Was uns glücklich macht, merken wir oft erst, wenn es fehlt. So ist es auch beim Licht. Um diese Jahreszeit, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, bekommen wir es am eigenen Leib zu spüren: Morgens machen wir uns in der Dämmerung auf den Weg zur Arbeit, dann verbringen wir den Tag im Büro, nur um abends im Dunkeln wieder nach Hause zu fahren.

Vielen schlägt die ständige Unterbelichtung aufs Gemüt. Fast jeder Fünfte in Deutschland leidet an einer mehr oder weniger ausgeprägten „saisonal abhängigen Depression“ (das ergibt die schöne Abkürzung SAD, auf Englisch traurig). In Florida sind nur vier Prozent der Menschen betroffen, in New York 17, in Alaska 28 Prozent. Mit anderen Worten: Je weiter im Norden man lebt, je weniger Sonne man abbekommt, desto größer ist die Gefahr, vom winterlichen Stimmungstief gepackt zu werden.

Wir brauchen das Licht, um wach zu werden und uns fit zu fühlen. Es gibt Energie und hebt unsere Laune. Für das Gehirn aber gleichen die Tage im Winter einer einzigen langen Nacht. Die Folge ist, dass die Zirbeldrüse, ein kirschkerngroßes Nervenbündel in der Mitte des Gehirns, ungebremst das Schlafhormon Melatonin (wörtlich: „Schwarzmacher“) ausschüttet. Daraufhin schaltet der Körper einen Gang herunter, was zu Urzeiten, wenn im Winter die Nahrung knapp und das Gelände unwegsam wurde, vielleicht eine ganz sinnvolle Strategie war. Nicht umsonst halten einige Tiere Winterschlaf. Wir aber müssen in der Regel das ganze Jahr über Leistung bringen. Ein Winterschlaf ist für uns nicht drin. Diese Diskrepanz – der Körper sehnt sich nach einer Pause, unser Arbeitgeber nicht – schlägt vielen auf die Stimmung.

Das beste Gegenmittel wäre, morgens, sobald die Sonne aufgegangen ist, einen Spaziergang zu machen und den Tag mit einer Lichtdusche zu beginnen. Sogar ein bedeckter Himmel im Freien bringt es auf eine Beleuchtungsstärke von ein paar Tausend Lux. Das reicht, um die Melatoninbildung zu stoppen. Gleichzeitig kurbelt die Lichtdusche die Serotoninbildung im Kopf an. Serotonin ist ein „Glücksbote“ im Gehirn, eine Art Gegenspieler des Melatonins. Depressionen gehen häufig mit einem Serotonintief einher. Herkömmliche Antidepressiva treiben den Serotoninspiegel in die Höhe, wodurch sich auch die Stimmung hebt.

Aber wer hat schon die Zeit, morgens Licht zu tanken? Stattdessen hetzen wir ins Büro, an einen Ort, wo meist eine Lichtstärke von nicht mehr als 500 Lux herrscht – zu wenig, um die Bildung des Müdemachers Melatonin ganz zu stoppen und die Serotonin-Produktion anzukurbeln. Als Kompensation greifen wir zu Kaffee. Auch Kaffee senkt den Melatoninspiegel und bringt den Glücksboten Serotonin auf Trab. So ist der Kaffeekonsum in Europa nicht in Italien am höchsten, die größten Koffeinjunkies sind die Finnen.

Süßigkeiten lassen ebenfalls den Serotoninspiegel steigen. Vielleicht gibt es deshalb zur Weihnachtszeit traditionell Lebkuchen, Weihnachtsgebäck und Glühwein. Auch wenn es unromantisch klingt: Letztlich ist das auch eine Art von Selbstmedikation − wir versuchen verzweifelt, uns aus dem Serotonintief herauszufuttern.

Die kalorienarme Variante dieser Eigentherapie lautet ganz einfach: mehr Licht. 10000 Lux, eine halbe Stunde am Tag – von da an zeigt eine Lichttherapie Wirkung. Für Menschen, die nicht gern durch die Kälte spazieren, gibt es Lichtgeräte, die aussehen wie eine Höhensonne, allerdings nicht bräunen. Sie messen etwa einen Meter mal 50 Zentimeter und kosten zwischen 200 und 800 Euro.