Die Straße, von der Yunus Uygur einmal annahm, sie sei sein Weg ins Glück, liegt im Dunkeln, als er einen neuerlichen Anlauf nimmt, um dieses Glück vielleicht doch noch zu fassen zu kriegen. Er hat die Nacht in den Großmarkthallen am Westhafen verbracht, jetzt liegen Bananen, Trauben und Tomaten in seinem alten VW-Bus, mit dem er die Schönhauser Allee hinabfährt, eine breite Stadtschneise im Norden Berlins. Im Süden ragt der Fernsehturm ins Nachtschwarz, einer riesigen Stecknadel gleich, wie die Wirklichkeit gewordene Orientierungsmarke eines Navigationssystems. Für Yunus Uygur ist er genau das. Denn da, wo Berlins Straßen auf den Fernsehturm zulaufen, liegt der Prenzlauer Berg. Und dort, war ihm erzählt worden, lebe ein Volk, jung, freundlich und weltoffen.

Seit fünf Monaten hat er seinen Laden direkt an der Haltestelle Milastraße. Ein kleines Schaufenster und große Hoffnungen nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit, die sein Gesicht zerfurcht haben. Er sieht müde aus für seine 37 Jahre. Yunus Uygur ist kurdischer Türke aus Reinickendorf, er würde seinen drei Kindern gern mal wieder eine Klassenfahrt bezahlen können. Deshalb ist er hier. Deshalb stört er sich auch nicht an den beiden Sexshops für Schwule, die seinen Laden flankieren. „Leben hier ist so“, sagt er und zieht die Schultern hoch. Uygur spricht nicht viel, sein Deutsch ist schlecht.

Er gehört zu einem stillen Treck von Arbeitsnomaden, die Morgen für Morgen in den Prenzlauer Berg ziehen, um den Deutschen Obst und Gemüse, Blumen und Wein zu bringen. Aus den Plattenbausiedlungen im Osten kommen die Vietnamesen, aus den Vierteln im Westen die Türken, weitgehend unbemerkt. „Leute hier schlafen lange“, sagt Uygur und lächelt schmal. Erst gegen neun Uhr stehen sie an der Haltestelle vor seinem Laden und halten sich an Kaffeebechern fest. Die Frauen, so schön! Die Männer mit Dreitagebärten, die gepflegte Absicht sind und kein Zeichen von Zeitnot wie seiner. Uygur sagt, die Menschen seien vermutlich so alt wie er, und doch wirkten sie wie Kinder auf ihn. So sorglos. So pausbäckig. Und so kompromisslos. Dauernd wenden sie sein Obst in ihren Händen und fragen: „Woher kommen die Bananen? Sind die öko?“ Wenn er dann „Frisch vom Großmarkt“ sagt, legen sie das Obst zurück. Es ist alles so anders im Prenzlauer Berg. In Yunus Uygurs Bauch wühlt die Enttäuschung, und in seinem Kopf ist eine Frage herangewachsen: Können auch gute Menschen böse sein?

Der Prenzlauer Berg. Aus der Luft betrachtet, ist das ein Dreieck von Altbauten, das sich in die Hauptstadt keilt, restauriert und baumbestanden. Ein nur elf Quadratkilometer umfassendes Häusergeschachtel, in dem 143000 Menschen leben. Mehr als die Hälfte von ihnen ist zwischen 25 und 45 Jahre alt. Viele im alten deutschen Westen haben eine Tochter, einen Sohn, einen Neffen, eine Nichte, einen Freund, eine Freundin, die in dieses ehemalige Stück Osten gezogen ist. Der Stadtteil verändert sich so schnell, dass die Statistiker kaum noch mitkommen: Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht, Schätzungen für die gesamte Zeit seit dem Mauerfall gehen von über 80 Prozent aus.

Der Anteil der Akademiker hat sich mehr als verdoppelt, in manchen Straßen verfünffacht. In keinem anderen Berliner Viertel sind so wenige Einwohner von staatlichen Leistungen abhängig. Und da junge Leute, kurz bevor sie alt werden, doch noch ein oder zwei Kinder kriegen, sind auch die Spielplätze sehr dicht besiedelt.

Die Menschen hier glauben deshalb gern, der Prenzlauer Berg sei die fruchtbarste Region des Landes. Sie verstehen sich als modern, multikulturell, politisch engagiert und aufgeklärt linksalternativ. Bei der letzten Bundestagswahl erhielten die Grünen 24,1 Prozent. Lichtblick, der mit Abstand größte Anbieter von Ökostrom in Deutschland, versorgt hier 6100 Haushalte mit „sauberer Energie“. (In Darmstadt, wo genauso viele Menschen leben wie im Prenzlauer Berg, sind es 286.) Man hat hier leicht das Gefühl, alles richtig zu machen. Deshalb ist der Prenzlauer Berg ein Sehnsuchtsort für viele junge Menschen im ganzen Land. Für jene, die bereits hier leben, ist er die Modellsiedlung der Berliner Republik. Hier hat sich Deutschland nach der Wende neu erfunden. Aber wenn Deutschland sich neu erfindet, wie ist es dann?

„Wuuuuunderbar!“, ruft Andreas Stahlmann, und sein Lob schallt als Echo zurück, weil er gerade durch eine leere Dachgeschosswohnung läuft, die er soeben verkauft hat. Alles an Stahlmann ist schmal, sein Gesicht, sein Körper, seine Krawatte, seine Finger, nur die schwere schwarze Brille liegt wie ein Querbalken über dem Mann, der seit zehn Jahren Wohnungen im Prenzlauer Berg verkauft. Auch Stahlmann ist ein Zugereister, er kam aus Bad Oeynhausen und blieb hier „kleben“, wie er sagt. Allein rund um den Kollwitzplatz, das Epizentrum der Entwicklung, hat er rund 700 Wohnungen verkauft, jetzt macht er nichts mehr unter Dachgeschoss. „Ich bin faul“, sagt Stahlmann, die Worte „Dachgeschoss“ und „Prenzlauer Berg“ seien Schlüsselreiz genug. Seine Kunden aus ganz Deutschland seien „überwältigt von der Ästhetik hier. Ich sag nur: das größte zusammenhängende Sanierungsgebiet Europas. Hier wachsen Ost und West in einer Geschwindigkeit zusammen, wie es das nicht noch einmal in Deutschland gibt. Und was hier tagsüber in den Cafés rumsitzt!“

Daran teilzuhaben, sich ein bisschen Lifestyle zu kaufen, ist Stahlmanns Kunden 3300 Euro wert, pro Quadratmeter. Jede vierte Wohnung wird bei ihm komplett bezahlt, im Schnitt liegt die Eigenkapitalquote seiner Käufer bei 60 Prozent. „Je mehr Kohle die Leute in die Hand nehmen, desto unkomplizierter sind sie“, sagt er. Das sei noch mal bequem.

Man kann nun sagen, dass Stahlmanns Erzählungen nicht mehr liefern als einen Blick auf die Wohnträume einer Elite. Eher aber ist es so, dass niemand die Neuerfindung des Prenzlauer Berges von oben herab besser dokumentieren kann als er. In den Wohnungen, die er verkauft, rücken die Küchen in den Mittelpunkt, das gute Leben, umstellt von Bildungsbürgerbücherwänden. „Ich frag meine Käufer immer, ob sie mehr als 3000 Bücher mitbringen – dann muss ich nämlich noch mal an die Statik ran.“ Stahlmann erkennt in seiner Kundendatei mittlerweile „eine neue intellektuelle Schicht, die den Wertewandel im Deutschland der letzten zwanzig Jahre geprägt hat“. Über den Dächern von Berlin setzt sich Rot-Grün zur Ruhe und legt hedonistisch Hand an.

Sogar Stahlmann staunt, wenn er Monate nach der Übergabe noch mal seine Kunden besucht: Blumengestecke, so groß wie in Kirchen. Bodenvasen, die fast bis zur Decke reichen. Einer seiner Kunden habe sich nachträglich einen Kamin für 130000 Euro einbauen lassen, um es behaglich zu haben über dem Trubel der Stadt. In seinen Objektbeschreibungen nennt Stahlmann den Abitur-Index und die Arbeitslosenquote des jeweiligen Viertels. Etwas Metropolenkitzel soll zwar sein, aber man will auch nicht auf zu viel Elend herabblicken.

So wie Andreas Stahlmann den Prenzlauer Berg von oben charakterisiert, lernt Yunus Uygur ihn gerade von unten kennen. Wer nur „Frisch vom Großmarkt“ sagen kann, muss billig sein und lange geöffnet haben, als Nachtverkauf, als Notlösung, falls im Dachgeschoss mal die Bioeier ausgegangen sind. Uygur hat jetzt fast rund um die Uhr auf. Er fährt nicht mehr nach Hause, er schläft in seinem Laden. Man kann lange darin stöbern und sieht sie nicht, die Luke im Boden, versteckt zwischen Bierkästen, darunter eine Holzstiege, die in einen Kellerraum führt, dessen Wände nackt sind wie im Slum. In der Mitte eine Matratze. Hier schläft Uygur drei, vier Stunden, bevor er wieder zum Großmarkt aufbricht, oder er döst nur, weil die U-Bahn den Boden vibrieren lässt. „Gibt’s keinen auf dieser Straße, keinen im Jahr 2007, der lebt wie ich“, sagt Uygur. Nach außen bewahrt er die Demut des Geschäftsmannes, im Innern aber ist er verletzt in seinem Händlerstolz. Er ist am richtigen Ort, aber mit der falschen Strategie. Er hat nicht geahnt, dass er hier ein Lebensgefühl bedienen muss: edles Essen für edle Menschen. Er dachte, es gehe um Möhren, Lauch und Zwiebeln. Um normale Lebensmittel.

Vielleicht schadet Normalsein an einem Ort, an dem viele Menschen leben, die vor der Normalität hierher geflohen sind. Die wenigen Alteingesessenen jedenfalls unterteilen die vielen Zugezogenen grob in „Ökoschwaben“ und eher auf ihr Äußeres bedachte „Pornobrillenträger“, deren Erkennungsmerkmal neben extra verranztem Straßenchic raumgreifende Sechziger-Jahre-Brillen sind; fast schon Gesichtswindschutzscheiben. Dabei übersehen die Alteingesessenen allerdings ein Heer der unauffälligen Unentschiedenen, das zwischen diesen beiden Kulturen steht, mehr oder weniger assimiliert mit der einen oder anderen.

Laufsteg der Pornobrillenträger ist die Kastanienallee, eigentlich nur noch „Castingallee“ genannt. Es gab hier vor zwei Jahren einen Fall, der aufsehenerregend ist, weil er kaum Aufsehen erregte: In einem Park in der Nähe verkauften Farbige Drogen, woraufhin die Besitzerin eines Cafés, dem An einem Sonntag im August, ihre Kellnerinnen eine Dienstanweisung unterschreiben ließ, nach der Schwarze im Lokal nicht mehr willkommen seien. Es sei denn, sie seien Mütter oder hätten „kluge Augen“. Ein Häuflein Linksalternativer demonstrierte gegen diese Wortwahl, und die Gastronomen ringsum solidarisierten sich – mit dem Sonntag im August. Derzeit sind sie dabei, eine Sinti-Band loszuwerden, die seit Jahren durch die Straße zieht. „Die nerven“, sagt einer der Wirte, „das trifft dann halt ’ne Ethnie.“

So wird die Kastanienallee langsam besenrein, die Läden sind voll wie je, und das Sonntag im August, von wildem Wein berankt, wirkt weiterhin so linksromantisch wie eine Teestube der Antifa. Man kann im Prenzlauer Berg einfach im linken Habitus weiterleben. Das ist ja das Schöne. Man kann sich tolerant fühlen, weil Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird. Keine Parabolantenne beleidigt das Auge, kein Kopftuch sorgt für Debatten, keine Moschee beunruhigt die Weltbürger. Es gibt hier kaum Telecafés, die Wohnungen sind zu teuer für Menschen wie Yunus Uygur. Es gibt keine Hip-Hop-Höhlen für türkische Jungs aus dem Wedding oder Kreuzberg, keine Infrastruktur für die lärmenden Kinder der Unterschicht – wenn sie sich nur rauchend auf einen der vielen Spielplätze setzen, stürzen schon die hysterischen Mütter herbei.

Der Schriftsteller Maxim Biller nennt den Prenzlauer Berg mittlerweile ironisch eine „national befreite Zone“. Zwar liegt der Anteil der Ausländer bei 11,1 Prozent und damit nur gut zwei Prozentpunkte unter dem Berliner Durchschnitt. Doch die Zusammensetzung ist eine völlig andere. Die größte Gruppe bilden Franzosen, gefolgt von Italienern, Amerikanern, Briten, Spaniern und Dänen. Eine G8-Bevölkerung, hochgebildet und in Arbeit. Es gibt hier zehnmal mehr Japaner als Ägypter. Der Anteil der Türken beläuft sich auf 0,3 Prozent.

Der Prenzlauer Berg ist offenbar nicht so, wie er zu sein glaubt, auch nicht beim immer wieder gefeierten Kinderreichtum. Pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren kommen hier je Jahr nur 35 Kinder zur Welt – das sind weniger als im vermeintlichen Witwenbezirk Wilmersdorf. In Cloppenburg liegt die Zahl bei 56. Dass der Anschein auf den Straßen und Spielplätzen ein anderer ist, liegt allein daran, dass hier fast ausschließlich junge Menschen leben, die zwar verhältnismäßig wenige Kinder kriegen, aber in ihrer Masse immer noch genug, um das Viertel zu verändern.

In den Bäumen auf dem Schulhof singen die Vögel, als Jürgen Zipperling in seinem kargen Büro beginnt, seine Sicht auf die Parallelwelt Prenzlauer Berg zu erklären, und die ist für einen Schulleiter in einem prosperierenden Bezirk überraschend kritisch. Zipperling war Schüler im Prenzlauer Berg, dann wurde er Lehrer im Prenzlauer Berg, kurz nach der Wende dann Schulleiter an der Bornholmer Grundschule im Prenzlauer Berg. Er ist von Statur eher klein, spricht aber mit raumgreifender Stimme, ausgeprägt in einem langen Lehrerleben. Diese Stimme sagt sehr oft das Wort „Gesellschaft“.

Zipperling erinnert sich noch gut, wie sich diese „Gesellschaft“ Anfang der Neunziger zu verändern begann, als im Prenzlauer Berg „ganze Häuserlandschaften zum Verkauf standen. Dazu die einfallende hohe Arbeitslosigkeit. Die Armen und Arbeitslosen sind damals gegangen, dazu die wenigen Familien, die sich ein Haus im Grünen leisten konnten.“ Nach manchen Sommerferien waren pro Klasse vier, fünf Arbeiterkinder weg – und vier, fünf Akademikerkinder da. Mit die Letzten, die heute an seiner Schule noch berlinern, sind Zipperling und seine Kollegen. Er schätzt den Anteil der Akademikerkinder auf „70 Prozent mindestens“, die Zahl der Ausländer sei hingegen „verschwindend gering“. Es gibt nur einige Kinder türkischer oder polnischer Familien aus dem Wedding, deren Eltern der Ausländeranteil auf den dortigen Schulen zu hoch ist. Die Zahl der Schulschwänzer ist nicht erwähnenswert, und die allermeisten Kinder haben gut gefrühstückt, wenn um 7.50 Uhr die Klingel schellt.

Das klingt nach paradiesischen Zuständen, allerdings sagt Zipperling: „Einige Eltern treten auf, als müsste sich die Sonne um sie drehen.“ Er rät seinen Kollegen, bei jedem Elternabend als Erstes zu sagen, um wie viel Uhr Schluss ist – sonst wird es Nacht, „denn was ihre eigenen Kinder angeht, sind die Eltern sehr besorgt und sehr bestimmt“. Die Erwartungshaltung ist groß, das Vertrauen klein. Stets steht die Drohung im Raum, zu einer der neuen Privatschulen zu wechseln. Neulich stieß eine Lehrerin, als sie die Klasse verließ, mit einem Vater zusammen. Der hatte seit Beginn der Stunde an der Tür gelauscht – „um mal die Atmosphäre zu schnuppern“.

Doch das sind Petitessen, verglichen mit Zipperlings eigentlicher Sorge. Wenn Zipperling seine Schülerlisten durchschaut, findet er keine gesellschaftliche Mitte mehr. Die Handwerker sind weg, die Arbeiter. Nur die „Extremfälle“ seien geblieben, Wendeverlierer, die sogar zu schwach waren, den Stadtteil zu verlassen. Und neben denen sind nun all die Neuen mit ihrer Siegermentalität, nicht sonderlich solidarisch. In seinen Schulklassen, sagt Zipperling, „spiegelt sich die sehr tiefe Spaltung der Gesellschaft wider“. Es gab hier nach 1989 ein kurzes, schweres Beben, ein beinahe freies Spiel der Kräfte, und jetzt gibt es nur noch ein Oben und ein Unten.

Ein paar Straßenzüge weiter südlich stapft am selben Tag Hartmut Häußermann durchs bunte Herbstlaub auf dem Pflaster. Links und rechts glühen die Heizpilze der Straßencafés, die bis in den Nachmittag hinein voll besetzt sind von Frühstücksmenschen, bei denen nie klar ist, ob ihre Muße von Erfolg oder Misserfolg kündet. Aus den Lautsprechern perlt Jazz, ab und zu seufzt eine Espressomaschine. Mädchen pulen im Lachs. Hin und wieder nimmt Häußermann, der in seinem dunklen Mantel und mit seinem grauen Haar beinahe wie ein Großvater zu Besuch wirkt, eine Kamera zur Hand, mit der er Fassaden fotografiert und Geschäfte, deren Namen viel verraten von den Menschen hier. Wie der Babymodenladen Wunschkind. Oder das Schaufenster von Sexy Mama mit der aufreizend eng geschnittenen Schwangerenmode, für die ein Wort wie Umstandskleidung viel zu bieder wäre. „Sexy Mama – ist das nicht Emanzipation?“, fragt er.

Häußermann hat von Berufs wegen ein Auge für Städte, er ist Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Berliner Humboldt-Universität. Seit Jahren beobachtet er den Prenzlauer Berg wie unter einem Mikroskop, Straße für Straße, schließlich gilt es, die Gentrifizierung des Bezirkes zu dokumentieren, also seine Verwandlung, Verteuerung. Der Begriff entlehnt sich der britischen Vokabel gentry; die steht für „niederer Adel“.

Nur hat Häußermanns Sicht auf die Dinge nichts Klassenkämpferisches. Er sagt: Anders als jedes Neubaugebiet habe der Prenzlauer Berg „Flair“ gehabt, „das man nicht erst selber schaffen musste – und hier war das Einfallstor offen“. Die westdeutschen Wohlstandskinder waren fasziniert von Bürgerrechtlern und Bohemiens im Bezirk, vom Geruch der Revolution in gerade noch bewohnbaren Ruinen, vom Zwang zur Improvisation in Häusern, die kein Telefon hatten und nur Ofenheizung. Dann habe die Sache ihren üblichen Verlauf genommen: Die jungen Wilden wurden ruhiger, bekamen Jobs und Kinder und wollten Eigentum. Jetzt leben sie ähnlich wie ihre Eltern im Westen, allerdings in anderer Kulisse. Mit den Jahren sei etwas entstanden, was Häußermann „unkonventionelle Bürgerlichkeit“ nennt – voller Ideale und gleichzeitig sehr rational. „Spätestens seit der Pisa-Studie wird hier keiner mehr eine Bürgerinitiative ‚Mehr Ausländer in die Klasse meiner Kinder machen.“

Gefragt, ob den Kindern vor lauter Lebensglück nicht die Wirklichkeit entgehe, sagt Häußermann, dass Lebensglück nichts Schlechtes sei und jedermann das Recht habe, danach zu streben. Macht er übrigens auch. Denn Häußermann, 1943 in Waiblingen geboren, ist Bestandteil der Gentrifizierung. Er ist 1994 übergesiedelt, aus Charlottenburg – „das war eine BAT-IIa-Zone, da war ich unter meinesgleichen“, sagt er und lacht. „Was mich hierher gezogen hat, war die Jugendlichkeit.“ Man kann sich im Prenzlauer Berg noch jung fühlen, obwohl man fast schon alt ist. Den tatsächlich Jungen, seinen Studenten, werde es mittlerweile allerdings zu teuer. „Und das ist natürlich keine gute Entwicklung“, sagt Häußermann, zumal – und das überrasche viele – erst die Hälfte des Viertels saniert sei. Es hat also gerade erst angefangen, und auch der Professor weiß nicht, wo das noch enden soll. Dann verabschiedet er sich und geht zu seinem Lieblingsbäcker.

Auf den Straßen ringsum parken zig Citroëns aus den Sechzigern und Vespas aus den Siebzigern, gefahren von Männern mit Günter-Netzer-Frisuren. Im Spielzeugladen Kinderstube wird gebrauchtes Spielzeug verkauft, Fisher-Price-Kipplaster aus den Achtzigern – für 69 Euro. Junge Eltern rekonstruieren ihre eigene Kindheit, als hätten Gegenwart und Zukunft nicht viel zu bieten. Manchmal wirkt das ein wenig ängstlich, oft wirkt es wie Westalgie im Osten. Die Läden, in denen diese Sehnsucht nach dem Gestern bedient wird, ob mit Nierentischen, Plattenspielern oder riesenrädrigen Kinderwagen, sind sehr teuer. Nur das „Du“ kriegt man hier immer noch umsonst: „Da kaufst du dir aber echt was Gutes, du.“

Während die Musikschule draußen in Lichtenberg, tief im Berliner Osten, in den Kitas verzweifelt um Kinder wirbt, muss die Sekretärin der Zweigstelle Prenzlauer Berg dauernd ungeduldige Eltern vertrösten. Die Wartezeiten für Violine, Klavier und Cello: ein Jahr. Die Nachfrage nach der musikalischen Früherziehung, diesem Nadelöhr am Anfang jeder Intellektuellenbiografie, ist sogar so groß, dass einige Eltern ihre Babys schon mit der Geburt anmelden. Die Kinder auf den Wartelisten heißen in der Regel Paul und Paula, Conrad und Jacob, Marie und Mathilda. Alternativ zu sein heißt hier mittlerweile, in einer Zeit verwirrend vielfältiger Lebensentwürfe zu seiner Bürgerlichkeit zu stehen.

Die Beamten im Polizeirevier drucksen ein wenig rum, wenn man sie nach Veränderungen in den Straßen und den Häusern fragt, die sie seit Jahren kennen. Ihre Lippen werden schmal, sie wirken seltsam defensiv. Dann stellt sich heraus: Sie kommen alle nicht von hier, Dienstleistungen werden mittlerweile importiert. Der Prenzlauer Berg ist kein Viertel, das Putzfrauen, Bauarbeiter oder eben Polizisten hervorbringt. Das ist hier ähnlich wie in Dubai.

Lange Zeit hatte das Viertel wegen der Maikrawalle in den Neunzigern einen katastrophalen Ruf bei der Berliner Polizei, inzwischen hat sich der Stadtteil beruhigt. Dass ihr Revier von den Fallzahlen her trotzdem im oberen Viertel der Polizeistatistik geführt wird, liege an den vielen Fahrraddiebstählen, sagen die Beamten. Und dann sind da all die Anrufe wegen Ruhestörung. Wer vor fünf Jahren noch selber auf der Straße saß, besteht jetzt abends auf Stille. Je höher das Stockwerk, desto niedriger die Toleranzschwelle. Es werde auch schwieriger, da zu vermitteln, sagen die Polizisten, es gebe jetzt schon bei Knöllchen kräftig Contra – denn der Prenzlauer Berg werde gerade zum „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“-Bezirk.

Jene, die fremd sind, haben vielleicht den besten Blick: Auf dem Recyclinghof, der auf der Grenze zwischen den neu gemachten Altbauten im Prenzlauer Berg und den alt gewordenen Neubauten im Wedding liegt, berichten die irgendwie naturbelassenen Müllmänner kopfschüttelnd, dass die Weddinger „Schrott“ bringen, die Prenzelberger hingegen „Gebrauchtes“. Und immer häufiger fragen die einen, ob sie die Hinterlassenschaften der anderen haben können. Es ist, als verlaufe hier eine gesellschaftliche Wasserscheide, die nicht nur Teppich- von Dielenboden trennt, sondern auch neue Armut von neuem Wohlstand, Pragmatismus von Spiritualismus und Sorgen von Selbstfindung.

Selbstfindung jedenfalls scheint das eigentliche Geschäftsfeld des LPG-Biomarktes an der Schönhauser Allee zu sein, nicht weit von Yunus Uygurs Laden. LPG steht in den neuen Zeiten für „Lecker. Preiswert. Gesund“. Das Geschäft, im Frühjahr eröffnet und mittlerweile die Kathedrale der Ökoschwaben, misst nach Angaben seiner Besitzer „0,3 Hektar“ und ist damit größter Ökosupermarkt Europas. Im Erdgeschoss stapeln sich die Bionade-Kästen meterhoch. Es gibt Dinkeltortenböden, Schafmilchseife mit Ringelblume, Johannisbeersaft für 10,24 Euro pro Liter, Schurwollbabystrampler für 99 Euro, ökologische Katzenkroketten mit Fisch und vegetarisches Hundefutter. Und es gibt Abnehmer für all das. Man ist sich hier einiges wert. Im Obergeschoss werden Spiegelsprüche verkauft, die sich die Kunden ins Bad kleben können: „Ich bin schön“, „Ich bin wundervoll“, „Ich könnte mich küssen“.

An einer Litfaßsäule hinter der Kasse hat der Stadtteil seine Seele ausgehängt: Da wird „Fasten auf Hiddensee“ angeboten, „Rat und Hilfe bei Elektrosmog“, der „Pro und Contra-Impfen-Vortrag“ einer Heilpraktikerin, die „ökologisch korrekte Riesterrente“ und der „Workshop erholsamer Schlaf“. Die Stadtschamanin Seijin bietet „Traumreisen aller Art und Seelenrückholung“ an. Man ahnt hier den Preis, den eine Gesellschaft für ihre Informiertheit und ihren Individualismus zahlt, und man ist an einem Punkt angelangt, wo man sich fragt, ob mancher hier zu beneiden oder zu bedauern ist. Eigentlich macht alles Sinn, wonach der Prenzlauer Berg strebt: nach gesundem Essen, gutem Leben und gebildeten Kindern. Doch wird hier bedingungslos an der Selbstveredlung gewerkelt.

Martina Buschhaus arbeitet seit zehn Jahren an dieser Grenze zwischen Vernunft und Ich-Kult. Sie ist Allgemeinärztin, vor zehn Jahren arbeitete sie im Wedding, seither ist sie im Prenzlauer Berg. Sie findet es eigentlich „wunderbar“: überwiegend gesundheitsbewusste Leute, die sich Gedanken machen über Ernährung und Sport. Es gibt hier selten das, was sie den Morbus Wedding nennt, „also alles, was sich aus Fressen, Saufen und Fernsehen ergibt, nämlich Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“. Allerdings ist nicht ganz klar, ob die Menschen im Prenzlauer Berg wirklich gesünder sind – oder eher anders krank. Dass sie den vielen Vegetariern zusätzlich Vitamin B12 verschreibe, sei normal, sagt Buschhaus. Aber auffallend viele Menschen leiden unter Allergien, Rückenschmerzen, Magen-Darm. Das sind die Gebrechen der gestressten Freiberufler, „und wenn ich denen sage, dass sie mal Pause machen sollten, sagen die: Geht nicht.“

Zum Glück seien die Leute offen für alternative Methoden, die sie auch anbietet – wobei „offen für“ bei Buschhaus auch „überinformiert“ heißen kann. 15 Minuten pro Patient wie im Wedding? Das reicht kaum mehr aus. Buschhaus diagnostiziert großen Redebedarf und „einige Einsamkeit“ im Stadtteil. In mehr als der Hälfte der Wohnungen im Viertel lebt nur ein Mensch. Die Psychotherapeuten sind ausgebucht. Die Menschen horchen in sich hinein, sie sind sehr gesund und ständig krank, körperbetont und zugleich verkopft, total lässig und furchtbar verspannt. Daraus lässt sich wieder was machen.

Die Erdgeschosse liegen schon im Schatten, als in einem eierschalenfarben renovierten Haus in der feinen Rykestraße das Kinderyoga beginnt. Das Kinderyoga macht „der Thomas“, der früher mal Pädagoge war, der auch mal eine Werbeagentur hatte und der nun eine Glatze trägt und Yogalehrer ist. Der Thomas sagt, die Kinder, die gleich kämen, gehörten Eltern, „die schon auf dem Yoga-Weg sind und wollen, dass ihre Kinder auch ein wenig ruhiger werden“. Warum schon Kinder ruhig sein sollen, wird nicht ganz klar, aber Kinderyoga macht auch eigentlich „die Simone“, seine Frau, doch die hat vor ein paar Tagen entbunden, natürlich nicht im Krankenhaus. Jedenfalls macht die Simone jetzt Rückbildungsyoga. Yoga läuft gut im Moment.

Der Thomas hat die Vorhänge zur Straße zugezogen und Klangschale und Kerze auf den Dielenboden gestellt. Im Fenster ist der Vortrag eines professionellen Besinnlichkeitsreisenden angekündigt, Thema: „Seelengevögelt by this life“ – Ursachen, Auswege, Meditation. Die Kinder kommen auf Stoppersocken. Der Älteste ist sieben. Maxi, die Jüngste, ist drei. Und der Thomas ist sehr nett. Er schaut sich jeden Wackelzahn an, bevor er ein Mantra auf Sanskrit anstimmt, das in einem langen „Ommm“ ausläuft. Maxi schaut ungläubig und knetet ihre Zehen. Die anderen machen den Sonnengruß. Der Thomas ruft: „…ich bin stark wie ein Berg… fest wie eine Brücke… die Erde trägt mich…“ Nach fünf Minuten meldet Frederic: „Mir ist langweilig.“ Nach zehn Minuten tritt Sebastian die Kerze um. „Kommt, noch eine Runde, ich helfe euch auch“, sagt der Thomas. Er sagt das sehr sanft, aber es ist schon so, dass auch im Prenzlauer Berg Kinder dem Lebensstil ihrer Eltern angepasst werden. Da ist Yoga natürlich besser als RTL2 gucken. Sie machen deshalb noch eine Traumreise. Und beißen ab und zu ein Gähnen weg. Am Ende fragt der Thomas: „Jetzt wollt ihr wahrscheinlich raufen, oder?“ – „Jaaaaaa!“ Dann fallen die Jungen übereinander her. Und gehen noch Fußball spielen.

Fußball spielende Jungs sieht man recht selten im Prenzlauer Berg, diesem kleinen Altbaudreieck, in dem sich Deutschland neu erfunden hat. Aber wie ist es nun geworden?

Wuuuunderbar! Aber weshalb? Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 100000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute, außer ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt – weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein. Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen.

Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere am Prenzlauer Berg aber ist, dass er nicht wahrhaben will, dass er ganz anders ist, als er zu sein glaubt.

Die Sonne steht schon tief, und der Fassadenstuck wirft weite Schatten, als eine Prozession bunt bemützter Kinder die Schönhauser Allee hinabtollt, auf Fahrrädern, Laufrädern, zu Fuß. Klingelnd, lachend ziehen sie ins Kino Babylon, das schon in Berlin-Mitte liegt. Heike Makatsch wird dort Pippi Langstrumpf lesen. Heike Makatsch! Die perfekte Kreuzung aus Ökoschwabe und Pornobrillenträger: Girlie, Prenzlauer-Berg-Prominenz – und jetzt auch Mutter. Der Saal ist voll, Makatsch lässt markengetreu ihre Augen rollen und knarzt dann die Geschichte von Pippis Einzug in die Villa Kunterbunt ins Publikum, erzählt von den biederen Nachbarskindern Thomas und Annika und von Pippis erstem Schultag. Das Kino ist von Glück geflutet. Lächeln, Kuscheln, Sonntagsseufzer. Alle fühlen sich subversiv wie Pippi, sind aber so blond und brav wie Thomas und wie Annika. Die Kinder sitzen still und saugen an Strohhalmen, die in roter Holunder-Bionade stecken, ihre Eltern essen besinnlich schwedischen Mandelkuchen, anschließend wird das Hörbuch gekauft. Auch auswärts, am südlichen Auslauf der Schönhauser Allee, ist der Prenzlauer Berg mal wieder ganz bei sich.

Zwei Kilometer weiter nördlich steht zur gleichen Zeit Yunus Uygurs Frau im Gemüseladen und wuchtet Obstkisten ins Lager. Seine Tochter sitzt an der Kasse und macht Hausaufgaben. Und unter der Klappe im Boden, in seinem Loch, schläft Yunus Uygur unruhig der nächsten Großmarktnacht entgegen, seelengevögelt by his life . Er sollte auf Öko umsteigen. Alles andere tut auf Dauer nicht gut.