Astrid Lindgren
Die Frau, die immer Kind blieb
Am 14. November wäre Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden. Keiner hat besser erzählt, wie schön, aber auch wie schwer Kindheit sein kann. Ihre poetischen Bücher sind nützlicher als alle Erziehungsratgeber zusammen
In jedem Superbilligelektromarkt finden sich zurzeit Pappaufsteller und Riesenposter, die dazu auffordern, Astrid Lindgrens 100.Geburtstag am 14. November mit dem Erwerb eines ordentlichen DVD-Stapels zu feiern. Und so wenig die große Schwedin in diese Verpackungsmüllumwelt zu passen scheint, so sehr muss man doch anerkennen, dass ein Gutteil des weltweiten Lindgrenschen Ruhms der Verfilmung ihrer Bücher geschuldet ist. Sie hatte auch gar nichts dagegen, vielmehr schrieb sie die meisten Drehbücher selbst, pflegte engen Umgang mit Regisseuren und Schauspielern und betrieb als eine der ersten Kinderbuchautorinnen ganz bewusst den sogenannten media switch, machte also aus Rundfunkhörspielen und Filmskripts nachträglich Bücher.
Trotzdem ist das, was von ihr bleiben wird, das, was das Feiern lohnt, ihr literarisches Werk, dessen Subtilität und Vielschichtigkeit keiner der Filme erreicht – so nett man sie dargestellt finden kann, all die Michels und Ronjas und Pippis. Dass Lindgren vom deutschen Buchmarkt verschwindet, steht trotz der Multimediakonkurrenz nicht zu befürchten. Der Oetinger-Verlag meldet stattliche Zahlen (deutsche Gesamtauflage: fast 30 Millionen) und jetzt einen beispiellosen Boom – die Jubiläumsausgabe ist schon vor Erscheinen ausverkauft, um eine Million Bücher geht es dabei.
Die eigene Kindheit auf dem elterlichen Hof endete unsanft
Die Frage ist allerdings, wie Lindgren heute gelesen wird. Für viele Kinder, die nicht zuerst die Geschichten vorgelesen bekommen, schieben sich die Filmfiguren aufdringlich vor die Möglichkeiten der eigenen Vorstellungskraft. Und Erwachsene laufen Gefahr, Lindgren in ihrer Erinnerung auf die Bullerbü-Idylle zu reduzieren und ihre Texte nie wieder zur Hand zu nehmen. Das wird der dunklen, ganz und gar nicht harmlosen Seite der Erzählerin nicht gerecht. Stellt man sich im Alter von 40 Jahren einigen ihrer Werke – Ronja Räubertochter, Mio, mein Mio, etlichen Märchen –, dann muss man sich fast fragen, wer auf den Gedanken gekommen ist, diese Frau für eine Kinderbuchautorin zu halten.
Ihre eigene Bullerbü-Kindheit auf dem elterlichen Hof Näs endete unsanft, als sie 1925 mit 18 Jahren schwanger wurde. Bei allem Verständnis für die Konventionen der Zeit ist es unvorstellbar, dass die Tatsache, in einer solchen Lage nicht bei ihrer Familie geborgen und beherbergt zu sein, in ihr keinen Schmerz hinterlassen haben soll. Mehr Schmerz muss es bedeutet haben, das uneheliche Kind in Dänemark bei Pflegeeltern zu lassen – Schmerz, den man in den Worten von Mios Vater nachhallen hört, des Königs im Land der Ferne: »Neun Jahre lang habe ich dich gesucht«, sagt der König zu seinem endlich wiedergefundenen Sohn, »nachts habe ich wach gelegen und gedacht: Mio, mein Mio.« Auch Pippi Langstrumpfs Elternlosigkeit erklärt Lindgren mit so verzweifelter Entschlossenheit für unproblematisch, dass wirklich nur die hartgesottensten Antiautoritären darin ein Manifest für kindliche Freiheit zu erblicken vermochten: »Sie hatte keine Mutter und keinen Vater, und eigentlich war das sehr schön, denn so war niemand da, der ihr sagen konnte, dass sie zu Bett gehen sollte, und niemand, der sie zwingen konnte, Lebertran zu nehmen.« Eigentlich war das überhaupt nicht so schön, eigentlich sieht der Leser viel zu oft ein einsames Kind durch die erleuchteten Fenster der Villa Kunterbunt, eigentlich betet hier eine Mutter, dass ihr kleiner Sohn, in der Fremde, in der Wirklichkeit ebenso stark und unabhängig gewesen sein möge wie Pippi.
Schließlich konnte Astrid Ericsson, wie sie zu dieser Zeit noch hieß, Lars-Lasse zu sich nach Stockholm holen, heiratete 1931 den geschiedenen Sture Lindgren und bekam 1934 ihre Tochter Karin. Der frühe Tod ihres Ehemannes, 1952, muss ein weiterer Schlag für sie gewesen sein. Lindgren band sich nie wieder an einen Mann. Hat sie 50 Jahre lang um Sture getrauert, wie es viele Bücher und Artikel nahelegen? Oder stimmt das, womit ihre Biografin Margareta Stroemstedt sie zitiert: dass sie letztlich Kinder immer mehr geliebt habe als Männer? So oder so, beides hätte sie, selbst inmitten aller Freunde und Verwandten, zu einer existenziell einsamen Frau gemacht.
Ihre Bücher stellen Forderungen an die Leser. Deshalb altern die Texte nicht
Diese Einsamkeit grundiert Lindgrens Bücher ebenso wie ihre ganz besondere Weltwahrnehmung. Sie gehörte zu jenem Teil der Menschheit, der seine Kindheit nicht, wie Erich Kästner es beschrieben hat, »ablegt wie einen alten Hut«. Jede Regung, jedes Vergnügen, jede Furcht und wilde Freude waren ihr gegenwärtig. Das muss ihr Leben ungeheuer anstrengend gemacht haben. Die Hamburger Lindgren-Expertin Birgit Dankert geht sogar so weit, von Ansätzen einer Borderline-Persönlichkeit zu sprechen, die nicht nur ihre Figuren – wie Madita mit dem Regenschirm – am Abgrund balancieren lässt.
Das Verblassen der Kindheit, das graduelle Schwinden der Erinnerungen hat schließlich für Erwachsene auch eine Entlastungsfunktion. Lindgren war nie in dieser Weise entlastet, aber gerade deshalb konnte sie unvergleichlich aus kindlicher Perspektive erzählen – was die Picknicke in Bullerbü so wundervoll macht und Lillebrors Verzweiflung darüber, dass seine Eltern ihm Karlsson vom Dach nicht glauben wollen, so echt. Lindgrens inneres Kind erinnerte sie immer daran, wie schön, aber eben auch wie schwer es mitunter ist, ein Kind zu sein. »Astrid Lindgren liefert ständig den Beweis dafür, dass das wichtigste Wissen über Kinder in uns selbst verborgen liegt«, schreibt Margareta Stroemstedt. Das macht ihre Bücher in einer erziehungsverunsicherten Zeit, in der Lokalzeitungen auf Baby-Förderkurse hinweisen und Supernannys ratlose Eltern anleiten, zu einer wertvolleren Lektüre als ein Dutzend Pädagogik-Ratgeber. Falls man es allzu gründlich vergessen hat, kann man bei ihr nachlesen, was ein Kind ist.
Lindgren selbst konnte es nie vergessen, und sie wollte das wohl auch nicht, trotz aller schmerzlichen Intensität des Erlebens. In einer Szene am Ende von Pippi in Taka-Tuka-Land gibt sie ihrer eigenen, Peter-Pan-haften Sehnsucht nach ewiger Kindheit Ausdruck. Mit »Krummeluspillen« wollen sich die Kinder gegen das Erwachsenwerden feien: »Thomas und Annika standen stumm da und schauten in den Winterabend hinaus. Die Sterne leuchteten über dem Dach der Villa Kunterbunt. Dort war Pippi. Sie würde immer da sein. Es war wunderbar, daran zu denken. Die Jahre würden vergehen, aber Pippi und Thomas und Annika würden nicht groß werden. Neue Frühlinge würden kommen und neue Sommer, Herbst und Winter würde es werden, aber ihr Spiel würde niemals aufhören.«
Das eine ist diese Sehnsucht nach Nimmerland – das andere die Frage, wie deutlich man Kindern sagen darf, dass es die Ewigkeit des Spiels – wie des Lebens – nicht gibt. Lindgren hatte dazu sehr klare Ansichten: Kinder in Watte zu packen, ihnen schwierige Themen vorzuenthalten, war ihr zuwider, das gehörte zu jenen herablassenden Unterschätzungen, die die kindliche Ehre kränken mussten und das Kindsein schwer machten. 1959 sagte sie in einer Diskussion über Märchen: »Früher durften Kinder Geschichten lauschen, die etwas über das Leben und den Tod zu sagen hatten, über den Unterschied zwischen Gut und Böse und wie schwer es sein kann, ein Mensch zu sein. Erst in unseren Tagen ist man auf die Idee gekommen, dass sie nicht mehr ertragen können, als von kleinen Eichhörnchen zu hören. (…) Arme Kinder, in ihren Geschichten sind vielleicht etwas zu viele Eichhörnchen herumgelaufen, Eichhörnchen, die zu allem Überfluss noch sprechen und nie etwas sagen, was einen lachen, weinen oder schaudern lässt. Aber Kinder sollten das Recht haben, dies von allem zu fordern, was sie lesen: nicht nur lachen, sondern auch weinen und schaudern zu dürfen.«
Wenn sie sich in ihrer Familie wohl und geborgen fühlten, fährt Lindgren fort, dann könne kein noch so aufrüttelndes Buch ihren Seelenfrieden ernsthaft erschüttern. Das freilich ist unverhandelbare Bedingung, Leseanleitung für ihre Bücher, Erziehungsmodell: Ein Großteil ihrer Erzählungen verlangen die Geborgenheit – und das Gespräch. Für Lindgren sind Menschen auf der Welt, um sich mit anderen zu unterhalten. Lustige und weitgehend unbeschwerte Lektüre bieten allein die Bullerbü-Geschichten, die Abenteuer des Meisterdetektivs Kalle Blomquist und Karlssons Umtriebe. Schon über die so unterhaltsame und so einsame Pippi hätten Eltern und Kinder viel miteinander zu reden. Erst recht über das Schicksal des todkranken Krümel Löwenherz. Ronja Räubertochter träumt Angstträume vom Altern und Sterben. Die erfrierenden Kinder aus dem Märchen Sonnenau, der vaterlose Bo Vilhelm Olsson aus Mio, mein Mio, der Tod von Malin aus Klingt meine Linde – damit kann ein anständiger Mensch Kinder nicht allein lassen, auch wenn sie Verzweiflung und Tod anders, weniger hoffnungslos wahrnehmen mögen als Erwachsene. »Sicher glaubt ein erwachsener Leser«, schreibt Astrid Lindgren, »auch ich, dass Mio immer noch voller Sehnsucht auf seiner Bank im Tegner-Park sitzt, so einsam wie eh und je, und dass Mattias und Anna der Winterkälte zum Opfer fallen, bevor sie ihre Sonnenau erreichen. Aber alle Kinder – auch das Kind in mir – wissen, dass es nicht so ist. Mio ist im Land der Ferne, und es geht ihm so gut, so gut bei seinem Vater, dem König. Mattias und Anna verschließen lächelnd die Pforte, die die Kälte und Dunkelheit des Winterwaldes von der Sonnenau des ewigen Frühlings trennt.«
Kinder, glaubt Lindgren, haben den wahreren, den gläubigeren Zugang zu Literatur, sie sind gewissermaßen die besseren Leser – aber nur, wenn die Texte ihnen die Möglichkeit des Anderen, des Dunklen und Schweren nicht vorenthalten, sie nicht unterfordern und unterschätzen, das Böse nicht verleugnen, den Tod nicht verschweigen.
Erwachsene dürfen diese Illusion von – oder die berechtigte Hoffnung auf? – Erlösung nicht zerstören, eher können sie, die Desillusionierten und Hoffnungslosen, von ihren Kindern wieder lernen, wie man glaubt, dass Mio das Land der Ferne erreicht. Das ist die große Kunst Astrid Lindgrens. »Sie ist nicht nur die Großmutter in Bullerbü, sie ist auch Dostojewskij in Bullerbü«, hat ihr Kollege Per Svensson geschrieben. »Sie stellt Forderungen an ihre Leser, existenzielle, moralische und politische Forderungen. Das ist der Grund, warum ihre Erzählungen nie altern. (…) Immer wieder stößt man als Leser auf eine Frage, die gleichzeitig zeitlos und aktuell ist: Wie soll man in einer Welt leben, in der es das Böse gibt?« Ihre Texte, die Erwachsene und Kinder, junge und alte Leser über diese Frage ins Gespräch bringen – nach 20, nach 50, nach 100 Jahren –, sind Weltliteratur, für immer.
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- Datum 14.11.2007 - 01:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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Astrid Lindgren über „Nils Karlsson-Däumling“: Bertil ist allein zu Hause. Er liegt auf seinem Bett und
fühlt sich einsam. Plötzlich hört er kleine trippelnde Schritte unter seinem
Bett. Spukt es hier?, denkt Bertil und beugt sich über die Bettkante. Und da
entdeckt er etwas Sonderbares. Unter dem Bett steht - ja, es ist ein ganz
gewöhnlicher Junge. Es ist nur so, dass er nicht größer als ein Daumen ist."Hallo", sagt der Junge. "Ich heiße Nils
Karlsson-Däumling." Er wohnte unter dem Fußboden unter Bertils Bett. Dort
hatte er eine Wohnung von einer unheimlichen Maus gemietet.Aus dieser Perspektive des Untergrunds mit seinen Gefährdungen
und Chancen hat Astrid Lindgren immer erzählt: von Kindern, die alleine erwachsen
mussten, indem sie Freunde hatten oder an Ersatzgestalten reifen konnten. (Früher
und heute in Dummheits-Pottereien hat man leichtsinniger- und entwicklungspsychologisch unsinnig von „Gott“ und
„Engel“ und dem "Bösen an sich" geredet.)Alle Kinder fühlen bei Lindgren-Gestalten und deren Abenteuern ihre
eigene Stärke: dass sie sich nicht verraten müssen, sondern ihre heilende Phantasie gebrauchen können; meist ohne Erwachsene.~ * ~"Es gibt nichts Gutes, außer was Astrid Lindgren verwandelt hat." (Mit Erich Kästner nach-gedacht!)
angewidert.Als wir Kinder waren, haben wir uns anders benommen.Meine leserische Zeit hat im 6. Lebensjahr begonnen mit Gebrüder Grimm, über Jules Verne, Mark Twain & Karl May - Richtung amerikanische Literatur: Jack London, Ernest Hemingway, John Steinbeck, Dashiel Hammet, Raymond Chandler & James Hadley Chase. Die Giganten des geschriebenen Wortes. Bis heute bin ich der angelsachsischen Literatur treu geblieben.Obwohl, mit manchen Autoren wie Norman Mailer oder Truman Capote, meine Probleme hatte.Astrid Lindgren ist für mich immer ein weiblicher Nobody geblieben. Ebenso wie Frauenfußball...
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