Ob Stauffenberg, ob Elser, ob Helmuth James von Moltke oder Sophie Scholl – die Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime werden von der Republik gewürdigt, wie es ihnen gebührt. In Filmen und Feierstunden, auf Briefmarken und mit Gedenkstätten erinnern sich die Deutschen ihrer mit Stolz, und auch die unscheinbareren Helden, jene, die den Verfemten und Verfolgten in der mörderischen Zeit geholfen, sie manchmal gar unter dem Einsatz des eigenen Lebens gerettet haben, werden allmählich in den Kreis der Geehrten aufgenommen.

Lange, sehr lange hat das gedauert. Gerade die Jüngeren, denen das alles heute selbstverständlich erscheint, wird es überraschen: Diese Republik – nebenan in Österreich sah es nicht viel anders aus, während in der DDR wiederum nur der kommunistische Widerstand zählte – wollte lange Zeit nichts vom Kampf gegen das Hitler-Regime wissen. Selbst Emigranten wie Thomas Mann oder Alfred Döblin mussten das erfahren, selbst die Ehrung der militärischen Opposition musste noch während der fünfziger, sechziger Jahren gegen die übelsten Ressentiments (nicht zuletzt in Kreisen der Bundeswehr) durchgesetzt werden, und einem Politiker wie Willy Brandt wurde sein antifaschistischer Widerstand aus dem skandinavischen Exil heraus vom konservativen politischen Gegner im Wahlkampf zum Vorwurf gemacht. Vor allem aber die Taten der Retter, der Verweigerer, der stillen Oppositionellen blieben in der Bundesrepublik wie in Österreich bis in unsere unmittelbare Gegenwart hinein verdrängt, verschwiegen, verleumdet.

So berichtet der Wiener »Nazijäger« Simon Wiesenthal, er habe Anfang der sechziger Jahre in Wien die Witwe des Wehrmacht-Feldwebels Anton Schmid aufgesucht. Damals fand in Jerusalem gerade der Prozess gegen einen der Organisatoren des Holocaust, Adolf Eichmann, statt. In dessen Verlauf wurde die erstaunliche Geschichte bekannt, dass es Schmid 1941/42 in Wilna gelungen war, mehreren Hundert Juden das Leben zu retten, und dass er darüber hinaus den jüdischen Widerstand in dieser Region unterstützt hatte. Schmid war dafür von einem Feldkriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Nun also wollte Wiesenthal die Witwe dieses »Retters in Uniform« kennenlernen. Er fand eine müde und früh gealterte Frau vor, die ihr Leben von den Einnahmen aus einem kleinen Laden fristen musste. Sie und ihre Tochter Gerda, die bei ihr lebte, erzählten Wiesenthal, es sei 1942 »nicht leicht für sie gewesen, als bekannt wurde, dass Feldwebel Schmid hingerichtet worden war, weil er ein paar Juden retten wollte. Einige Nachbarn bedrohten die Witwe des ›Verräters‹ und legten ihr nahe, fortzuziehen. Andere warfen ihr die Fensterscheiben ein.« Auch nach dem Krieg mieden die beiden Frauen das Thema in der Öffentlichkeit, weil sie Schmähungen und Benachteiligungen befürchteten.

Anton Schmid war einer der ersten Deutschen respektive Österreicher, der – 1967 – vom Staat Israel als »Gerechter unter den Völkern« geehrt wurde. Weder in Deutschland noch in Österreich nahm man davon Notiz. Auch der 1968 im ZDF ausgestrahlte Dokumentarfilm des jüdischen Schriftstellers Hermann Adler, der mit Schmid in Wilna zusammengearbeitet und den Holocaust überlebt hatte, wurde kaum beachtet. Nicht viel anders erging es vier Jahre später dem ZDF-Redakteur Dieter Schmedding mit seiner Dokumentation über Schmid Wer ein Menschenleben rettet ... . Erst im Jahre 2000, über ein halbes Jahrhundert nach dem Untergang des NS-Regimes, erfuhr Schmid dann in Deutschland eine offizielle Würdigung, als der damalige Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) eine Kaserne in Rendsburg nach diesem außergewöhnlichen Mann benennen ließ und damit ein weithin sichtbares Zeichen für eine neue Traditionspolitik setzte.

Es gibt viele andere Fälle dieser Art. Erinnert sei an die ermordeten katholischen Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter oder Michael Lerpscher, die noch lange nach dem Ende des Krieges geschmäht und von ihrer Kirche verleugnet wurden. Erinnert sei an Hans Calmeyer, der in Holland Tausende jüdische Bürger gerettet hatte und den seine Heimatstadt Osnabrück erst 1994 ehrte, über zwei Jahrzehnte nach seinem Tod. Oder an Elisabeth Gloeden, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Mann ermordet wurde, weil die Familie nach dem Attentat vom 20. Juli einen Verfolgten versteckt hatte. Auch ihr Name fehlte nur zu lange auf der Ehrentafel des 20. Juli.

Beispielhaft ist der Fall des Solinger Bauingenieurs Hermann Friedrich Gräbe (1900 bis 1986). Gräbe agierte in den Jahren 1941 bis 1944 als selbstständiger Manager einer Solinger Baufirma in der besetzten Ukraine. Dort schützte er Tausende jüdische Menschen vor der Verfolgung und Vernichtung und rettete viele von ihnen. Als 1944 die Rote Armee die Ukraine zurückeroberte, stellte Gräbe einen langen Eisenbahnzug zusammen, in dem er nicht nur seine jüdischen Arbeiter, sondern auch die technische Ausstattung seines Ingenieurbüros sowie seine persönlichen Aufzeichnungen über die Morde in der Ukraine nach Westen beförderte. Während der letzten Monate des Krieges gelang es ihm unter abenteuerlichen Umständen, die verfolgten Menschen in amerikanische Obhut und damit in Sicherheit zu bringen.