Endlich kommen die Dinge in Bewegung. Mit einem Riesenaplomb hat das ZDF im Juni dieses Jahres seine Studie zu Migranten und Medien vorgestellt, und von kommenden Montag an kümmert sich der Sender unter dem Motto »Wohngemeinschaft Deutschland« eine Woche lang intensiv ums Thema Integration. Die ARD sonnte sich bereits 2006 im Kritikerlob, das sie für ihre Vorabendserie Türkisch für Anfänger erhielt; Fortgeschrittene konnten sich bei ProSieben den Spielfilm Meine verrückte türkische Hochzeit (2006) oder die Doku-Soap Gülcans Hochzeit (2007) zu Gemüte führen. Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer wünscht sich mehr Journalisten mit Migrationshintergrund, der WDR macht sich per Anzeige auf die Suche nach entsprechenden Mitarbeitern; der gute alte Ausländerfunk als Nische und Funkloch für »ausländische« Kollegen hat dann bald ausgedient. Wird nun wirklich alles gut in der Deutschland-WG?

Das Raumschiff Enterprise hat es schon vor Ewigkeiten vorgemacht: Von beiden Geschlechtern, von jeder Hautfarbe, von jedem Stern gehört einer auf die Kommandobrücke. Nun verlangt niemand eine ähnliche Quotenregelung für jedes Sendergremium und jede Serie. Doch die deutsche Presse, die Rundfunk- und Fernsehanstalten tun sich schwer genug, überhaupt mal ein paar Migranten an Bord zu lassen. Bleiben wir der Übersichtlichkeit halber beim Leitmedium Fernsehen und zappen uns einmal durch die vorabendliche Serienlandschaft, bevor die Tagesschau- Sprecherin die Nachricht von neuen Flüchtlingsleichen an europäischen Küsten verkündet.

Auf RTL bleiben die Deutschen bei Unter uns komplett unter sich, genauso wie bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Im Kinderkanal wird das Internat Schloss Einstein fast ausschließlich von deutschen Jungs und Mädels besucht, und sonderbarerweise laufen selbst in dem Berlin, in das Sat.1 nach dem Vorbild einer kolumbianischen Telenovela verliebt ist, keine Multikultis herum. Wo »Zusammenleben« nicht explizites Thema eines eigenproduzierten Spielfilms ist, kommen Migrationshintergründler offenbar überhaupt nicht vor.

Eine rühmliche Ausnahme macht die Lindenstraße. Natürlich haben auch hier die Herzensergüsse eines Gung oder Marys Asylprobleme stets weniger Sendeminuten gefüllt als die Haushaltslogistik der Mutter Beimer; natürlich war das südländische Temperament Nikos Sarikakis’ von Anfang an so überzeichnet wie später die Aids-Erkrankung seiner Schwägerin Bariya. Doch überzeichnet waren auch der sanfte Lederjacken-Machismo Andy Zenkers oder die Xanthippiaden der Else Kling. Die Lindenstraße sammelt nun einmal die Typen und Extreme, und sie beherbergt in ihrem großen Herzen insbesondere die Scheiternden und die Sozialfälle – bei denen sie aber nicht unterscheidet zwischen Menschen mit deutschem oder sonstigem Pass. Inländer und Ausländer sind einander hier absolut ebenbürtig in ihrer Nähe zu Alkoholismus und Hartz IV, zu Scheidung, Gewalttätigkeit oder Selbstmordgefahr. Am ganz anderen Ende des Serienspektrums macht die ARD Ernst mit der »Integration«, wenn Ende des Jahres die halb deutsche, halb kongolesische Schauspielerin Dominique Siassia die Hauptrolle in Sturm der Liebe übernimmt.

Doch die ansonsten übliche Unterschlagung der Minderheit ist leider kein Phänomen der kommerziellen Fernsehsender allein. Das ostfriesische ZDF-Dörfchen, in dem Doktor Martin Sprechstunde hält, ist von den Migrationsbewegungen der Neuzeit ausgespart geblieben, auch der Wald ums Forsthaus Falkenau ist allein in deutscher Hand. Während Adlige im Vorabendprogramm in überstatistischer Hülle und Fülle ihren Auftritt haben, findet sich von den Nachkommen der einstigen Gastarbeiter keine Spur. Wird in der Integrationswoche des ZDF also endlich eine türkischstämmige medizinisch-technische Assistentin Doktor Martin zu Hilfe eilen? Oder ein Flüchtling aus dem Kosovo im Forsthaus einziehen?

Eher unwahrscheinlich, wenn man sich das Programmangebot der »Wohngemeinschaft Deutschland« ansieht. Beeindruckend umfangreich und vielfältig ist es schon, es reicht von Dokumentation und Reportage bis hin zu Spielfilm, Show und Kinderprogramm. Ernstes und Heiteres, Alltäglich-Menschliches, Politisches und auch Politikkritisches wechseln sich dabei ab. Doch eine Wohngemeinschaft funktioniert eben nicht, wenn man nur einmal im Jahr ausgiebig feiert und die restlichen 51 Wochen übereinander herzieht. Ob sich das ominöse Desiderat »Integration im TV« auf Dauer einstellen wird, hängt also nicht von einzelnen Programmschwerpunkten ab, sondern vorrangig davon, ob sich Duktus, Inhalte und Darbietung der normalen Berichterstattung wandeln. Hier lässt sich zwischen dem gut Gemeinten, dem nur mittelmäßig Durchdachten und dem miserabel Gewordenen oft kaum unterscheiden – das gilt nicht fürs Fernsehen allein, sondern in gleichem Umfang auch für die Printmedien und dort für die Qualitätsmedien nicht weniger als für die Bild (siehe Seite 57). Gerade wenn über die vermeintlich kulturspezifischen Eigenheiten von Migrantengruppen aufgeklärt werden soll, unterbieten Fernsehbeiträge wie Zeitungsartikel einander in Klischees und »Informationen« auf Marianengraben-Niveau. Da erfährt man über »das Patriarchat des Islams« und »die Heißblütigkeit der Brasilianerinnen«, was man in solcher Verallgemeinerung über Naziaffinitäten und Weißwursttendenz »der Deutschen« seit Langem nicht mehr hören will.

Gerade die Obsession, mit der seit zwei Jahren das Thema islamisches Patriarchat im deutschen Fernsehen (bekanntermaßen ein Paradies verwirklichter Geschlechtergleichheit) rauf- und runtergenudelt wird, deutet allerdings auf das noch größere Problem hin: die Neigung von Nachrichtensendungen und Reportagen, vor allem Bilder von Problemfällen und Integrationsversagern in die Konsumentenköpfe zu hämmern. Und so wirkte es ungewollt komisch, als der ZDF-Intendant Markus Schächter in einer der vielen Senderbroschüren die Behauptung aufstellte, »Migration und Migranten/-innen gehören im ZDF zum Programmalltag«, und dann zum Beweis zahllose Sendungen aufzählte mit Titeln wie Zum Kopftuch gezwungen, Arbeitslosigkeit in Migrantenfamilien, Schule der Gewalt – ist Multikulti endgültig gescheitert?. Schön zwar, aus der ZDF-Studie zu erfahren, dass man migrantenseits in Sachen Mediennutzung keine Parallelgesellschaften betreibt (Türken schauen auch deutsches Fernsehen). Doch die von Schächter genannten Sendungen sind kaum geeignet, den Rest der WG hinter der Satellitenschüssel mit TRT und Avrupa TV hervorzulocken. Der müsste sich dann nämlich auf dem Bildschirm ständig zu Gemüte führen, wie rückständig, wenig integriert und wenig beliebt er beim deutschen Michel doch sei.

Da gelingt es ja noch eher der Unterhaltungssparte, und nicht dem von Schächter erwähnten Non-Fiction-Bereich, so etwas wie TV-mäßiges Zusammenleben zu ermöglichen. In einem konventionellen Aufklärungsbeitrag à la Kulturzeit regiert altes Vorurteil den pädagogisch erhobenen Zeigefinger, in der Abteilung Fiction hat man dagegen viel häufiger mit multikulturellen Kollegen zu tun. Fernsehvolkshochschule hebt meist auf den allgemeinen Typus des jeweiligen Fremden ab, der erzählende Modus von Vorabendserie oder Spielfilm räumt der einzelnen Figur viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten ein.

Gilt das aber auch, um die Probe aufs Exempel zu machen, für Comedy-Serien, die ja gerade davon leben, dass sie Klischees aufnehmen, variieren, eventuell auch perpetuieren? In Türkisch für Anfänger begegnen wir dem Halbstarken Cem, der sein Türkischsein vor allem durch Machogehabe und Schwesterbehüten zu beweisen sucht, sowie seiner Schwester Yagmur, die den Mangel an religiösen Instinkten innerhalb der Familie durch übertriebenes Kopftuchtragen wieder wettmachen will: vom Typus her Kompensierer und alle beide Klischee pur.

Kein Wunder, dass der Vater Metin, ein eher bodenständiger, durch und durch verfassungskonform assimilierter Polizist, ratlos ist, wenn seine Tochter Yagmur den Ramadan nicht nur selbst zelebriert, sondern auch den Rest der Familie zum Mitmachen überreden will. Diese »muslimische Identität«, auf die Yagmurs pubertäres Selbstwertgefühl angewiesen ist, ist eben kein Erbe väterlicherseits oder einfach »Tradition« und auch keine authentische »Kultur« des elterlichen Heimatlandes. Sie ist etwas sehr Gebrochenes, Postmodernes, das Yagmur, wie viele junge Mädchen in Deutschland, auf ihrem Ikea-Jugendbett hockend, selbst ausgebrütet hat.

Hier ist die Serienäher dran an der empirischen Vielfalt des Islams in Deutschland als so manche hektisch zusammengerufene Diskussionsrunde der Marke »Müssen wir uns vor dem Islam fürchten?«, mit der die Regionalsender ihrem Bildungsauftrag nachzukommen glauben. Und so hat man als Zuschauer von Türkisch für Anfänger keineswegs das Gefühl, dass da irgendwelche Stereotype einfach nur festgeklopft werden. Das Gleichheitsgebot der Lindenstraße gilt auch hier – schließlich sind alle Charaktere genregemäß überzeichnet, und das Lachen fühlt sich freundschaftlich an.

Eine Untersuchung der Projektgruppe integraTV an der Universität Erfurt bestätigt solche subjektiven Eindrücke. Erstens beobachteten die Medienwissenschaftler, dass die Serie bei den Probanden zwar nicht das gesamte Eis zwischen den Kulturen zum Schmelzen gebracht, den deutschen Zuschauern die türkischen Figuren aber doch in »tendenziell signifikantem« Ausmaß sympathischer gemacht hat. Zweitens enthielt die Serie zwar, wenig überraschend, eine ungeheure Menge »codierter Stereotype« über Türken und Deutsche; diese nehmen aber im Verlauf der einzelnen Folgen immer mehr ab.

»Es könnt alles so einfach sein – isses aber nich.« Eins nämlich hat das Fernsehen schon heute mit dem Raumschiff Enterprise gemein: Am Ende werden Romulaner, Klingone oder Borg doch von einem Terrestrier gespielt. Aufs Integrationsgebiet übertragen: von einem Einheimischen also oder jedenfalls von einem, der nur für den Einheimischen so aussieht, als käme er von besagtem fernen Stern. Wer bereits einmal einen Türken, Pakistaner oder Ukrainer aus der Nähe gesehen hat – es sollen heutzutage ja einige von ihnen auf hiesigen Straßen herumlaufen –, merkt meist sofort, dass bei der Besetzung etwas schiefgelaufen sein muss. Beispielsweise werden im Marienhof und bei der Küstenwache die wenigen Türkenrollen vorzugsweise mit Italienern besetzt, manchmal auch umgekehrt. Hauptsache, mediterran heißt offenbar die Parole der Castingleute.

Hauptsache, muslimisch lautete sie dagegen im Fall von Türkisch für Anfänger, wo die in Teheran geborene Pegah Ferydoni eine türkische Stiefschwester mimt. Und als auf ProSieben verrückt türkisch geheiratet wurde, wurde die Braut von Mandala Tayde gespielt, die ihren Namen deutsch-indischen Eltern verdankt. Weshalb sie auf der Türkenhochzeit physiognomisch ungefähr so echt wirkte wie all jene Deutschen, die sich im Cornwall der Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen tummeln. Oder wie der Franzose Pierre Brice, der mit Hilfe eines großen Tiegels roter Schminke zu Winnetou wurde.

Darüber mögen echte Apachen lachen können. Aber wäre es nicht schön, wenn die Tochter des Anatoliers auch tatsächlich mal von der Tochter eines Anatoliers dargestellt würde? Hier kommt ein kleiner Widerspruch zum Vorschein, den eine Untersuchung des WDR im vergangenen Jahr sehr hübsch herausgearbeitet hat: Einerseits wollen Migrationshintergründler auch mal Vertreter der eigenen »Community« im Fernsehen sehen. Insbesondere Teenager brauchen Rollenvorbilder, die für Italienischstämmige dann wirklich italienisch, nicht türkisch (und umgekehrt) sein sollten. Viel wichtiger ist aber eine andere Art von Normalität. Es ist für keinen jungen Menschen mit Migrationshintergrund ermutigend zu wissen, dass er immer nur Drogendealer spielen darf, sollte er später mal zum Fernsehen gehen.

Vielleicht hat ja kein Fernsehsender mehr für die Wohngemeinschaft Deutschland getan als ProSieben – nicht mit seiner verrückt-verrutschten türkischen Hochzeit, sondern als man für das Magazin Galileo den Moderator Aiman Abdallah einstellte, diesen Menschen, der mit schöner Unermüdlichkeit die Herstellung von Obstkonserven und Kniffs der Hollywood-Stunts erklärt. Über Multikulti hat er nichts zu berichten, sein Name suggeriert einen muslimischen Hintergrund, dieser wird aber weder auf seiner eigenen Homepage noch auf der von ProSieben aufgeklärt. Woher Aiman Abdallahs Eltern irgendwann einmal kamen, ist offenbar völlig unwichtig. Und genau das ist für Integration auf Dauer wichtig, im Fernsehen wie im richtigen Leben.

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