Energiekonzerne »Kein Preiskartell«

Jürgen Basedow über Energiemonopole und hohe Preise, über falsche Weichenstellungen und Strategien, die Konkurrenz zu beleben

DIE ZEIT: Herr Basedow, die Strompreise in Deutschland sind sehr hoch, sind sie auch abgesprochen?

Jürgen Basedow: Mir sind keine Tatsachen bekannt, die Absprachen zwischen den Konzernen belegen würden. Dass Strom bundesweit so teuer ist, ist vor allem eine Folge der relativ einheitlichen Großhandelspreise, die als Grundlage für die Endkundenpreise dienen. Und die bilden sich an der Leipziger Strombörse unter maßgeblichem Einfluss der vier großen Stromkonzerne.

ZEIT: Überrascht Sie der Vorwurf der Absprache, den das Kartellamt jetzt erhebt?

Basedow: Nein. Die Behörde muss genau hinschauen. Und die Preishöhe ist immer ein Grund, aufmerksam und misstrauisch zu sein. Die Energieunternehmen sind außerdem Mitgesellschafter der Stromhandelsbörse in Leipzig. Die Monopolkommission fordert deshalb eine striktere Kontrolle der Leipziger Börse.

ZEIT: Die Kartellwächter preschen nicht das erste Mal vor. Sie haben gerade lange geprüft, ob der Wert der Emissionszertifikate zu Recht auf den Strompreis geschlagen werden durfte. Am Ende ohne Ergebnis für den Verbraucher.

Basedow: Preismissbrauchskontrolle ist immer ein schwieriges Unterfangen. Es gelingt fast nie, wirklich zu beweisen, dass ein bestimmter Preis missbräuchlich überhöht ist. Der gegenwärtige Vorwurf basiert aber darauf, dass die Unternehmen stillschweigend oder ausdrücklich ein Einverständnis über den Preis herstellen.

ZEIT: Wie bei den Tankstellenpreisen?

Basedow: Genau. Diesen Vorwurf kann man aber entkräften. Wenn man eine Ausfallstraße in Deutschland nimmt, und einer der großen Tankstellenbetreiber senkt dort die Preise an seinen Zapfsäulen, dann wissen die anderen Betreiber an der Straße sofort Bescheid und können ihrerseits den Preis senken. Im Ergebnis verdienen alle Anbieter weniger, aber sie luchsen sich keine Marktanteile ab. So ähnlich funktioniert es auch beim Strom. Elektrizität ist wie Benzin ein homogenes Gut. Es gibt praktisch keinen Qualitätswettbewerb, sondern allenfalls Preiswettbewerb zwischen den marktmächtigen Unternehmen. Tatsächliches Wetteifern um Marktanteile würde nämlich zu einer Selbstschädigung der Beteiligten führen. Stromkonzerne brauchen deshalb keine Absprache, um sicherzustellen, dass der Preis hoch bleibt.

ZEIT: Kartellamt, Netzagentur und Wirtschaftsminister wollen den Wettbewerb zugunsten der Verbraucher anzukurbeln. Aber der Preis steigt. Gibt es keine wirksamen Instrumente?

Basedow: Die sind sehr schwer zu entwickeln. Und die rot-grüne Regierung hat ja selbst dazu beigetragen, dass innerhalb der früheren Bezugsgebiete das jeweilige Versorgungsunternehmen eine marktmächtige bis fast monopolistische Position bekommen hat.

ZEIT: Die Politik beklagt die Marktmacht der großen Versorger, die sie erst ermöglicht hat?

Basedow: Ja. Die klare Entscheidung der rot-grünen Regierung zur Übernahme der Ruhrgas durch E.on gegen die Bedenken des Kartellamtes zeigt, dass starke Großunternehmen gewollt waren. Vor zehn Jahren hatten wir neun Versorger, heute haben wir nur noch vier.

ZEIT: 40 Prozent des Strompreises sind staatliche Abgaben. Ist das nicht zu viel?

Basedow: Die staatlichen Abgaben erklären jedenfalls nicht die gegenwärtigen Preisexplosionen. Sie sind nämlich in jüngerer Vergangenheit nicht gestiegen. Allerdings ist kürzlich die Genehmigung des Strompreises durch die Länderbehörden weggefallen.

ZEIT: Sollte sie wieder eingeführt werden?

Basedow: Nein. Die Preisgenehmigung hatte nur Drohpotenzial. Sie konnte von den Bundesländern mangels Manpower nicht wirklich genutzt werden. Andererseits, wenn eine solche Kontrolle nicht mehr möglich ist, finden Vorstandschefs von Energieunternehmen plötzlich, dass die Strompreise in Deutschland schon immer viel zu niedrig waren.

ZEIT: Wirtschaftsminister Michael Glos will den marktbeherrschenden Unternehmen per Kartellgesetz verbieten, Preise zu fordern, »die die Kosten in unangemessener Weise überschreiten«. Ein guter Vorschlag?

Basedow: Die Monopolkommission ist sehr skeptisch. Eine kartellrechtliche Preishöhenkontrolle hat erhebliche Nachteile. Die werden nicht dadurch beseitigt, dass die Beweislast umgekehrt wird.

ZEIT: Das aber will Glos tun.

Basedow: Es ist so, dass das Kartellamt als staatliche Behörde in die Unternehmensfreiheit eingreift. Zu verlangen, das Unternehmen müsse beweisen, dass es keinen Grund dafür gebe, scheint mir mit grundlegenden Strickmustern unserer Rechtsordnung schwer vereinbar zu sein. Wenn der Staat in Freiheiten eingreift, muss er zunächst darlegen, dass dort ein rechtswidriges Verhalten vorliegt.

ZEIT: Die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes will die Kraftwerke eigentumsrechtlich von den Netzen trennen. Ist das besser?

Basedow: Gut daran ist, dass die Struktur des Marktes verändert würde. Wir bekommen den Markt nicht über eine weitere staatliche Regulierung der Preise ins Lot. Vielmehr müssen wir die verschiedenen Anbieter in einen Wettbewerb untereinander bringen, der dann selbsttätig dafür sorgt, dass die Preise nicht in den Himmel steigen. So funktioniert der Wettbewerb auf anderen Märkten wie beispielsweise bei Lebensmitteln. Trotzdem gibt es gegen Kroes’ Vorschlag auch Einwände. Die Kommission ist seit Jahren dabei, die Energiemärkte intensiv zu regulieren; sie muss jetzt Geduld beweisen, damit die Regulierung wirken kann. Außerdem gibt es kein überzeugendes Argument dafür, dass die eigentumsrechtliche Trennung per Aktiensplit tatsächlich zu mehr Wettbewerb führt.

ZEIT: Der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel will die Konzerne zwingen, Kraftwerksanteile zu verkaufen. Würde das für Wettbewerb sorgen?

Basedow: Wir betrachten den Zwang zum Verkauf sehr skeptisch. Wenn im Markt bekannt ist, dass Unternehmen in einer bestimmten Frist verkaufen müssen, fällt der Preis. Es wird hohe Entschädigungsforderungen geben. Zudem sind zu viele Details unklar. Welche Kraftwerke sollen verkauft werden? Alte oder neue? Für Grundlast oder für Verbrauchsspitzen?

ZEIT: Also alles nur Wahlkampfgetöse?

Basedow: Nicht nur. Auch Herr Rhiel will die Struktur des Marktes ändern. Nur läuft der Zwang zum Verkauf immer auf eine Enteignung hinaus, die letztlich vom Staat bezahlt werden muss.

ZEIT: Was also tun?

Basedow: Die Monopolkommission schlägt ein Moratorium für die vier großen Energiekonzerne vor. Sie sollen jetzt keine neuen Kraftwerke bauen dürfen. Dies bleibt zunächst neuen Anbietern wie Stadtwerken oder großen Energieverbrauchern vorbehalten. So bekommen wir über einige Jahre konkurrierende Erzeuger. Funktioniert der Wettbewerb erst einmal, können alle wieder investieren.

ZEIT: Von den 16 Kraftwerken, die bis 2012 ans Netz gehen sollen, werden zwölf von den großen vier oder von verbundenen Unternehmen gebaut.

Basedow: Die Politik muss endlich längerfristige Planungen entwickeln. Strukturelle Veränderungen lassen sich wegen der langen Bauzeiten von Kraftwerken nur in größeren Zeiträumen verwirklichen. Deshalb ist unser Moratorium als Instrument der Wettbewerbspolitik auf Energiemärkten auch von grundsätzlichem Interesse.

ZEIT: Was tippen Sie, wie lange werden wir noch unter hohen Preisen leiden?

Basedow: Ich bin nicht sehr optimistisch, ob die jetzige Bundesregierung vollständig begriffen hat, dass wir angemessene Energiepreise im Interesse der gesamten Volkswirtschaft brauchen. Unter der Regierung Schröder hieß es, es sei kein Fehler, wenn Energie teuer ist. Heute glaubt der CSU-Wirtschaftsminister zwar, angesichts der exorbitanten Preise handeln zu müssen. Aber er setzt auf ein völlig untaugliches Instrument. Die Preishöhenkontrolle greift nur ein Symptom auf, schafft aber keinen Wettbewerb.

Das Gespräch führte Cerstin Gammelin

Jürgen Basedow ist Vorsitzender der Monopolkommission und Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

 
Leser-Kommentare
  1. An der Strombörse (www.eex.com) kostet die MWh ca. 30 - 70 EUR (je nach Zeit, selber mal schauen !!), umgerechnet auf die kWh: 3 - 7 ct/kWh .  Nachtstrom kostet sogar weniger als 3 ct/ kWh . Das ist viel billiger als was von den Verbrauchern verlangt wird: ca. 190 EUR/MWh (= 19 ct/kWh) in Leipzig .
    Bis der billige Strom aus den Hochspannungslaitungen beim Kunden ankommt wird er noch vom _Netzbetreiber_ geleitet, und die Netzbetreiber haben nach wie vor ein Monopol und missbrauchen dieses offensichtlich. Da gehört eine Regulierung her, der zufolge der Netzbetreiber eben nicht das Mehrfache verlangen können darf, 1 ct/kWh sollte genügen. Dann würde das Geld der Wirtschaft (deren Bestandteil nun mal auch Privatverbraucher sind) direkt zugute kommen, anstatt beim dümmlichen Sport-Sponsoring zu landen.
    Notfalls sind solche vitalen Branchen eben zu zwingen !

  2. Auf Wunsch des Lesers entfernt. Die Redaktion/sh

    • Anonym
    • 08.11.2007 um 10:56 Uhr

    Auch wenn heute die Regierung Schröder von manchen gefeiert wird als eine Regierung, die Reformen in Gang gebracht hat, so muss man doch konstatieren, dass das eine gigantische opportunistische Mogelpackung war, die langfristig nur neoliberale Interessen im negativen Sinne befördert hat.
    Statt echter Reformen, wurde zu Lasten vor allem der mittleren Einkommen und Unternehmen die Sozialstandards künstlich aufrechterhalten, sowie die Machtstellung, Bestandsschutz und Monopolisierung von Konzernen begünstigt als Basis für diese massivste aller Umverteilungen die Deutschland je erlebt hat.
    Damit wurde mittels exessiver indirekter Subventionierung zu Lasten aller anderen gesellschaftlichen Gruppen die deutsche Großindustrie, teilweise auch des Mitttelstandes mit ihren Arbeitnehmern künstlich rentabler gemacht, ohne das ihre eigentliche Wettbewerbsfähigkeit oder Produktivität sich real verbesserte. Insgesamt und auf Dauer wurde also eine Schwächung der gesamten deutschen Wirtschaft betrieben. Dieser Schaden scheint irreparabel und drückt sich in der zunehmenden Zweiteilung der deutschen Gesellschaft aus, sowie der Abwanderung qualifizierten Nachwuchses in Ausland. Das erklärt auch, warum in der breite der Bevölkerung der sogenannte Aufschwung kaum wahrgenommen wird, da er tatsächlich zu erheblichen Teilen durch Umverteilung von unten nach oben zustande gekommen ist, und nicht durch Umverteilung von Unproduktivem Altem zu produktivem Neuem, was allein eine solche Umschichtung moralisch hätte rechtfertigen können, aber der Bestandsschutz hatte ja leider oberste Priorität, so verpufft auf Dauer der Effekt als Strohfeuer.  
    Das Gesamtinteresse der Bevölkerung wurde den Partikularinteressen der Großindustrie, des Verwaltungsmoloches und den großen Gewerkschaften mit ihrer Klientel geopfert. Wen wunderts eigentlich noch, dass den Gewerkschaften die Mitglieder weglaufen?
    Von einer SPD, die ohnehin praktisch keinen Rückhalt mehr in anderen Bevölkerunggruppen besitzt, weil sie diese ohnehin eher als Feindbild betrachtet, kann wohl auch kaum anderes erwartet werden. Wenn Ersatz in Sicht wäre, wäre es wirlich zu begrüßen, wenn diese Partei möglichst schnell von der politischen Bühne verschwindet, weil sie außer solchen Griffen in die Trickkiste auf Dauer zu Lasten besonders der sozial Schwachen einfach nichts, aber auch gar nichts zu bieten hat. 
    Berthold Grabe

  3. So lange die Netzbetreiber ihre eigenen Baufirmen zum "investieren" beauftragen und sich die Rechnungen quasi selber schreiben siehts auf dem Papier auch ganz schön teuer aus; da darf der Meter Kabel auch gerne 100 EUR + Verlegung Kosten.
    Wenn Sie bspw. ein Gebäude errichten oder sanieren haben Sie das Vergnügen den Netzbetreibern einen pauschalen Preis zu zahlen, wo man Ihnen auf dem Papier mit den Kosten anteilig entgegenkommt. Dabei haben Sie nicht etwa die Wahl, selbst eine billigere Firma zu beauftragen. Die zu zahlende Summe erfüllt natürlich den Tatbestand des Preiswuchers. Quasi verdient der Netzbetreiber am Endabnehmer wie eine grosse Baufirma, die _alle_ Aufträge bekommt.
    Sind die Erdkabel bspw. schon verlegt, wird oft eine Neuverlegung erzwungen. Man versteckt sich gern hinter DIN-Normen, die anscheinend oft genug geändert werden, damit Handwerk u. Netzbetreiber immer genug zu tun haben.
    Im kleinen investiert der Netzbetreiber nicht, sondern er profitiert.

    Und im grossen? Mal ehrlich: Elektrische Anlagen funktionieren fast _verschleissfrei_ und haben _sehr_ lange Standzeiten.
    Und was kosten 100 km neue Hochspannungsleitung? :
    - 3 Masten je km zu je ca. 10000 EUR (sehr teuer gerechnet) ==> 100 * 3 * 10000 == 3 Mio EUR
    - 8 AluLeiter, 2cm Querschnitt, je 100 km lang: 251 m^3 Alu zu je 2700kg/m^3 == 678 t Aluminium (ca. 1-2 Mio EUR, je nach Kurs)

    Also: 100 km Hochspannngsleitung kosten _maximal_ 5 Mio EUR, real deutlich billiger.
    Da genügt auch 1 ct je kWh.

    Und das Klima? Umweltschutz wurde erfunden, damit es den Menschen allgemein besser geht, und nicht nur der Minderheit, die daran zu verdienen versucht.

  4. kleiner Blick ins Nachbarland - undzum Vergleich vielleicht mal die Preisliste der Électricité de Strasbourg gefällig ?http://www.electricite-st...Eine KWh kostet dort im Kleinverbrauchertarif um die 10 Cent incl MwSt.Das liegt wohl kaum an einem offeneren Markt verschiedener Anbieter dort.Der vergleichbare Tarif in D ist 100% teurer.( Der Gesang der Elche stört die Störe, welche .. )

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  • Serie Energiemaerkte
  • Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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  • Schlagworte Energie | Strommarkt
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