DAS HABE ICH GESAGT?
Die Bürgerbewegung des Herbstes 1989 hat das Verdienst, den Sturz der SED-Politbürokratie als wort-mächtigen Volksaufstand ohne Bürgerkrieg über die Bühne gebracht zu haben. Was das historisch bedeutet, kann man leicht ermitteln durch Vergleiche mit den blutigen, den gelungenen europäischen und den gescheiterten deutschen Revolutionen. Die Bürgerbewegung war nicht so sehr das aufgeregte Palaver der Leipziger und Berliner Aktivisten im Scheinwerferlicht der westlichen Medien, sondern das Handeln in zahllosen Städten und Dörfern, in denen couragierte Bürger die gewaltfreie Entmachtung der Bonzen organisiert haben. Niemand ist erschlagen, niemand erschossen, niemand guillotiniert worden. Als die Macht auf der Straße lag, hätte eine spontan formierte revolutionäre Regierung energisch, notfalls mit Generalstreik, die Parteiherrschaft beenden müssen. Es hätte sich eine verfassunggebende Versammlung mit Delegierten aus allen Teilen des Landes bilden müssen. Danach freie Wahlen. Selbstverständlich als Erstes die Öffnung der Mauer, allerdings in geregeltem, mit der Bundesrepublik abgesprochenem Verfahren. Selbstverständlich die Perspektive der Vereinigung beider deutscher Staaten, als geregelter Vorgang, so wie heute ein Beitritt zur EU abläuft. Es ist das alles leicht zu sagen, es war schwer zu tun. Jedenfalls kam es zu alldem nicht. Stattdessen zerfiel die Bewegung. Sie teilte sich in einen naiv romantischen Strom (Basisdemokratie vor allem!) und einen ebenso naiv westanbiedernden (Helmut, nimm uns an die Hand, führ uns ins Wirtschaftswunderland!). In keinem der Ostblockländer war eine politische Theorie für die Zeit danach entwickelt worden, in keinem gab es energische Köpfe, die zu effektiver politischer Kooperation bereit waren. Das Ancien Régime hatte es in dieser Hinsicht besser gemacht als vor 1789: Es hatte diesmal erfolgreich die Enzyklopädisten verhindert, Montesquieu abgelenkt, sodass als politisches Not-programm nur der Beitritt zum Westen blieb. Auch der Westen hatte, wie sich nicht nur in Deutschland zeigte, keine Ahnung. Es erging uns wie manchem olympischen Zehnkämpfer: ein wunderbarer erster Tag, ein verpatzter zweiter. Ich bleibe dabei: gesamthistorisch eine Drei. Die Enkel fechtens besser aus.
Jens Reich, Biologe und Mediziner, ist als Bürgerrechtler bekannt geworden
Dass die SED tot war, bestätigte die Gründung der PDS. Willy Brandt hat versucht, seine Partei zu einem Beschluss zu bewegen, wonach jedes ehemalige SED-Mitglied, das sich keines schweren Vergehens schuldig gemacht hat und das Programm der SPD bejaht, Mitglied der SPD werden könnte. Das sollte über die Ortsvereine beantragt werden, in denen die Antragsteller bekannt waren. Er wollte damit verhindern, dass die PDS starken Zulauf bekam. Leider setzte er sich damit in der eigenen Partei, zuletzt auf dem Vereinigungsparteitag von SPD und SDP, der Gründung der Sozialdemokraten in der DDR, nicht durch. Viele Menschen aus sozialdemokratischen Familien wurden abgewiesen. Der außenpolitische Teil der Einheit ist glücklich und fehlerfrei gelungen. Das kann man von den innenpolitischen Entscheidungen, die uns niemand vorschrieb, wirtschafts- und gesellschaftspolitisch nicht sagen, wenn die Gegenwart an dem 1990 proklamierten obersten Ziel gemessen wird, die innere Einheit zu erreichen.
EGON BAHR, SPD-Politiker
Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen, sowohl materiell wie auch geistig und historisch. Dies beschäftigt uns nach wie vor.
Richard von weizsäcker, Bundespräsident a. D.
Mein Vorschlag, die Mauer mit vielen Löchern als Denkmal stehen zu lassen, war gleich doppelt unrealistisch. Weder eine voll-ständige Öffnung der Mauer noch gar die Beseitigung war damals, Mitte Oktober 1989, vorstellbar. Dass beides wenige Wochen später Wirklichkeit werden würde, sah niemand kommen. Wer im Oktober 1989 für viele Löcher, also freien Verkehr durch die Mauer plädierte, zugleich aber dem Abriss widersprach, konnte das Missverständnis kaum vermeiden, der Bestand der Sperrgrenze solle verlängert werden. Zu dicht hingen beide, Absperrung und Grenzanlage, zusammen. Schon deshalb waren allgemeine Ablehnung und wütender Widerspruch (Abscheu, Bestürzung, Unverfrorenheit) gesichert. Und auch, wer sich die Öffnung vorzustellen versuchte, fand den Gedanken an einen Fortbestand der Grenz-anlage unakzeptabel. Wie die Bastille, das berüchtigte große Staatgefängnis in Paris, 200 Jahre zuvor bis auf den letzten Stein abgebrochen worden war, so sollte auch die Mauer völlig verschwinden.
Schon damals war zu befürchten, dass es ein Verlust für die Erinnerungsmöglichkeiten später lebender Menschen werden würde, wenn nicht wenigstens ein eindrucksvolles größeres Stück der Sperranlagen erhalten bliebe. Was die Mauer besonders für die eingesperrten Menschen im Osten bedeutet hatte, könnte dann nicht mehr augenfällig werden. So ist es gekommen. Das Monstrum wurde beseitigt, spontan durch die Mauerspechte und alsbald auch durch offizielle Instanzen.
Betonbrocken verteilten sich fast über die ganze Welt, als Souvenirs, aber nicht als Zeugen der Brutalität, mit der Deutschlands Teilung ins Werk gesetzt worden war. Spärliche Mauerreste in Berlin können den Verlust nicht wett-machen. Eine Freiluftgalerie, ein nur dürftig erhaltenes Reststück mit Gedenkstätte an entlegenem Ort und die wenigen noch stehenden Wachtürme, vielfach für Aussichtstürme gehalten, können die Realität der Mauer nicht sichtbar machen. Im Zentrum wurden die Flächen geräumt und als teure Baugrundstücke genutzt. Zum Begehen und Begreifen ist nichts mehr da. Die Vergoldung der DDR-Vergangenheit kommt ohne das Anschauungsmaterial Mauer besser voran. Nein, es war wirklich nicht alles schlecht in der DDR, besonders die Menschen nicht. Aber diesen konnte eine brutal-utopische Politik nur aufgezwungen werden, weil man sie eingesperrt hielt. Das war entscheidend. Daran zu erinnern bleibt notwendig und leider auch aktuell. Politische Konzepte voll unerfüllbarer Verheißungen und unrealistischer Konstruktionen gibt es weiter. Durchsetzbar ist eine solche Politik nur, wenn man die Bevölkerung einsperrt. Die Mauer machte das deutlicher als viele Worte.
Jürgen Schmude war u. a. Justizminister im Kabinett Schmidt. Über Jahre bemühte er sich in der DDR um Ausreisen von Familien-angehörigen. Zuletzt gehörte er dem Nationalen Ethikrat an
Nach der grauenvollen Blamage des Marxismus-Leninismus 1989 und 1990 in der Sowjet-union und ihren Bruder- staaten huschte und flackerte unter den Abgestürzten, Abgehalfterten die Debatte, ob denn das alles gewesen sei. Einer meiner Freunde fuhr gern nach Bremen und tüftelte dort mit anderen Geschlagenen heraus, Marx habe den Fehler begangen, sich auf Hegel zu stützen der Mensch ist erziehbar. Nun wollten sie Marx mit Nietzsche verknüpfen der Mensch ist ein Schwein. Sie meinten, so husteten sie sich frei zu neuen Ansprüchen. Wolfgang Harich und Volker Braun stellten sich unabhängig voneinander eine ökologisch dominierte Weltdiktatur vor, Kommunismus ohne Wachstum.
Werner Mittenzwei ging aufs Ganze: Diese Erfolge des Kapitalismus sind die Niederlagen der Menschheit, die ein humanes Zusammenleben erstrebt. Deshalb wird ihr nichts anderes übrig bleiben, will sie überleben, das Experiment der Umwälzungen aller bisherigen Verhält-nisse in radikal erneuerter Fassung zu wiederholen. Ich stöhnte auf: Nicht schon wieder! Derlei Erörterungen läpperten sich durch die neunziger Jahre. Seitdem ist es still damit geworden. Die PDS, die Linken haben nicht einen einzigen Ideologen hervorgebracht, der in diesem Sinne wirksam nach-gesonnen hätte, ihre Strategen beschränken sich auf tagespolitische Hoppelei. Die Kommunismus-kritiker in Deutschland, allen voran Hermann Weber, haben aufgeräumt, das Revier wirkt nahezu besenrein. Der Kommunismus ist tot, Unfriede seiner Asche - frische Brandherde werden nicht ruchbar.
Erich Loest, heute BRD-Schriftsteller
Ich habe das mit der Unbesiegbarkeit direkt nach unserem WM-Sieg gesagt, damals in Rom. Die Euphorie war sehr groß und all die guten Fußballer aus der ehemaligen DDR wie Thomas Doll, Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Andreas Thom und die vielen anderen gehörten noch gar nicht zur Nationalmannschaft dazu! Und so richtig ernst gemeint war es natürlich nicht jedenfalls nicht so ernst, wie es viele genommen haben. Aber was sagt und glaubt man nicht alles in solchen Glücksmomenten?
Franz Beckenbauer, inzwischen Multifunktionär
Zur Wendezeit waren viele optimistischer als ich, gerade was die wirtschaftliche Entwicklung betraf. Leider ist es aber so, dass ein Primat der Wirtschaft über die Politik entstanden ist, sodass nichts mehr ersetzt werden muss. Die Folge ist aber, dass einseitig die Profitinteressen großer Konzerne die Politik dominieren. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, dies wieder zu korrigieren. Und zwar gründlich.
Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.46 vom 08.11.2007, S.M34
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