Porträt Das Wulffs-Lächeln

Auf einem Spaziergang mit Hanns-Bruno Kammertöns erzählt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff vom Leben im Wartestand der Macht

Osnabrück kurz vor zwei am Dienstagmittag. Weil weder vor noch hinter dem Rathaus verdächtige Personen auszumachen sind, hat Herr Müller vom Landeskriminalamt eben sein Handy genommen und sein »Okay« durchgegeben. Im Falle einer Gefahr hätte Müller der Wagenkolonne des Ministerpräsidenten das Zeichen zum Abdrehen gegeben. Also rollt der Trupp heran, pünktlich um zwei fallen hinter dem Rathaus Autotüren ins Schloss. Weil er sich hier auskennt, nimmt Christian Wulff den Hintereingang und tritt dann durch den Vordereingang leicht majestätisch hinaus ins Freie – in die Sonne Niedersachsens hinein.

Freundlich lächelnd federt der 48 Jahre alte Politiker die Treppenstufen hinunter, zu seinem hellblauen Wollpullover und dem offenen Hemd trägt der »Krawattenmann 2006« eine Jeans, die seine jugendliche Erscheinung dezent unterstreicht. In seiner Freizeit geht Wulff gerne spazieren, besonders in seiner Heimatstadt. Also hat er auch für diesen Spaziergang Osnabrück vorgeschlagen. Seine Freude über die Gelegenheit, mal wieder hier zu sein, scheint nicht gespielt. Hier ist er geboren und aufgewachsen, Gymnasium, Schülerunion, der erste Kuss an einer Haltestelle, Studium, der Wahlkreis später – alles Osnabrück. Man kann das ein bisschen viel finden oder ein bisschen wenig.

Christian Wulff erweckt den Eindruck, als könne er von Osnabrück nicht genug kriegen. Wohlig beginnt er seine Hände zu reiben, dann klopfen die Fingerspitzen energisch gegeneinander. Wulff öffnet die Arme, wie es Politiker gerne tun, wenn sie wollen, dass die Fotografen endlich ihre Bilder machen. »Eine schöne Stadt, und liebenswürdig weltoffen!«, ruft er aus, wenngleich noch nicht überall genug bekannt: »Die etwas Gebildeten denken an den VfL Osnabrück, an die Neue Osnabrücker Zeitung. Die noch Gebildeteren wissen vom Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück im Jahre 1648 – und die ganz Schlauen können sogar sagen, wie lange der Dreißigjährige Krieg gedauert hat.«

Auch er selber lacht nur kurz, dann zeigt Wulff auf ein Wasserspiel ein paar Schritte vom Rathaus entfernt. Er geht voraus, dann fahren seine Hände wieder durch die Luft: der Bürgerbrunnen! »Er zeigt anschaulich Stadtgeschichte, zum Beispiel die Pest im Mittelalter«, erläutert der Ministerpräsident leicht enthusiasmiert, »wie sie die Menschen dahinrafft – zu Tausenden in den Tod treibt.«

Gebeine und Skelette ohne Zahl, schaurige Szenen aus der Zeit der Hexenverfolgung. Eine Arbeit des Bildhauers Hans Gerd Ruwe, eines Osnabrücker Künstlers, dessen Arbeiten der Politiker offenbar schätzt. Wulffs Augen wandern noch einmal bewundernd über die detailgetreuen Figuren, den kleinen Wasserfall, dann setzt er den Weg fort, vorbei an einer Bank, auf der es sich vier Jugendliche bei einem Eis bequem gemacht haben. Sie schauen nicht hin, sie interessieren sich weder für den Brunnen noch für Wulff.

Dabei ist er der jüngste deutsche Ministerpräsident, er zählt zu den beliebtesten Politikern im Land, weil er, so heißt es über ihn, unermüdlich gern auf die Menschen zugehe. »Kennedy von der Leine« wurde Wulff schon genannt, ein Mann, gerühmt für seinen Charme, seinem innerparteilichen Konkurrenten Roland Koch aus Hessen schon optisch überlegen. Zweimal trat dieser Christian Wulff als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Niedersachsen an, zweimal verlor er und erlebte »die Tiefe der Ebene«. Wer nicht aufsteigt, ist bereits abgestürzt, so sieht er die Welt. Der Oppositionsführer jedenfalls bekam eine dritte Chance, »auch weil die Partei damals keinen anderen Besseren hatte«, wie er unbekümmert einräumt. Endlich, im März 2003, wird er ins Amt gewählt, klettert im ZDF-Politbarometer sofort steil nach oben. Seitdem kommt er aus dem Dementieren kaum noch heraus. Berlin? Reservekanzler? Ach was!

In kleiner Runde, das bestätigen Gesprächszeugen, kann sich Wulff vieles ganz gut vorstellen. Seine Verwendung als nächster Parteivorsitzender der CDU zum Beispiel, dieser Gedanke behage ihm durchaus, heißt es. Dabei weiß der Kandidat, dass Kanzlerin Merkel kaum erwägt, den Vorsitz vorzeitig abzugeben. Also müsste er auch Kanzler werden wollen, was der Ministerpräsident allerdings mit Rücksicht auf die Landtagswahl am 27. Januar 2008 bestreitet.

Was er denn empfindet, wenn Angela Merkel vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York über Sicherheitsfragen redet und er, wie geschehen, zur gleichen Stunde im Zoo von Osnabrück »eine afrikanische Landschaft« für eine Giraffe namens Edgar eröffnet? Wulff lächelt so nachsichtig, wie er nur kann, es sind seine stärksten Momente. Wer dies frage, der kenne ihn schlecht. Er antwortet mit dem Klassiker des weichen Dementis: Berlin bedeute für ihn, »jedes Leben aufzugeben, jede Normalität, jede Privatheit«. Dieser Preis sei ihm zu hoch. Dann lieber Edgar.

An einer gelben Ampel in der Nähe des Hegertores ist der Politiker stehen geblieben. Genug Zeit noch, es wenigstens bis zur Mitte der vierspurigen Straße zu schaffen. Sein Spurt lässt die überraschten Sicherheitsbeamten zurück. Noch einmal kommt er auf die Giraffe zu sprechen, ein wundersames Wesen irgendwie. Es habe einige Kraft gekostet, das Tier in das neue Gehege zu bugsieren, ihm das neue Heim schmackhaft zu machen. Ob die Giraffe womöglich einfach keine Lust hatte auf Afrika in Osnabrück? Die Giraffe wäre eben lieber in ihrem angestammten Revier geblieben, vermutet Wulff, »da gab es nette Tierpflegerinnen, beste Fütterungszeiten und wahrscheinlich die Angst, in die Freiheit entlassen zu werden«. Was man daraus lernen könne, vielleicht sogar für die Politik? »Auf die Ermutigung kommt es an«, meint der Ministerpräsident, »auf das Mitnehmen der Menschen in etwas Neues.«

Bei den letzten Sätzen ist Wulff sehr laut geworden – er muss es, vor und hinter ihm lärmen die Autos. Als ein Betonlaster bremst, muss Wulff fast schreien, um sich verständlich zu machen. Doch kaum ist die Fachwerkkulisse der Fußgängerzone erreicht, fährt er die Stimme wieder auf ein kommodes Maß herunter. Stundenlang könnte man ihm nun zuhören; von diesem Mann, so das gute Gefühl, sind tiefe Verstörungen nicht zu erwarten. Je tiefer er sich in eine Materie hineinredet, desto aromatischer wird seine Sprache. Apfelfrische Substantive, gerne knackige Verben. Es wird schon alles gut.

Was natürlich nicht stimmt. Er hat Etats zusammengestrichen, auch den seiner Staatskanzlei. Einmal in Schwung, hat dieser Ministerpräsident alle Bezirksregierungen abgeschafft, sodass den Beamten die Tränen kamen. Dann war die Streichung des Blindengeldes an der Reihe. Darüber spricht Wulff nur zu gerne. Die Reformen in Land und Bund müssten sein, davon ist er überzeugt. Allerdings sei bei der Umsetzung zu beachten, was er auch bei Nelson Mandela in dessen Autobiografie gelesen habe: Die beste Führung sei die von hinten, gute Hirten sorgten so dafür, dass kein Schaf verloren und die Herde stramm nach vorne gehe.

Und wenn einmal doch nicht alles gut ist?

Beispiel Karmann, der Cabriospezialist in Osnabrück, größter Arbeitgeber der Region. Weil die Aufträge ausbleiben, will das Unternehmen bis Ende nächsten Jahres knapp 1800 von insgesamt 5000 Jobs aufgeben. Karmann? »Unser größtes ungelöstes Problem«, stößt Wulff hervor, aber eigentlich sei »die Firma finanziell gesund, nur seit fünf Jahren ohne neuen Auftrag für ein Komplettfahrzeug«. Anschlussaufträge für den Mercedes CLK fehlten, für den Chrysler Crossfire. Die Automobilkonzerne seien in ihren eigenen Fabriken nicht ausgelastet, darum entstünden nun in Osnabrück die Probleme.

Wulff will die Manager schleunigst daran erinnern, wie kostbar der Standort sei. »Von der Konzeption bis zur Auslieferung ein Rekordtempo«, lobt er die bedrohte Firma. Manchmal sei »Schnelligkeit wichtiger als der Preis«, meint der Landesvater, es klingt wieder sehr optimistisch.

Selbst wenn er die Absicht gehabt hätte, die Krise und deren Lösung ausführlicher zu erläutern, Wulff kommt nicht dazu. An einem Halteplatz unweit vom Dom ist ein Taxifahrer aus seinem Mercedes gesprungen. Der Mann – »Ich glaub es ja nicht!« – ist kaum zu halten. Er will ein Foto von sich und dem Ministerpräsidenten, den Apparat hält er schussbereit in der Hand. Wulff zögert einen Augenblick, dann lässt er sich etwas sperrig in den Arm nehmen. Er wünscht dem Mann »noch einen schönen Tag«. Der wird ihn wählen, das steht fest.

Von sich aus kommt Christian Wulff noch einmal auf die Koordinaten seines Lebens zurück: zum einen Osnabrück, zum anderen Helmut Kohl.

Kohl am Morgen, Kohl am Abend – in seiner Jugendzeit hing ein Poster des Idols in seinem Zimmer. Irgendwann kam das Vorbild von der Wand. Christian Wulff stieß zu den sogenannten »jungen Wilden« der Partei. Er begann, sich gegen Helmut Kohl zu profilieren, nervte, drängte bei der Affäre um die Parteispenden rigoros auf Aufklärung. »Es kam zu einem tiefen Streit«, sagt Wulff. Schließlich das Happy End: »Es ist mir wichtig, dass sich unser Verhältnis wieder normalisiert hat.« Dankbarkeit schwingt mit, wenn er auf die alten Zeiten zu sprechen kommt und die Gelegenheit, die Kohl ihm bot.

Wie man sich eine solche Eskalation unter Politikern vorstellen könne? Gibt der Jüngere klein bei? Wie sind die Regeln? Wulff schüttelt den Kopf. Er braucht ein paar Augenblicke, um sich die Erinnerung zurechtzulegen. »Der schärfste Satz von Helmut Kohl ist in einer Bundesvorstandssitzung gefallen. Sein Vorwurf: Ich hätte mich mit meinem Verhalten außerhalb der Kameradschaft gestellt – das war schon heftig.«

Christian Wulff, der »junge Wilde«. Das Stirnband des roten Korsaren hat er nie getragen, nie an Müllcontainern gezündelt wie angeblich der Parteifreund Friedrich Merz. Den krummen, schwierigen Weg habe er nie vermisst, erklärt er. »Einmal im Leben den Wunsch verspürt, auf die Sahne zu hauen?« Die Frage stellt er sich selber und liefert die Antwort gleich mit: »Nein.« Keine Lust, zu probieren, ob das Eis auf dem See schon trägt? »Nein, ich muss nicht an die Grenzen gehen, ich brauch das nicht.« Nach einem solchen Satz lächelt der Ministerpräsident einen Augenblick lang zufrieden in die Kamera der ZEIT -Fotografin.

Das ist viel bei ihm. Auch mit zunehmendem Alter hat er eine Schwäche nicht beheben können: sich, wie bei diesem Spaziergang, fotografieren zu lassen und zugleich Fragen zu beantworten. Wulff versteht nicht, warum ihn diese doppelte Anforderung immer wieder blockiert. »Ich kann jeweils nur eines.« Er weiß noch, wie es war, als er einmal in einer Fernsehtalkshow in die Verlegenheit kam. Jemand hatte Geburtstag, er sollte in der Runde Kuchen verteilen und dabei gescheite Antworten geben – daran ist Wulff damals fast verzweifelt.

Er schweigt ein paar Minuten lang. Als der Moment des Abschieds gekommen ist, erwähnt er beiläufig, dass er die Freizeit jetzt zunehmend in Hannover verbringe, dort wohne seine Freundin. Die neue Beziehung sorgt auch für eine Veränderung bei seinem Urlaubsverhalten. Mit seiner Frau fuhr der Ministerpräsident früher gerne nach Borkum. Das ist nun anders, heute geht es öfter mal nach Capri.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 04.11.2007 um 8:02 Uhr

    Na ja, gerade sein lächeln ist nichtssagend wie eine Pflanze ohne Wasser. An diesem Manne kann ich nichts finden von einem zükünftigen Staatslenker. Er mag vielleicht auf Frauen anziehend wirken aber sonst?? Leider sind viele deutschen Politiker
    so verblaßend, Entschuldigung, weichspülend geworden. Sind denn fast alle ohne Ecken und Kanten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 01.11.2007 Nr. 45
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Niedersachsen
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service