Sicht der Dinge wiederholt. Kennst du das Lamento der Schwarzseher, kennst du - nichts. Denn ihre Pseudo-Analyse ist seit Lord Byron immer dieselbe geblieben: Alles schlecht, Mensch ausgebeutet und missbraucht und der Freiheit beraubt. Nicht zufaellig aehnelt diese Sicht jener des Fanatikers (egal welcher Coleur oder Glaubensrichtung), der in der Geschichte gerade die logische Zuspitzung auf seine eigene Person erkennt - bzw. die (regelmaessig gewalttaetigen) Handlungen, die er daraus ableitet. Willkommen bei Hegel.
Ich empfehle stattdessen John H. Arnolds "History - A very short introduction" (Oxford 2000):
"It is sometimes suggested that we should study history to learn lessons for the present. [...] Apart from anything else, where these lessons (patterns, structures, necessary outcomes) to exist, they would allow us to predict the future. But they do not, the future remains as opaque and exciting as ever it did. [...] Thinking about what human beings have done in the past - the bad and the good - provides us with examples through which we might contemplate our future actions, just as does the study of novels, films, and television." (Seite 120)
Indien ist der beste Lehrmeister solcher Verfeinerung der Wahrnehmung, mit all seinen Unterschieden, rasanten Entwicklungen, Jahrtausende alten Gewohnheiten, immer neu gemischten Traditionen, Religionen, Technologien, Politiken, Lebensstilen. Und, bei aller Unvollkommenheit, seit 50 Jahren eine leidlich funktionierende Demokratie, welche immer wieder in Richtung Interessenausgleich zwischen all diesen drueckt, und so den Schwachen relativ mehr Gehoer (wenn auch nicht genug, das mag wohl stimmen!) verschafft als in vielen anderen Regionen der Welt.
Oliver Schmidt, Weblog www.oli-of-india.blog.de
"...Der Verfall der Preise, der Abbau von Subventionen sowie die Senkung
der Zölle für Einfuhren aus China, Pakistan und den Vereinigten Staaten
haben viele Bauern in den Ruin getrieben..."Lol, die Globalisierung, der wir alle ja sooo hilflos ausgesetzt sind und die uns gleichzeitig alle sooo reich macht. Bin gespannt, wie die indische Regierung das Problem löst, ob sie auch "ausländische Investoren" vermehrt ins Land locken will...Eine gesunde Entwicklung sieht nicht so aus, eine gesunde Entwicklung kann aber Jahrzehnte dauern, den Globalisierern und Großkapitalisten viel zu langsam. Wenn die nicht innerhalb von 5 Jahren westliches Niveau in den Großstädten sehen, dann geht es ihnen zu langsam. Dafür nehmen sie dann gerne auch Opfer hin, ist ja vermeintlich nur "vorübergehend" und trifft eh immer die Anderen.
"...Der "Schwarzseher" hat nur vergessen, hinzuzufuegen, dass sich vor
allem die einseitige, uebervereinfachte Sicht der Dinge wiederholt..."Die Gefahr besteht durchaus, es gibt auch immer Menschen die meckern, egal wie gut es gerade läuft. Aber siehst du nicht auch eine globale Fehlentwicklung? Oder ist das ein Wahrnehmungsproblem meinerseits? Ich bin weder mit der Entwicklung Deutschlands (zunehmende Auflösung in der EU) noch mit der Entwicklung der Demokratie (Unterwanderung und Erpressung durch Kapitalinteressen) noch mit der internationalen Situation (vermehrt Kriege und Androhungen, vermehrt wieder Aufrüstung) noch mit der Umweltsituation (globale Erwärmung, Vernichtung der letzten Regenwälder usw.) zufrieden.Das nichts perfekt läuft, ist klar, aber stimmt denn die Richtung? Ich finde nicht.
Ich stimme zu, dass die "Modernisierer" immer gern ueber die Spaene anderer Leute Leben hertrampeln. Und dass es den "Profiteuren" immer leicht faellt, von den anderen Anpassung, Flexibilitaet und/oder Geduld einzufordern. Vielleicht muss man den "Schwarzsehern" das zugute halten, dass sie holzschnittartig auf jene reagieren. Grober Klotz auf groben Keil, oder so aehnlich? Aber ist das das, was wir brauchen? Etwa an der ZEIT schaetzen wir doch gerade, dass ihre Artikel Raum fuer Nachdenklichkeit und Facetten bieten. Ich denke, dass Politik - "Entwicklung" ist ja letzlich damit identisch - sich auf Nachdenklichkeit, Behutsamkeit und Abwaegung von Facetten stuetzen sollte. "Entwicklung als freundlicher Prozess" im Sinne von Amartya Sen. Unsere Mediendemokratie laeuft anders, und einige Effekte des Kapitalismus auch. Schlecht, unbefriedigend!
Konsens soweit. Ich denke nur, dass Uebergeneralisierungen - "die grosse Richtung", "der" Kapitalismus, "die" Konzerne - nicht viel weiter helfen. Die verherrlichen dann auch das Leben auf dem Bauerndorf, weil ja so unkapitalistisch und Konzernfrei. Aber Bauerndoerfer sind oft weder freundlich noch entwickeln sie sich sonderlich. Deshalb leben soviele Inder in Staedten. In diesem Sinne ist die Geschichte ueber die Landlosen komplexer als nur "boese Konzerne, Kapitalisten machen gute Bauern arm". Das kommt in dem Artikel auch durchaus zum Ausdruck.
Oliver Schmidt, Weblog www.oli-of-india.blog.de
Wird die differenzierte Sichtweise und das Gerede, das Abwiegeln und der Hinweis auf die kommenden Schritte nicht zu einem billigen Selbstbetrug weil nicht sein kann nicht sein darf, was subjektiv nicht vorstellbar ist?Man sagt gerne Kinder sprächen die Wahrheit. Das ist vermutlich so, weil sie unverblümt sagen was sie sehen und denken ohne durch eine gesittete Normung Elemente zu verschweigen oder eine idealistische Brille Sachverhalte verzerrt betrachten. Es gibt eine Parallele, zu dem als pauschaliert oder allzu schlicht bezeichneten kritischen Beitrages.
Da wurden in der Tagesschau von einem Moderinsierungsbedarf Indien von über 500 Millarden Euro in den nächsten Jahrzehnten gesprochen. Nur jeder vierte Inder hat real etwas davon. Vollmundig wurde im nächsten satz ein grosses Stück vom Kuchen für Deutschland reklamiert. Soll ja Arbeitspltze daheim schaffen. Also soll wenigsten Indien vom und am deutschen Kapital genesen? Globale Fehlinvestion und Armut dank "stupid German money"?
Was bringen Erscheinungen wie Landflucht, Verstädterung, Slums für Indien? Chancenlose aber lenkbare und radikalisierbare Genereationen von Menschen, wie in Rio, Schanghai oder Los Angeles?
Indien steht in direkter Konkurrenz zu China und Japan. Protektionistische Bestrebungen gibt es dort wie überall.Wir vergessen zu oft das hier eine andere Kultur nicht mit deutschen moralischen Massstäben abgehandelt werden darf. Deutsche Investionen (und andere) sind willkommen, wo sie interne Probleme abmildern oder lösen helfen und die innenpolitischen Verhältnisse nicht in Frage stellen. Also was ist zu tun, nur deutlich laut meckern oder unseren Blick auf die Welt mal ab und zu realitisch sehen?
Verbesserungen - egal wo - brauchen einen langen Atem, leider. Sorry Indien, aber arme Kinder gibt es hier auch, eine ganze ahnungslose Generation.
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