Reisebericht Whisky auf dem Gipfel

Der große Reiseschriftsteller Patrick Leigh Fermor meldet sich aus den Anden

Sein Opus magnum hat er mit den Beinen geschrieben: Im Dezember 1933 machte sich der junge Patrick Leigh Fermor auf den Weg, um von Holland quer durch Europa nach Konstantinopel zu wandern. Der zweibändige Bericht über dieses Abenteuer begründete Fermors Ruhm und wirkte stilbildend für eine Generation von Reiseschriftstellern, allen voran Bruce Chatwin und Paul Theroux. Eine Berühmtheit war dieser Lebensakrobat schon vorher: Auf Kreta hatte er als britischer Agent den Widerstand gegen die Nazis organisiert und dabei den Oberbefehlshaber Kreipe gefangen genommen – eine Heldentat, die später fürs Kino verfilmt wurde. Nach dem Krieg bereiste Fermor die Inselwelt der Karibik, wo sein Debütbuch The Traveller’s Tree entstand. Er verbrachte Monate in französischen Klöstern, pilgerte zu den Ruinenstätten der alten Griechen und durchschwamm noch im Rentenalter die Dardanellen. Nebenan, auf dem Peloponnes, hat sich der heute 92-Jährige dann niedergelassen. Dass er nun Buch um Buch ins Deutsche geholt wird, ist das Verdienst des Dörlemann Verlags. In Manfred Allié hat er einen Übersetzer gefunden, der es versteht, die elegante, espritgeladene Diktion, wie Fermor sie pflegt, kunstgetreu wiederzugeben. Jetzt übertrug er Three Letters from the Andes, den Bericht einer Perureise, der auf Briefen basiert, die der Autor seiner Frau Joan schrieb. Mit fünf Freunden war er 1971 zu einer sechswöchigen Rundtour aufgebrochen, deren Höhepunkt eine Kletterexpedition in der Region von Cusco werden sollte.

Wiewohl mit reichlich Bildungswissen proviantiert, war Fermor im Klettern alles andere als firm. Doch kann er bald vermelden, dass man nach überstandener Höhenkrankheit und dank kältelindernder Whiskyapplikationen nunmehr das Panorama genieße – auf jene grandiose Gletscherwelt, die Fermors Sprache so ungemein plastisch reflektiert. Überhaupt gehören die Naturschilderungen zum Eindrucksvollsten dieses Buches. Egal, ob es im Zug hinauf nach Machu Picchu geht oder hinunter zum Titicacasee: Allerorts registriert er Flora, Fauna, Klima, wobei seine Landschaftsszenen den historischen Hintergrund einbeziehen. In dem Maße, wie unser Andenfahrer über Indiokulturen und alte Kolonialpracht, über Kirchen, Klöster und Inkaruinen zu berichten weiß, imaginiert er zugleich jene Vergangenheit, zu der ihm seine Reiselektüre die nötigen Fakten liefert: Prescotts Geschichte der Eroberung Perus.

Zur Politik äußert sich der Briefeschreiber nur am Rande; seine Gastlichkeit gegenüber allem Fremden ist viel zu gentlemanlike, als dass er sich über das Land ein Urteil anmaßen würde. Allenfalls kritisiert er den Zustand seines Frühstückseis, doch werden derlei Entbehrungen stets mit britischem Humor ertragen. Wir begleiten einen frohgemuten Globetrotter, der aus Erfahrung weiß, dass Aufmerksamkeit besser ist als Abwesenheit. Also geht er mit offenen Augen durch die Welt und schreibt, »was und wie es mir in den Sinn kommt«. Diese Empfänglichkeit ergibt einen Mischung aus Reportage, Autobiografie, Anekdote und ethnografischem Essay und fügt sich zu einem ebenso facettenreichen wie erhellenden Porträt von Peru um 1970. Es sind solcherart Mitbringsel, die einen Reisenden wie Fermor von jenen Touristen unterscheidet, deren flüchtige Bekanntschaft er im Süden des Landes macht: »Es waren nette Leute, aber sie hatten nicht die geringste Vorstellung davon, wo sie waren, woher sie kamen und wohin sie fuhren – ja warum sie überhaupt unterwegs waren.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
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    • Schlagworte Literatur | Belletristik | Anden
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