Schule Schulabbrecher
Appelle der Ministerin reichen nicht
Es sind nicht weniger als 80000 Jugendliche, die in Deutschland Jahr für Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. In schöner Regelmäßigkeit gibt es deshalb Vorstöße, diesem Drama ein Ende zu setzen. Erst im Januar versprach Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die Zahl der Schulabbrecher halbieren zu wollen, allerdings ohne ein Wort über das Wie zu verlieren. Zehn Monate später haben die Kultusminister immerhin einen »Handlungsrahmen« für dieses Ziel beschlossen: individuelle Förderung, Ganztagsangebote, Begegnungen mit der Arbeitswelt, vertiefte Berufsorientierung – so wollen sie selbst den hoffnungslosesten Fällen zu einem Zeugnis verhelfen. Wunderbar, prima, gute Idee! Auch wenn an diesen Vorschlägen kaum etwas neu ist. Die meisten werden längst praktiziert, obgleich mit unterschiedlichem Erfolg. So zeigt sich, dass in Stadtstaaten wie dem armen Berlin, wo es kaum noch Industrie gibt, die Abbrecherquote viel schwerer zu drücken ist als im prosperierenden Baden-Württemberg, wo gute Ausbildungsplätze auch Hauptschüler anspornen. Insofern stellt sich die Frage, ob pädagogische Konzepte das Problem überhaupt lösen können. Das aber wurde von den Kultusministern ebenso wenig diskutiert wie das Thema Risikoschüler. Seit’ an Seit’ mit den Abbrechern marschieren schließlich jedes Jahr noch einmal rund 140000 Schüler in die Perspektivlosigkeit, die zwar ein Zeugnis besitzen, aber für den Ausbildungsmarkt nichts taugen, weil sie weder richtig schreiben noch rechnen können. Ebenso übersehen wurden die 19 Prozent aller Jugendlichen, die keinen Berufsabschluss schaffen. Die Reparatur von Defiziten aus der Schulzeit kostet Deutschland jedes Jahr 3,4 Milliarden Euro. Die Beschlüsse der Kultusminister, für die bisher keinerlei Kontrolle oder Evaluation vorgesehen ist, machen nur Sinn, wenn kein einziges Zeugnis um der Abbrecherquote willen verschenkt wird. Keiner darf die Schule verlassen, ohne hinterher fit genug zu sein, eine Bewerbung zu schreiben und den Anschluss zu schaffen. Ansonsten entscheiden sich Ausbildungsbetriebe weiterhin lieber für den Abiturienten Achim als für den Hauptschüler Ahmed. Jeannette Otto
- Datum 31.10.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
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Wenn ein junger Mensch am Ende seiner Schulzeit nicht über die Voraussetzungen verfügt, die für eine Berufsausbildung notwendig sind, liegt die Ursache nicht im letzten Schuljahr, sondern viele Jahre zurück. Warum lässt man die Kinder Jahr für Jahr mit ihren Problemen allein? Warum wird nicht sofort reagiert wenn ein Kind mit seiner Leistung zurückbleibt? Am Ende der Schulzeit ist schon viel zu viel Porzellan zerbrochen, da ist die Seele des jungen Menschen schon voller Narben. Diese Verletzungen lassen sich nicht mehr ungeschehen machen.Auch in der Bildungspolitik gilt: Vorbeugen ist besser als heulen.
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