Im Traum wird seine Vision manchmal schon zur Wirklichkeit: Ronald Mallett klopft an eine Wohnungstür im New Yorker Stadtteil Bronx. Ein junger Mann mit krausem Haar öffnet. Seine braunen Augen blicken fragend, offensichtlich kennt er den Besucher nicht. Mallett bittet um Einlass und beginnt, den Mann zu beschwören: Er solle weniger rauchen, weniger trinken und weniger arbeiten. Ansonsten werde er sterben. In wenigen Wochen. Am 22. Mai 1955, einem Samstag. An Herzinfarkt. Der Mann, dem Mallett in seinen Träumen begegnet, ist sein Vater. Um ihn zu warnen, will Mallett in die Vergangenheit reisen.

Zweifelsohne wird der Afroamerikaner mit dem eleganten Schnurrbart und dem kräftigen Händedruck von der Fantasie getrieben. Doch um sie zu verwirklichen, arbeitet er mit Fakten und Vernunft: Ronald L. Mallett ist Professor für Theoretische Physik an der amerikanischen University of Connecticut. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sucht er nach einer Möglichkeit, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. In jeder freien Minute, wenn er nicht gerade lehrt oder liest, sitzt er an seinem Schreibtisch in der Hochschule oder an seinem Studiertisch zu Hause, rechnet und bringt Formeln zu Papier. Ihn treibt ein Ziel, das man eher in einem Science-Fiction-Roman als in einem nüchternen Forscherhirn vermutet: Mallett will eine Zeitmaschine bauen. Der übermächtige Wunsch, seinen Vater wiederzusehen, hat ihn zum Wissenschaftler gemacht.

Um Malletts Werdegang zu verstehen, muss man ihm in die Vergangenheit folgen. Und sich, wie er, im Sofa seiner Wohnung nahe Hartford zurücklehnen und die Geschichte Revue passieren lassen, die an besagtem Samstag 1955 ihren Ausgang nahm. Mallett war 10 Jahre alt, als sein Vater starb – ein Elektrotechniker, der das Gebäude der Vereinten Nationen in Manhattan mit verkabelt hatte und einmal dem jungen Walter Matthau aus der Patsche half, als dessen Fernseher versagte.

15 Cent kostet der Comic, der sein Leben verändern wird

»Es war, als wäre Superman gestorben«, sagt Mallett. »Plötzlich war alles völlig bedeutungslos.« Alles, außer Büchern. Von seinem Essensgeld kaufte sich der kleine Junge Comics. Jener, der sein Leben verändern sollte, kostete 15 Cent und erzählte die Geschichte aus H. G. Wells’ Roman Die Zeitmaschine . »Wollen Sie den Comic sehen?«, fragt Mallett und springt auf, um das in Klarsichtfolie gehüllte, kostbare Heftchen zu holen. »Wissenschaftler wissen sehr wohl«, liest er die erste Sprechblase vor, »dass Zeit eigentlich nur eine Form von Raum ist. Wir können uns in der Zeit vor- und zurückbewegen, genauso wie im Raum. Um diese Theorie zu beweisen, habe ich eine Zeitmaschine erfunden, um in die Zeit zu reisen.«

Mallett beschloss, es dem Comichelden gleichzutun: Aus ausgedienten Reifen, rostigen Rohren, meterlangen Kabeln und einem Fahrradsattel bastelte er ein Gefährt, das genauso aussah wie jenes auf der Zeichnung – halb Motorrad, halb Raumschiff. »Als ich den Stecker anschloss und den Schalter umlegte, passierte – nichts«, sagt Mallett und grinst. »Nicht einmal die Lichter gingen an.« Doch der Fehlschlag entmutigte ihn nicht. »Ich dachte, ich müsste einfach mehr wissen, mehr lesen und mehr lernen«, sagt Mallett. Er heuerte 1962 in der U. S. Air Force an, spezialisierte sich in Elektro- und Computertechnik und begann vier Jahre später sein Physikstudium an der Pennsylvania State University – obwohl er das Fach in der Schule gehasst hatte.

Mallett war ein Einzelgänger. Um eine Frau kennen zu lernen, besuchte er sogar einen Kuppel-Kurs (50 Wege, eine Liebe zu finden) und gab eine Zeitungsannonce auf (Abenteuerlustiger Astrophysiker sucht interessante terrestrische Begleitung). Für seine Zeitreisepläne fand Mallett allerdings schnell einen Verbündeten im Geiste, dessen Bild überall in seiner Wohnung hängt: Albert Einstein.