Medikamente Wenn Pillen krank machen
Fünf Jahrzehnte nach dem Contergan-Skandal sind hierzulande mehr als 40.000 Arzneimittel zugelassen. Viele Nebenwirkungen sind kaum zu überblicken – trotz scharfer Testverfahren
Karen May ist gelernte Apothekerin, sie arbeitet an der Uni-Klinik in Greifswald. Regelmäßig checkt sie alle Neuzugänge – vor allem die Patienten, die über die Notaufnahme ins Haus kamen. Durchfall? Bluterbrechen? Dunkler Urin? Ohnmacht? Wenn sie solche Symptome in der Aufnahmeakte findet, geht sie sofort auf die Station. »Da liegt der Verdacht nahe, dass es sich um unerwünschte Arzneimittelwirkungen handelt«, sagt Karen May.
Eine einzige Tablette – so heißt der Zweiteiler, den die ARD am kommenden Mittwoch und Donnerstag ausstrahlen wird. Der Spielfilm erinnert an Deutschlands ersten großen Arzneimittelskandal. Vor 50 Jahren brachte der Aachener Hersteller Grünenthal das Schlafmittel Contergan auf den Markt, das schwere Missbildungen bei ungeborenen Kindern verursachte. Danach wurde hierzulande eine Arzneizulassungsbehörde geschaffen, die Gesetze wurden mehrfach verschärft. Jede neue Pille muss inzwischen einen dreistufigen Test durchlaufen, bevor sie in den Apotheken verkauft werden darf. Trotzdem kam es auch danach noch zu dramatischen Zwischenfällen.
Egal ob Lipobay, Vioxx oder Bextra – immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Medikamente vom Markt genommen, weil sie Leben oder Gesundheit bedrohten. Und das sind nur die Fälle, die Schlagzeilen machten. Insgesamt kommt es in Deutschland derzeit bei rund 15.000 bis 17.000 Patienten jährlich zu Nebenwirkungen, berechnete das für die Zulassung zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Nach Ansicht des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen ist die Zahl der Arzneiopfer sogar noch höher, weil solche Komplikationen vom behandelnden Arzt nicht immer erkannt und noch seltener der Behörde gemeldet werden. Die Experten gehen davon aus, dass jährlich rund 80.000 Patienten wegen Nebenwirkungen ins Krankenhaus müssen.
Wie kann das passieren, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen? Ein Grund ist die ständig wachsende Zahl von Medikamenten. Mehr als 40.000 Arzneien gibt es inzwischen in Deutschland. Und ständig werden es mehr. Die Hersteller neigen dazu, jede Innovation als Durchbruch zu feiern. Aus der Sicht des Pharmakonzerns ist das verständlich – der Erfinder verdient nur gut an Produkten, die noch unter Patentschutz stehen. Für die Patienten sind die neuen Pillen jedoch nicht unbedingt besser als altbewährte Arzneien.
Das zeigt das Beispiel der Rheumamittel. Jahrzehntelang wurden gegen Gelenkschmerzen Arzneien wie Aspirin verschrieben, die den Magen der Patienten belasteten. Dann kam Ende der neunziger Jahre eine vermeintlich »mildere« Schmerzmittelgeneration auf den Markt, die sogenannten Super-Aspirine. Das industriekritische Fachblatt arznei-telegramm misstraute dem Marketing der Hersteller von Anfang an. »Hinter die Magenfreundlichkeit muss man ein großes Fragezeichen setzen«, so Herausgeber Wolfgang Becker-Brüser. Bald stellte sich heraus, dass die neuen Mittel zudem das Herz schädigen können. Deshalb wurden mit Vioxx und Bextra schon zwei dieser Medikamente wieder vom Markt genommen.
Der Slogan »Forschung ist die beste Medizin«, mit dem die Pharmaindustrie für ihre Innovationen wirbt, klingt deshalb wie Hohn in den Ohren von Becker-Brüser. Patienten, die mit ihren Mitteln halbwegs zurechtkommen, rät der Arzt und Apotheker von Experimenten mit neuen Pillen dringend ab: »Sonst tauschen sie bekannte Nebenwirkungen gegen solche, die noch nicht erforscht sind.«
Viele Probleme tauchen nämlich erst im Praxistest auf. Bei den klinischen Versuchen davor werden die Pillen in der Regel nur an 2000 oder 3000 Patienten getestet – seltene Komplikationen rutschen da schon mal durchs Raster. Zudem probieren die Pharmaunternehmen ihre Arzneien am liebsten an Menschen mittleren Alters aus, die, abgesehen von der behandelten Krankheit, relativ gesund sind. Sie tun das, um homogene Gruppen zu haben und die Wirkung des Medikaments unverfälscht messen zu können. Damit sind die Probanden aber nicht wirklich repräsentativ für das Gros der Patienten.
Frauen brauchen oft andere Dosierungen als Männer
In den Wartezimmern sitzen vor allem ältere Menschen. Die nehmen in der Regel nicht nur eine Arznei, sondern meist gleich mehrere Medikamente. Außerdem arbeitet ihr Stoffwechsel langsamer, die Wirkstoffe werden schlechter wieder ausgeschieden. Senioren sind deshalb überdurchschnittlich oft von Neben- und Wechselwirkungen betroffen. In einer alternden Gesellschaft wird die Zahl der Komplikationen künftig weiter wachsen.
»Bei älteren Menschen wird nahezu jeder fünfte Krankenhausaufenthalt durch Arzneikomplikationen ausgelöst«, weiß Petra Thürmann. Die Pharmakologie-Professorin arbeitet im Wuppertaler Klinikum und wertet aus, was die Greifswalderin Karen May und die Nebenwirkungsscouts aus drei weiteren Kliniken schicken. Das ernüchternde Ergebnis: In 30 bis 40 Prozent der Fälle hätten sich die Probleme durch andere Verordnungen oder geringere Dosierungen vermeiden lassen.
Das allerdings gilt nicht nur für die Alten. Auch Frauen werden oft falsch behandelt, weil Ärzte und Arzneihersteller ignorieren, dass der weibliche Körper anders funktioniert als der männliche. So profitieren etwa Männer mit schwachem Herzen von Medikamenten aus Fingerhutextrakt. Im klinischen Test lebten die Probanden dank des Präparats länger als die in der Placebogruppe. Bei Frauen dagegen war es umgekehrt. Die Digitalispillen, so vermutet Pharmakologin Thürmann, lösten bei ihnen Herzrhythmusstörungen aus. Sie vermutet auch, dass die Standarddosis für weibliche Patienten schlicht zu hoch ist. »Um das herauszufinden, müsste man eine Extrastudie mit Frauen machen«, sagt Thürmann. Für ein Altpräparat werde das jedoch kaum ein Hersteller freiwillig tun, »so eine Studie kostet ein paar Millionen Euro«. Thürmann selbst kann wenig mehr ausrichten als die Ärzte, die das Traditionsprodukt immer noch ohne Rücksicht auf Geschlecht und Gewicht des Patienten verordnen.
Mit ganz ähnlichen Datenlücken kämpften bisher auch die Kinderärzte. Nicht einmal jedes zweite Medikament auf dem deutschen Markt ist für Kinder getestet und zugelassen. Und das, obwohl Arzneien bei kleinen Patienten oft dramatisch anders wirken als bei großen: Antidepressiva zum Beispiel, die eigentlich die Stimmung aufhellen sollen, würden bei Kindern häufig die Suizidgefahr erhöhen, warnt Ulrich Hagemann. Er sorgt beim Bundesinstitut für Arzneimittel in Bonn dafür, dass sich solche Fälle in den Packungsbeilagen niederschlagen.
Behörden wetteifern um die kürzesten Zulassungszeiten
Um ihr Risiko zu minimieren, schließen bisher viele Hersteller in den Beipackzetteln Kinder als Nutzer ihrer Präparate einfach kategorisch aus. Statt Studien zu erstellen, bürden sie so dem Arzt die ganze Verantwortung auf. Je kleiner und kränker der Patient, desto weniger Arzneien stehen offiziell zur Verfügung. »80 bis 90 Prozent der Arzneimittel, die wir verwenden, sind nicht auf ihre Wirkung bei Kindern geprüft«, sagt Werner Garbe, Frühgeborenenspezialist im Bonner St.-Marien-Hospital.
Das soll sich künftig ändern. Aufgrund einer EU-Verordnung müssen Arzneihersteller alle Medikamente, die sie von Ende Juli 2008 an zur Zulassung vorlegen, auch bei Kindern testen. Als Ausgleich bekommen sie ein halbes Jahr zusätzlichen Patentschutz. Wenn sie darüber hinaus für Altarzneien entsprechende Studien nachliefern, haben sie bei den Kinderpillen sogar für zehn Jahre Ruhe vor Nachahmerkonkurrenz.
Kinderarzt Garbe fürchtet, dass vor allem die letzte Regelung zu Mitnahmeeffekten bei Medikamenten führen wird, die er jahrelang auf eigene Gefahr erprobte. So behandelte er Frühgeborene mit einem unausgereiften Herz-Lungen-Kreislauf lange Zeit erfolgreich mit dem patentfreien Schmerzmittel Indometacin. Kostenpunkt: rund 60 Euro. Inzwischen hat ein Hersteller mit Ibuprofen ein Mittel derselben Klasse an Kindern getestet. Jetzt zahlt die Klinik für die Therapie fast das Achtfache.
Den Vorwurf der Preistreiberei will die Industrie nicht auf sich sitzen lassen. Die Regelung ermögliche lediglich »Kostenneutralität«, heißt es beim Verband Forschender Arzneihersteller, wo man auf ein entsprechendes Gutachten der EU verweist. Auffällig ist, dass sich die Hersteller kaum gegen die Verordnung wehrten, wo sie doch sonst stets gegen die Sicherheitsmaßnahmen bei der Zulassung wettern. Weltweit wetteifern die Arzneibehörden inzwischen um die kürzesten Zulassungszeiten. Überall macht die Pharmaindustrie Druck auf die Politik, Schnelligkeit als Standortfaktor zu verstehen.
So auch in Deutschland, wo der Verband Forschender Arzneimittelhersteller vor einigen Jahren ein Gutachten der Beratungsfirma Boston Consulting vorlegte. Darin wird detailliert beschrieben, wie die Bonner Zulassungsbehörde in eine gebührenfinanzierte »Arzneimittelagentur« umzuwandeln und der Vorstand künftig »erfolgsabhängig«, sprich nach Zahl der Zulassungen zu bezahlen sei. Zum Ärger einiger Genossen machte sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) das Konzept zu eigen. Und beinahe wäre daraus jetzt ein Gesetz geworden. Die CSU zog schließlich die Notbremse. »Der Schutz der Gesundheit der Patienten ist höherrangig als das Interesse der Hersteller«, schrieb der bayerische Unionsfraktionsvize Wolfgang Zöller der Ministerin. Er verlangte weitreichende Änderungen, worauf Schmidt das Projekt vergangene Woche beerdigte.
Dabei muss die Gebührenfinanzierung der Kontrollbehörden nicht zwangsläufig zu Herstellerhörigkeit führen. Die amerikanische Gesundheitsagentur FDA etwa hat in der Vergangenheit bei fast allen Arzneiskandalen die Richtung gewiesen. Schon im Fall Contergan untersagte Amerika als einziges Industrieland von vornherein die Vermarktung, in den vergangenen Jahren veranlasste die FDA die meisten schlagzeilenträchtigen Rücknahmen. Bei alledem galt sie immer als vorbildlich wegen ihrer Schnelligkeit. Doch die Finanzierung allein ist nicht entscheidend für die Geschwindigkeit der Zulassung. So hat die deutsche Behörde schon in den Jahren, als man über ihre Reform diskutierte, ihr Tempo mehr als verdoppelt.
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
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Gewiss, jede einzelne Pille wird von einer langen Beschreibung sämtlicher möglichen Nebenwirkungen begleitet. Leider weiß aber niemand, was sich ereignen könnte, wenn wir zwei oder mehr Drogen gleichzeitig verwenden. Angesichts von 40.000 Arzneimitteln geht die Zahl der möglichen Kombinationen ins Astronomische. Niemand kann mit Sicherheit voraussagen, wie sich mehrere Drogen miteinander vertragen. Heben sie gegenseitig ihre Wirkung auf, oder verursachen sie vielleicht neue, noch unbekannte Resultate? Und wie, bitte schön, vertragen sie sich mit unserer normalen Diät? Nur durch Zufall erfuhr ich, dass sich eine meiner Medizinen nicht mit Soja verträgt, während bei einer anderen der Genuss von Pampelmusen gefährliche Resultate hat.
Lipobay war zweifelsohne ein medienträchtiges Ereignis, aber nicht die Folge eines schlechten Zulassungsverfahrens. Die Nebenwirkungen und Warnungen vor der Nutzung mit anderen Stoffen wurden von Beginn an deutlich gemacht.Man sollte eigentlich davon ausgehen dürfen, dass Ärzte bei der Verschreibung neuer Medikamente die Rote Liste zur Hand nehmen. Die tödliche Wechselwirkung wurde auch nicht durch eine handelsübliche Substanz, sondern aus ein verschreibungspflichtiges Medikamt aus derselben Wirkungsgruppe(!) ausgelöst.Da dies nicht getan wurde, müssen Menschen weiterhin mit schlecht eingestellten Medikamtencocktails mit hohen "direkten" Nebenwirkungen behandelt werden.Was nicht vom Artikel erfasst wird, ist die Sorglosigkeit, mit welcher mit Medikamenten umgegangen wird. Selbst habe ich Epilepsie und nehme Lamotrigin. Wie obiges Medikamt hat es erheblichen Einfluss auf mein Leben.Den sehr langen Beipackzettel habe ich ausgiebig studiert. Paracetamol hat einen "klinisch vernachlässigbaren" Effekt, aber ich nehme es trotzdem nicht - es gibt Alternativen. Gibt es diese nicht, muss man konservativ bei der alten Behandlung bleiben. Der laute Schrei nach neuen Stoffen beeinträchtigt ja vielleicht die Qualität des Zulassungsprozesses...
aber dem deutschen Patienten stehen knapp 9000 Präparate und weniger als 3000 Wirkstoffe zur Verfügung. Wenn man davon ausgeht, dass im Wesentlichen das verordnet wird, was in der Roten Liste aufgeführt ist.
Abgesehen davon, dass ich es für sinnvoll erachte, über die genauen Nebenwirkungen von Medikamenten bei Kindern Bescheid zu wissen, ergeben sich für mich dennoch Bedenken:
Wie sollen denn neue Wirkstoffe an Kindern getestet werden? Stellt sich hier denn nicht das Problem, dass Kinder womöglich die Gefahr solcher Tests für sich nicht einschätzen können und daher keine mündigen Einwilligungserklärungen vorliegen? Oder sollen Eltern für das Risiko ihrer Kinder entscheiden?
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