Spiele Geschichte light

Historische Computerspiele sind beliebt. Doch wie wahr ist die Antike, die über den Bildschirm flimmert? Ein Gespräch mit einem Experten

Herr Pöppinghege, Sie haben gemeinsam mit Ihren Studenten Computerspiele untersucht, die historische Stoffe verwenden. Was waren die schlimmsten historischen Fehler?

Da leben schon mal Völkerschaften nebeneinander, die eigentlich nicht in dieselbe Epoche passen. Oder die Religion: Sie ist in diesen Spielen kein das ganze Leben durchziehendes Phänomen, wie es im Mittelalter war, sondern immer nur ein Mittel zum Zweck. Und die Wirtschaftssimulationen sind sehr marktwirtschaftlich orientiert, das ist eine Rückprojektion unseres heutigen Systems. In dem Spiel Cäsar IV kommt Sklavenhaltung überhaupt nicht vor. Das ist natürlich schon ein Schnitzer.

Wie viel Geschichtstreue darf man denn von einem Spiel erwarten? BeiAsterixlegt man ja auch nicht alles auf die Goldwaage.

Natürlich steht der Spielspaß im Vordergrund, nicht die Belehrung. Aber wenn ein Spiel Rome – Total War heißt, dann muss ich als Historiker schon darauf hinweisen, dass man den Ausdruck in der seriösen Forschung nur für den Zweiten Weltkrieg verwendet, vielleicht noch für den Ersten Weltkrieg oder den amerikanischen Bürgerkrieg. In den meisten Spielen geht es um Expansion, man muss andere Länder erobern, und das wird generell positiv gewertet. Viele Konflikte lassen sich nur gewaltsam lösen, das ist die Quintessenz.

Sie kritisieren Spiele, bei denen man die Geschichte nachträglich verändern kann. Das machen aber doch auch spekulative historische Romane, unter dem Motto »Was wäre gewesen, wenn?«.

Es gibt zum Beispiel ein Spiel, da kann man als Rommel für Hitler den Krieg nachträglich gewinnen. Aber das spielt auf einer rein militärstrategischen Ebene: Was hätte man machen müssen, um den Krieg noch zu drehen? Was das für politische Auswirkungen gehabt hätte, etwa für die Juden in Europa, das wird nicht mitgedacht.

Ginge es denn auch anders – interessante Spiele, bei denen man wirklich etwas lernt?

Da habe ich meine Zweifel. Es gibt bei manchen Spielen Buttons, auf die man klicken kann, und dann gibt es historische Hintergrundinformationen. Die sind aber meistens für den weiteren Verlauf des Spiels völlig unerheblich. Geschichte wird nur als Folie genommen, um das Spiel interessant zu machen, für die Spielfunktion hat sie gar keinen Nutzen. Ich kenne ein paar Spiele, die ernsthaft versuchen, Geschichte zu vermitteln, aber die kommen sehr pädagogisch daher. Ich hab’s an meinem Sohn ausprobiert – der greift dann doch eher zu den Spielen, die ein bisschen mehr Action bieten.

Interview: Christoph Drösser

 
Leser-Kommentare
  1. 1. spiele

    Nunja - ich sehe es nicht so negativ. Da man bei den meisten Computerspielen durch seine Entscheidungen die Geschichte verändert, wird doch kaum  jemand auf die Idee kommen den Spielverlauf als "echte" Geschichte zu interpretieren. Im besten Falle regt das Computerspiel vielleicht dazu an, sich mit der Epoche näher zu beschäftigen - und das ist mit Sicherheit keine schlechte Sache.
    Während bei vielen "historischen" Filmen z.B Kundun oder Letters from Iwojima teilweise extreme Geschichtsfälschung betrieben wird und dem Zuschauer "seriosität" vorgegaugelt wird, sind Computerspiele noch nicht politisiert und bei weitem weniger bedenklich.

  2. Xiaomage möchte ich mich im Hinblick auf die nicht so negative Einschätzung anschließen. Erstens kommen wohl tatsächlich eher wenige Personen auf die Idee, solche fiktiven Realitäten, insbesondere mit historischem Bezug, dann für reale Vergangenheit zu halten.Was allerdings die "extreme Geschichtsfälschung" bei "Letters from Iwo Jima" angeht, so würde mich das doch interessieren, was dort wo und wie gefälscht ist.Was ich allerdings spannend finde, ist der pädagogisch erhobene Zeigefinger angesichts der Tatsache von "rein militärstrategisch" ausgerichteten Spielen. Erstens ist ein Spiel ja genau das, nämlich Realität ohne viele der Regeln, mit denen eben diese sich als so kompliziert darstellt und zweitens sind mir auch extrem wenige historische Werke, seien es Monographien oder Einzelarbeiten bekannt, die sich um eine "umfassende" Beurteilung einer ganzen Epoche bemühen oder sich das anmaßen.Und dass Völker, die nicht zeitgleich existieren, zusammen auftreten, ist bei den meisten "historisch-vergleichenden" Artikeln, die mit froher Regelmäßigkeit die Feuilletons und "Themen-Seiten" von Zeitschriften überschwemmen, auch durch HistorikerInnen geschrieben, Gang und Gäbe.Wenn sich der Autor/Historiker für wirkliche näher an der historischen Realität befindlichen Spiele interessieren, mag ich Ihnen die sehr gute Reihe von Paradox Entertainment "Europa Universalis" empfehlen.Und dass Konflikte allein militärisch entschieden werden, ist spätestens seit Civilization 4 im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte.

    • Braggi
    • 10.11.2007 um 18:13 Uhr

    In der Wissenschaft wird für die Modellierung eines Sachverhalts immer das einfachste Modell gewählt. Beziehungen zur - für den zu untersuchenden Sachverhalt irrelevanten - Umwelt werden abstrahiert. Wenn sich Herr Pöppinghege also darüber mokiert, das in einer Konfliktsimulation einzig der Konflikt simuliert und das Umfeld ausgeblendet wird, kann ich ihn kaum ernst nehmen. Der Spieler nimmt einen speziellen Standpunkt ein und agiert - und wird sich wie ein historischer General auf seine Schlachten konzentrieren.
     
    Dasselbe gilt für "Total War" - das ist ein eingetragenes Markenzeichen zur Identifikation einer Serie und hat nichts mit seinem Gebrauch des Begriffs zu tun. Bedauerlicherweise erweckt bei mir auch das Lesen der Nachrichten genau den Eindruck, dass Konflikte nur gewaltsam gelöst werden können - zumindest wenn man einigen Politikern zuhört...
     
    Religion - vereinfacht gesprochen war sie immer Sinn- und Identitätsstiftend, und damit auch ein besonderes Machtinstrument, im Mittelalter letztlich benutzt um den Herrschaftsanspruch zu begründen. In den meisten Spielen wurde dieser Effekt eher sehr abstrakt dargestellt; das letzte Civilization versuchte sich an einer differenzierteren Simulation. Allerdings ist das Thema sehr schwierig und wird lieber gemieden als das man aneckt.
     
    Genau wie der Handel mit Sklaven - sogenante "political correctness" führt in der Regel sofort zur Selbstzensur, weil sich niemand bei den Herstellern auf die unvermeidliche öffentliche Empörung einlassen möchte. Das die antike Wirklichkeit eine andere war wird ignoriert - bei den Empörten.
     
    Der Schlussabschnitt stimmt leider - gute, intelligente Spiele mit historischen Rahmen sind selten; egal ob es Computer- oder Brettspiele sind. Ein paar angehängte Daten zu Lebensläufen von Personen oder Einheitenhintergrund sind noch keine Geschichte.

  3. Die Freunde von geschichtlich angehauchten Computerspielen, die ich kenne, beschäftigen sich auf Grund solcher Spiele, wesentlich intensiver mit der "historischen Realität". Sie wissen sehr genau, was daran Fiktion ist. Da bleibt für mich jetzt die Frage, ist das das ganze Interview? Oder wird wieder Stimmung gegen Computerspiele gemacht? Gerade Civ, dass durchaus die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz durchspielt, wurde gar nicht angesprochen. Vielleicht deswegen weil die "historische Realität" viel öfter nur mit Gewalt "Lösungen" herbeiführt? 

  4. ... sich mit dem Thema anhand derart weniger genannter Spiele auseinanderzusetzen. Gerade das Paradebespiel eines Spieles mit historischem Rahmen, nämlich die "Civilisation"-Serie, wurde ausgespart. Stattdessen wurden hier Spiele genannt, die in Computerspielerkreisen eher unter "ferner liefen" eingeordnet werden, keinesfalls aber als bahnbrechende Kultklassiker. Das wäre so, als wolle man eine Betrachtung über die Kriegsdarstellung im Fernsehen machen und sich dabei ausschliesslich auf die Serie "Ein Käfig voller Helden" stützen. Also: ruhig nochmal überarbeiten...

  5. Find ich schon interessant, ein Historiker bemängelt, daß es in historisch angehauchten Spielen um Expansion geht. Ein Blick auf historische Landkarten zeigt aber nun mal eindeutig, Expansion ist eine Kernkompetenz von Staaten und ein Blick auf die Triumphbögen, Siegessäulen oder Siegesparade in aller Welt zeigt, Expansion wird im allgemeinen positiv gesehen, vielleicht mit der Ausnahme, wenn man selbst das Opfer der Expansion eines anderen geworden ist.
    Auch möchte ich anmerken, bei Spielen geht es um Spielspaß und bei aller Liebe zu historischen Fakten, wo soll der herkommen, wenn ich als Rommel tun und lassen kann, was ich will und am Ende habe ich verloren, aus welchem Grunde sollte ich so ein Spiel spielen? Oder andersherum, wo bliebe die Herausvorderung auf Alliierter Seite zu spielen, wenn man sowieso gewinnt? Wer würde Schach spielen, wenn in den Regeln stehen täte: 64 Felder, 16 Figuren auf jeder Seite und Schwarz gewinnt.? 

    • M. Rei
    • 11.11.2007 um 16:40 Uhr

    Also ich denke das viele Spiele in diesem Genre einfach durch zu fundierte Darstellung der Historie an Reiz verlieren und vielleiht überladen wirken könnten.
    Also ich persönlich bin ein Fan von Spielen der schwedischen Firma Paradox. Diese beschränkt sich auf hoch komplexe Brettspiele die vor historischer Genauigkeit nur strotzen. So z.B die Spiele "Hearst of Iron 1/2". Hier wird grafisch total unspäktakulär der Erste bzw. der Zweite Weltkrieg ausgefochten. Dabei kommt es darauf an die Wirtschaft, Politik, Forschung auf komplexe Art udn Weise zu steuern. So besitzen jegliche Länder die Minister,Rohstoffe und industriellen Kapazitäten wie sie damal vorhanden waren. Ebenso beitzt jedes Land historisch gebundene "Events" bei dem der Spieler nun auch zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, die unter anderem auch ahistorischer Natur sind. So ist "Hearts of Iron" mehr eine Simulation,  als ein Spiel in dem der Spieler tun und lassen kann was er will. Legt man also Wert auf die Historie in Spielen und das in hohem Maße beschränkt diese auch die Freiheit des Spielers.

  6. @Sahaste: Die Civilization-Reihe wurde indirekt angesprochen, das Rommel-Beispiel stammt aus dem Nordafrikafeldzug-Szenario von Civilization IV.

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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  • Schlagworte Computer | Spiele | Antike | Rom
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