Sich abfinden und auf Wasser sehen, gab Gottfried Benn als Parole aus, als die politische Katastrophe des Nationalsozialismus zu bewältigen war. Bennsche Abgeklärtheit ist wieder en vogue, nur hat, wenn man nicht gerade an einem abendstillen See in Mecklenburg sitzt, der Blick auf Wassermassen nichts Beruhigendes mehr. 2005 stand die Millionenstadt New Orleans bis zu 7,60 Meter im Wasser. Die Katastrophenhelfer waren völlig überfordert, obwohl der Scientific American das Desaster vier Jahre zuvor recht plastisch ausgemalt hatte.

Seit Katrina sieht die Welt anders aus, aber das Zäsur-Ereignis als »Naturkatastrophe« zu deklarieren wäre fahrlässig: Die Natur ist kein Subjekt und erlebt folglich keine Katastrophe. Sie bringt allerdings Ereignisse hervor, die für Menschen katastrophal sind, also soziale Folgen haben, die Erwartungen und Vorkehrungen übersteigen. Der Beinahuntergang von New Orleans legte die Hinterbühne der Gesellschaft frei: Die Folgen von »Extremwetter« decken nicht nur unzulänglichen Katastrophenschutz auf, sie zeichnen soziale Ungleichheiten und eine politische Anarchie vor, auf die auch gelassene Akteure kaum eingestellt sind.

Der Klimawandel wird ohne Zweifel zu einer Häufung sozialer Katastrophen führen. Für die temporären oder dauerhaften Formationen von Gesellschaften, die das hervorbringen könnte, hat man sich bislang wenig interessiert. Die Klimaforscher kann man dafür nicht verantwortlich machen, es sind, bis auf wenige Ausnahmen, die Sozial- und Kulturwissenschaften, die dem Geschehen normalitätsfixiert und katastrophenblind zuschauen. Schwere Verwerfungen, die vom Klimakrieg in Darfur bis zum Verlust der Überlebensräume der Inuit reichen, demonstrieren die Körper- und Raumlosigkeit sozial- und kulturwissenschaftlicher Theorien; es ist Zeit, dass sie aus der Welt der Diskurse und Systeme zurückfinden zu den Handlungen und Strategien, mit denen soziale Wesen ihr Dasein zu bewältigen suchen.

Das deutsche Komplementärereignis zu Katrina war Kyrill im Jahr 2007. Der Orkan realisierte sozusagen die Projektionen des Weltklimarats und die Szenarien von Sir Nicholas Stern und verankerte den Klimawandel als vom Menschen gemacht im Massenbewusstsein. Aber er traf auch auf erstmals selbst für den Arbeitsmarkt günstige Konjunkturberichte, sodass sich eine hierzulande ungewohnte can do- Mentalität breitmachte: Wir drehen die Klimachose noch um und verdienen sogar daran. Und weil Angela Merkel und Sigmar Gabriel so gut drauf waren, nahmen sie gleich noch Afrika mit ins Boot, das exemplarisch steht für die Gerechtigkeitslücke zwischen Nord und Süd, die sich mit dem Klimawandel noch weiter öffnen wird. Die aufgescheuchten Konsumenten legten die Ratgeber vom Typ 50 Ways to Save the Planet zur Seite, und während die Grünen partout nicht zum Kerngeschäft zurückfanden, ergrünte eine Gesellschaft von Klimaschützern.

Das Zauberwort heißt Anpassung. Wie das aussehen soll, weiß niemand

Niemand kann etwas dagegen haben, wenn die politische Führung die Ärmel hochkrempelt und die Bevölkerung anpackt, bevor Sandsäcke ausgegeben werden. Aber die Verbindung protestantischer Gewissensethik mit deutscher Ingenieurkunst suggeriert, der Klimawandel sei abzuwenden und die Katastrophe zu verhindern, indem man an den richtigen Stellschrauben politischer Technologie dreht. Das dürfte ein kapitaler Denkfehler sein: Statt den Klimawandel als abhängige Variable politisch-technischer Strategien und Verhaltensweisen aufzufassen, begreift man ihn besser als unabhängige Variable, die den Individuen und Gesellschaften immense kulturelle Anpassungsleistungen abverlangen wird.

»Adaptation«, Anpassung an das Unvermeidliche, ist deshalb das Zauberwort aller nationalen und europäischen Forschungsprogramme. Wie das aussehen könnte, weiß bisher kaum jemand. Aber man kann fragen: Welcher Sozialtypus ist geeignet, sich auf kumulierte Risiken (jedenfalls für Zeitgenossen) »unbekannter« Art einzustellen? Wie ist zu verhindern, dass sich realen Problemen überflüssige »Aufregungsschäden« (Niklas Luhmann) hinzugesellen? Die Fixierung auf ein Klima-Armageddon führt in die Irre, eher hat man es fürs erste mit einer Dauerirritation zu tun. Auf Katrina und Kyrill folgten weniger einschneidende, jedoch nicht minder besorgnisauslösende Phänomene wie zum Beispiel das mysteriöse Bienensterben und die Blauzungenseuche. Letztere könnte klimatisch bedingt sein, die jüngsten Überschwemmungen in Afrika wohl nicht. Oder doch? Und ist Biogas die Lösung – oder das neue Problem?