Ökonomen zählen zu den unaufgeregten Menschen. Gernot Klepper, Abteilungsleiter am Kieler Institut für Weltwirtschaft, ist da keine Ausnahme. Deshalb ist durchaus bemerkenswert, was Klepper über einen fünfseitigen, für Laien nur schwer verständlichen Aufsatz sagt, den gerade die amerikanische Wissenschaftsakademie veröffentlicht hat. Klepper sagt, es handele sich um eine »politische Bombe«.

Die Bombe schlägt mitten in die Debatte über ein Thema ein, das inzwischen weltweit Politiker, Wissenschaftler und Aktivisten beschäftigt: Klimaschutz. Klimaschutz? Das Gegenteil, der Trend in Richtung Erderwärmung, ist offenbar dramatischer als bisher angenommen. »Früher und stärker als bisher erwartet« werde es womöglich auf der Erde wärmer, so jedenfalls die Quintessenz der jetzt präsentierten Expertise.

Während in Deutschland die Beschlüsse des SPD-Parteitages zum Tempolimit und zu neuen Auflagen für Kohlekraftwerke für Aufregung sorgen, hat die hiesige Öffentlichkeit die alarmierenden Erkenntnisse über den sich beschleunigenden Klimawandel noch gar nicht zur Kenntnis genommen. Dabei lässt der von zehn Autoren aus den USA, Australien, England und Frankreich verfasste Beitrag nur einen Schluss zu: Als seien all die Konferenzen und Bekenntnisse zum Klimaschutz nur heiße Luft, übertreffen Ausmaß und Tempo der Erwärmung selbst die schlimmsten Befürchtungen des gerade mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten UN-Klimarates (IPCC).

Den beunruhigenden und überraschenden Trend haben die in einem Netzwerk namens Global Carbon Project vereinten Forscher entdeckt, indem sie die aktuellsten naturwissenschaftlichen und ökonomischen Daten zusammengetragen und analysiert haben. Der Kieler Wirtschaftswissenschaftler Klepper war an einer Vorstudie beteiligt, die bereits im Frühjahr veröffentlicht wurde. Er hat die Daten, die der jetzt publizierten Expertise zugrunde liegen, gesichtet und sagt, sie seien »sehr sorgfältig« ausgewertet worden.

Allerdings werfen die Ergebnisse viele Glaubensbekenntnisse, die bisher in der Klimadebatte eine Rolle spielten, über den Haufen. Zum Beispiel die Annahme, teures Öl sei gut für den Klimaschutz. Oder die Hoffnung, wachsender Wohlstand sei jedenfalls nicht mit gleich stark wachsenden CO 2 -Emissionen verbunden. Nichts davon ist wahr, jedenfalls nicht für die vergangenen sieben Jahre.

Man muss nur die Emissionsentwicklung seit dem Jahr 2000 mit der in den neunziger Jahren vergleichen und findet: Damals wuchsen die weltweiten CO 2 -Emissionen im Durchschnitt jährlich um 1,3 Prozent; mittlerweile ist die Wachstumsrate auf fast das Dreifache gestiegen: auf 3,3 Prozent. Die Rate liegt sogar weit über der Annahme, die das IPCC seinem pessimistischsten Szenario zugrunde legt. Danach droht bei einem jährlichen Emissionswachstum von 2,4 Prozent ein Temperaturanstieg um bis zu rund sechs Grad. Nun sind es sogar 3,3 Prozent. Deshalb sei die Menschheit »auf dem besten Wege zu einem noch stärkeren Temperaturanstieg«, sagt Josep Canadell, einer der Autoren, der obendrein selbst dem IPCC angehört.

Erkenntnis Nummer zwei verstärkt den Schrecken noch: Ein wachsender Prozentsatz des von der globalen Wirtschaftsmaschinerie ausgestoßenen Kohlendioxids landet am Ende wirklich in der Erdatmosphäre. Normalerweise absorbieren vor allem die Ozeane große Mengen des Klimagifts und machen es quasi unschädlich. Das tun sie zwar immer noch; allerdings hat ihre Absorptionsfähigkeit mit dem Wachstum des CO 2 -Ausstoßes nicht Schritt halten können. In den neunziger Jahren war die Natur noch in der Lage, gut 60 Prozent des CO 2 -Ausstoßes aufzunehmen, im Durchschnitt der Zeitspanne seit dem Jahr 2000 sank die Rate auf rund 54 Prozent. Logische Folge: Die Zunahme der CO 2 -Konzentration in der Erdatmosphäre beschleunigte sich.