Wer einen Felsen spalten wollte, bohrte im Altertum ein Loch hinein, trieb einen Holzpflock hinterher und wässerte denselben, bis er sich dehnte. Dann sprang der Felsen entzwei. Bis heute ist das unvergessen, das Prinzip wird sogar nachgeahmt – allen voran von der Bertelsmann Stiftung.

Mit rund 60 Millionen Euro im Jahr erstellt sie Ranglisten, lobt Preise aus, veröffentlicht Studien, organisiert Modellprojekte und lädt zu Kongressen ein. Ihre Mitarbeiter bohren Löcher und treiben Pflöcke in gewachsene Strukturen. Dann hoffen sie, dass ein Strom der politischen Reformbereitschaft über ihren Pflock fließt, der in den Strukturen steckt, bis er sie sprengt.

Das dauert seine Zeit, aber die Stiftung aus Gütersloh kann warten. So hat sie seit Mitte der neunziger Jahre den Weg für Studiengebühren bereitet. Universitäten wetteifern inzwischen, wer den besten Ruf hat und wo die Studenten zufriedener sind. Das ist wesentlich auf die Stiftung und das von ihr dominierte Centrum für Hochschulentwicklung zurückzuführen. Auch an sozialpolitischen Reformen wie Hartz IV und dem Umbau der Bundesagentur für Arbeit hat man mitgewirkt. Entscheidend sei damals gewesen, sagt die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, »dass die Stiftung ein Ort war, an dem Politiker frei diskutieren konnten«. Dazu lieferte man in Gütersloh die passenden Informationen, und so nahm die Stiftung immensen Einfluss. Lange war das auch unumstritten. Die Stiftung fast unantastbar.

Doch die politische Stimmung hat sich gewandelt, die Stiftung wird mit Vorwürfen überhäuft. Aus dem Gewerkschaftslager heißt es, die Stiftung nutze »ihren politischen Einfluss, um den öffentlichen Dienst gezielt auf die ›feindliche Übernahme‹ durch private Unternehmen à la Arvato (eine Tochtergesellschaft des Bertelsmann-Konzerns)« vorzubereiten. Deshalb will ver.di keine Projekte mehr mit der Stiftung vereinbaren. In dieser Woche trifft sich Stiftungsvorstand Johannes Meier notgedrungen und etwas ratlos mit den ver.di-Leuten.

Ist man in Gütersloh plump »neoliberal«? Und vermischt man, beinahe noch schlimmer, die gemeinnützige Arbeit mit den Interessen des Medienkonzerns Bertelsmann, an dem die Stiftung rund 60 Prozent besitzt? Der Eindruck, die Vorwürfe träfen ins Schwarze, verstärkte sich, weil kein Verantwortlicher der Stiftung öffentlich dagegenhielt. So ging das über Wochen, während es unter der Hand hieß: »Wir haben ein ernstes Problem.« Es war, als habe die Stiftung, die dem ganzen Land den Weg weisen wollte, die Orientierung verloren.

Nun schaltet sich Liz Mohn als Repräsentantin der Stifterfamilie in die Debatte ein. »Es wird immer wieder vorkommen, dass die Stiftung über Themen nachdenkt, die unabhängig davon auch Geschäftsfelder der Bertelsmann AG betreffen«, erklärt sie bei einem Treffen in der Stiftung gegenüber der ZEIT . »Das kann in der Bildungspolitik passieren oder wenn die Stiftung das Arbeitsvertragsrecht weiterentwickeln möchte – oder wenn wir über die Reform der kommunalen Verwaltung nachdenken.«

»Wir tun das Richtige. Dass es dabei Konflikte gibt, ist unvermeidlich«