Klassik-DebatteKann man Hans Pfitzner retten?

Der Komponist war ein unbelehrbarer Nationalsozialist. Auch die Freunde seiner Musik können ihn nicht reinwaschen von 

Die Jüdische Gemeinde in München hat ein Konzert abgesagt, bei dem Hans Pfitzners Sextett op. 55 von Mitgliedern der Münchner Philharmoniker gespielt werden sollte. Das ist, angesichts von Pfitzners unbelehrbarer Treue zum Nationalsozialismus, mehr als verständlich. Noch 1946 schrieb er an Hans Frank, der bei den Nürnberger Prozessen wegen seiner Untaten als Generalgouverneur von Polen zum Tode verurteilt worden war: »Lieber Freund Frank. Nehmen Sie diesen herzlichen Gruß als Zeichen der Verbundenheit auch in schwerer Zeit. Stets Ihr Dr. Pfitzner.«

Weniger verständlich sind die Versuche der Hans Pfitzner-Gesellschaft, den Komponisten gegen den Nazivorwurf zu verteidigen. Es gibt zwar eine Stellungnahme Pfitzners gegen Antisemitismus »als Haßgefühl«, die er 1930 auf Bitten des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus geschrieben hatte; doch distanzierte er sich schon 1932 wieder nachdrücklich von dem Verein. Es stimmt auch, dass es Pfitzner nicht gelang, von den Nazis zu profitieren. Jedoch schrieb er 1945 in einer Glosse zum II. Weltkrieg: »Das Weltjudentum ist ein Problem & zwar ein Rassenproblem, aber nicht nur ein solches, & es wird noch einmal aufgegriffen werden, wobei man sich Hitlers erinnern wird & ihn anders sehen, als jetzt, wo man dem gescheiterten Belsazar nur zu gern den bekannten Eselstritt versetzt.«

Im Übrigen sei Hitler nicht das »Warum« des Judenmords vorzuwerfen, sondern nur das »Wie« – »Daß eine Menschenrasse von der Erdoberfläche ausgerottet werden kann, das hat die Weltgeschichte schon gesehen, in der Ausrottung der ursprünglich prachtvollen indianischen Rasse (…). Im Sinne der Völkermoral und der Kriegsbräuche konnte sich Hitler also eigentlich schon durch dies einzige Beispiel ›gedeckt‹ fühlen; das ›wie‹ dieser Gewalthandlungen und Unterdrückungsmethoden ist freilich an und für sich verdammungswürdig, soweit es auf Wahrheit beruht und nicht geflissentlich stark übertrieben ist. In den KZ-Lagern mögen schreckliche Dinge geschehen sein, wie sie in solchen Umwälzungsperioden immer vorkommen, als vereinzelte Fälle und von Seiten subalterner Rohlinge, wie es sie immer und überall gibt, am wenigsten aber unter deutschen Menschen. Wenn wir Deutschen aber einmal eine Gegenrechnung der Grausamkeiten aufstellen wollten, die an uns verübt wurden (…), da würde sich das Verhältnis von Schuld und Anklage von Verbrechen und Richteramt gewaltig ändern und umkehren.«

So weit der Versuch, Hans Pfitzner für sich selbst sprechen zu lassen. Der vollständige Text findet sich in seinen Sämtlichen Schriften (Bd. IV, Tutzing 1987, S. 337 ff.). Die Freunde des Komponisten seien allerdings gewarnt: Argumente für eine Reinwaschung des Komponisten werden sich daraus auch durch eine philologische Feinlektüre nicht gewinnen lassen.

Lesen Sie hier, warum der Dirigent Ingo Metzmacher Pfitzners Werke aufführen will »


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