Auf der Fahrt in der Regionalbahn hatte der feste Vorsatz noch gelautet: Chemnitz schön finden! Doch dann die Realität: Der Himmel dunkelgrau, die Luft in den Straßen feucht – und so wirken die Häuser und Plätze der Stadt alle schmutzig. Als wolle die Stadt jedes Klischee über den verlassenen Osten erfüllen, zeigen sich auch nur ein paar Einwohner zwischen dem tristen Hauptbahnhof und der Innenstadt. Die Hälfte dieser versprengten Chemnitzer trägt Flecktarn. Immerhin, auf dem Sockel der monumentalen Karl-Marx-Büste vor der Oberfinanzdirektion sitzen drei aufgeweckte Mädchen mit bunt gefärbtem Haar. »Habt ihr Bob Dylan schon gesehen?« – »Wer soll denn das sein?«, fragen die Mädchen zurück und lachen.

Eine Meldung hatte die Dylan-Fans in den vergangenen Wochen euphorisiert. Ihr Großmeister singt, tanzt und schreibt nicht nur, er zeichnet und malt auch noch. Jetzt, so die frohe Botschaft, werden seine Bilder zum ersten Mal ausgestellt. Und welches Museum hatte sich in einer Geheimaktion die Weltpremiere gesichert? Die Kunstsammlungen in Chemnitz.

Dylan und Chemnitz, wie konnte das geschehen? Ganz einfach: Weil eine den Mut hatte zu fragen. Vor zwei Jahren war Ingrid Mössinger, die Direktorin der Kunstsammlungen, auf einen vergriffenen Band mit Dylans Zeichnungen gestoßen und witterte ihre Chance. Sie schrieb dem Sänger – und bekam prompt eine Zusage für eine Ausstellung. Sie war die Erste gewesen, die ihn gefragt hatte. In diesem Sommer schickte Dylan mehr als 300 Arbeiten nach Chemnitz, von denen jetzt knapp die Hälfte zu sehen ist.

Eine Mehrfachbegabung sei dieser Künstler, sagt die Museumsdirektorin, als sie vor der Eröffnung noch schnell durch die Ausstellung führt. Und was malt der Meister mit der rough edge voice, der Rimbaud-Leser, der ewige Renegat, der alte Trickster? Es sind farbenfrohe und expressive Interieurs, Aussichten aus Hotelzimmern, Straßenszenen und Porträts, die entfernt an Schmidt-Rottluff, Kirchner oder Kokoschka erinnern. Die Perspektive ist meist recht sonderlich, von schräg oben scheint Dylan auf seine Umgebung – ob Kleinstadt oder nackte Frau – zu schauen.

Ungewöhnlich, sagt die Museumsdirektorin, sei auch Dylans Arbeitsweise. Zu sehen bekommen die Chemnitzer Variationen jener Zeichnungen, die zwischen 1989 und 1992 auf seiner ewigen Tournee und auf seinen Reisen entstanden. Extra für die Ausstellung hat Dylan die Zeichnungen auf Büttenpapier kopieren lassen und dann mit Aquarell- oder Gouachefarben übermalt. So entstanden meist mehrere Variationen der Ursprungszeichnung: Einmal sind die Häuser einer Straßenszene in Brüssel blau, auf dem nächsten Blatt leuchten dieselben Häuser grün. Auf anderen Zeichnungen spielt er mit dem Personal, aus Frauen werden Männer, aus jungen Männern glatzköpfige Alte. Wie in den Suchaufgaben der Zeitschriften – Finden Sie die acht Fehler im rechten Bild! – machen die Gäste der Vernissage Jagd auf die Veränderungen und freuen sich, wenn sie etwas gefunden haben. Ist es gute Kunst? »Schön frisch« seien die Bilder, sagt ein älterer Herr. Kunstgeschichtlich gehören sie wohl in die Kategorie professioneller Dilettantismus. Leonard Cohen hat Dylan zwar einmal mit Picasso verglichen. Allerdings meinte er damals dessen Songs.

Eine Frage trieb die Dylan-Fans im Internet vor allem um: Würde Bob zur Vernissage kommen? Mehrere Hundert Chemnitzer haben sich durch den Nieselregen gekämpft und versammeln sich nun im Saal unter der Ausstellung. Da hat sich bereits herumgesprochen, dass Dylan nicht im Freistaat weilt, sondern an diesem Abend ein Konzert in Chicago geben wird. Vielleicht sind deshalb weniger eingefleischte Fans von außerhalb angereist als erwartet. Ersatzweise fotografiert das neugierige Publikum mit Digitalkameras einen Amerikanisch sprechenden Mann mit langen grauen Haaren. Ein Freund von Dylan? Ein ehemaliges Bandmitglied? Nein, der Kulturattaché der amerikanischen Botschaft in Berlin.