Als das Kind kam, war die Schwangere ganz allein in der Wohnung. Keiner da, sie zu stützen, keiner, die Qual der Austreibung zu lindern, den in einem Blutstrom durchbrechenden Kopf des Kindes zu halten, das schlierige Neugeborene zu trocknen, die Wunden der Mutter zu säubern und schließlich die Nabelschnur zu durchtrennen. Das hat sie selbst mit einem Messer getan. Für die Einsamkeit der Susan K. am Tag ihrer Entbindung gibt es kein heutiges Wort, nur altmodische Metaphern: gottverlassen, weltverloren, mutterseelenallein. Man möchte meinen, dass solche Begriffe in einer Zeit flächendeckender Ultraschalluntersuchungen nicht mehr vorkommen. Doch da liegt eine junge Frau in den Wehen und wagt nicht, eine Hebamme zu holen. Sie hat Angst, dass man ihr das Kind wegnimmt, sobald es auf der Welt ist, dass man sie wieder vor Gericht zerrt, dass die Presse über sie herfällt, die Nachbarn sie beschimpfen und der Kindsvater, ihr Bruder, für unabsehbare Zeit im Gefängnis verschwindet. Deshalb hält sie den Schmerz allein aus, der sich anfühlt, als müsse sie sterben. Vorm Sterben scheint sie sich nicht besonders zu fürchten.

Susan K. ist ein Mensch im Ausnahmezustand, den wir aus finsteren Mythen kennen, auf dem aber auch die demokratische Rechtsordnung gründet. Homo sacer nennt der Philosoph Giorgio Agamben das rechtmäßig entrechtete, von einer Gemeinschaft ausgeschlossene Individuum, die sich durch diesen Akt der Ächtung erst zusammenschließt. Wer Agambens These vom »einschließenden Ausschluss« nicht verstanden hat, dem wird sie nun anschaulich durch einen tragischen Fall von Geschwisterliebe, der in diesen Wochen das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Susan K. liebt ihren Bruder Patrick S. auf eine Weise, die in Deutschland noch immer verboten ist. Das archaische Wort dafür lautet Blutschande, das modernere aus dem 19. Jahrhundert Inzest, unser Strafgesetzbuch spricht von Beischlaf zwischen Verwandten, und der kann, selbst wenn er aus Hingabe geschieht, mit Freiheitsentzug geahndet werden.

Warum? Das ist nicht leicht zu beantworten in einer Republik mündiger Bürger, wo Homosexualität und Ehebruch legalisiert sind und wo die sexuelle Selbstbestimmung, sofern sie niemandes Rechte verletzt, als Teil der Handlungsfreiheit gesetzlich garantiert ist. Denn der Paragraf 173 StGB bestraft nicht in erster Linie inzestuösen Missbrauch Abhängiger, der als Missbrauch ohnehin unter Strafe steht. Er bestraft auch nicht die Zeugung erbkranker Kinder oder Sex unter Brüdern. Er bestraft einvernehmlichen Vaginalverkehr mit »leiblichen Abkömmlingen« oder »leiblichen Verwandten aufsteigender Linie« oder »leiblichen Geschwistern« – ausdrücklich auch zwischen Erwachsenen. Eine innige Herzensbindung der Delinquenten erwirkt keine mildernden Umstände. Wo aber Liebe ein Verbrechen ist, wird Schwangerschaft zur Tragödie und der sonst von allen Instanzen gepriesene Nachwuchs zum Verhängnis.

Aus Angst wagt Susan K. ihrem Kind nicht einmal einen Namen zu geben

Am 14. April 2005 gegen elf Uhr vormittags klingelt in einer Anwaltskanzlei in der sächsischen Kleinstadt Zwenkau das Telefon. Susan K. ist dran und fleht den damaligen Anwalt ihres Bruders an, sofort zu ihr zu kommen. Joachim Frömlings Büro liegt nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Er wirkt heute noch nervös, wenn er von der zitternden, blassen, verschwitzten Frau und ihrem namenlosen, in eine Decke gewickelten Säugling berichtet. Was mache ich denn jetzt?, habe sie gefragt. Wie ein verängstigtes Tier habe sie im Zimmer gekauert und gewimmert: Die nehmen es mir doch sofort weg! Der Anwalt, selbst überfordert von der Situation, telefoniert seinen Kollegen Sven Kuhne aus Leipzig herbei, der Susan K. eigentlich vertritt. Mühsam überreden sie die erschöpfte Frau, sich in ein Leipziger Krankenhaus bringen zu lassen, wo niemand sie kennt. Ein seltsames Gespann, das da an die Pforte der Entbindungsstation klopft: ein gesetzter Herr von knapp 50, ein junger Mann Anfang 30 und die 21-jährige frisch niedergekommene Mutter mit Kind, aber ohne Kindsvater.

Patrick S. sitzt damals schon seit sechs Monaten in der Justizvollzugsanstalt Plauen, verurteilt zu knapp zwei Jahren Gefängnis wegen »einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs« mit seiner Schwester. Die Beweismittel: drei gemeinsame Kinder. Alle drei sind zu diesem Zeitpunkt allerdings längst weg, von Jugendämtern in Obhut genommen, in Pflege gegeben – um des Kindswohls willen, wie man auf Amtsdeutsch sagt. Das erste Kind wird den Eltern im Januar 2003 im Alter von gut einem Jahr entzogen, nachdem diese »Hilfe zur Erziehung in einer anhaltenden Überforderungssituation« beantragt hatten, die anderen beiden kommen gleich nach der Entbindung im März 2003 und im April 2004 in Pflege. Dass Susan K. das vierte Kind behalten darf, hofft sie an jenem Frühlingstag 2005 verzweifelt.

Monatelang verheimlichte sie ihre Schwangerschaft, offenbarte sich keiner Freundin und keinem Verwandten, schwieg, wie sonst nur ungewollt Schwangere schweigen. Nicht einmal einen Namen wagte sie auszuwählen. Am Nachmittag jenes 14. April nimmt sie in einem Leipziger Klinikzimmer den Vorschlag ihres Anwalts an: Sofia. Es ist das griechische Wort für Tugend. Susan K. weint, als Kuhne und Frömling das Krankenhaus verlassen. Sie fürchtet zwar nicht, inhaftiert zu werden, denn bisher wurde sie nur nach Jugendstrafrecht angeklagt, weil sie beim ersten Kind 17 war und wegen leichter geistiger »Retardierung« weiter als minderjährig gilt. Trotzdem misstraut sie den Ärzten, sieht schon die Gesetzeshüter vor ihrem Wochenbett aufmarschieren, um die hochnotpeinliche Frage zu stellen, warum sie nicht wenigstens verhütet habe.

Dass Inzest den Genpool schädige, ist verbreitete Meinung

Da kommen doch behinderte Kinder raus! Den Vorwurf kennt sie, auch den Abscheu, als setze sie Wechselbälger in die Welt. Das monströse Kind, das nicht natürlich gezeugt, sondern von Hexen untergeschoben wird, der elternverschlingende Krüppel, Dickkopf, Kielkropf: Daran glaubt heute natürlich keiner mehr. Trotzdem ist das erste Argument gegen Inzest stets die Missgeburt. Wer Einwände wagt, dem werden ganze Alpendörfer volksgesundheitsgefährdender und krankenkassenbelastender Inzestkinder vor Augen gehalten. Seit der Radikaleugenik der NS-Zeit, als durch Zwangssterilisation, Euthanasie und schließlich Holocaust die Rassenhygiene ins Wahnhafte gesteigert wurde, sprechen die Deutschen zwar nicht mehr laut von »lebensunwertem Leben«. Aber dass Behinderte die Gemeinschaft belasten, Inzest den Genpool schädige, ist verbreitete Meinung.

Deshalb hat der renommierte Strafrechtsanwalt Endrik Wilhelm seiner Verfassungsbeschwerde für Patrick S. eine lange Passage zur Volksgesundheit beigefügt. Tatsächlich führt inzestuöse Fortpflanzung nicht zur Degeneration von Erbgut. Durch deckungsgleiche Erbanlagen erhöht sich nur die Wahrscheinlichkeit, dass vorhandene »defekte« Gene, die bei den Eltern rezessiv waren, beim Kind dominant werden. Dieses Risiko besteht bei allen Menschen. Humangenetiker nennen eine Wahrscheinlichkeit von 1,5 bis 3 Prozent bei »normalen« Paaren, bei Geschwisterpaaren 25 bis 40 Prozent. Diese Zahlen sind jedoch anfechtbar, da sie auf schmalen empirischen Studien aus den sechziger und siebziger Jahren beruhen. Entscheidend ist heute, dass Menschen mit erhöhtem Risiko, behinderte Kinder zu zeugen, sich nach deutschem Recht nicht strafbar machen, wenn sie dieses Risiko eingehen – Behinderte ebenso wenig wie Spätgebärende. Denn das Grundgesetz weist allem menschlichen Leben einen absoluten Achtungsanspruch zu. Und wäre Sofia durch künstliche Befruchtung gezeugt worden, der Paragraf 173 hätte nicht zur Anwendung kommen dürfen. Trotzdem schwingen bei der Strafverfolgung von Patrick S. und Susan K. eugenische Argumente mit. Sind sie der geheime Strafgrund? Der Entzug der Kinder indirektes Strafinstrument?

Susan K. hat es wohl so empfunden. Als wir sie im Frühjahr 2007 in Leipzig zum ersten Mal treffen, schweigt sie geschlagene zwei Stunden. Ihr Schweigen ist nicht aggressiv, doch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Worte alles verschlimmern und man sich am besten in sich selbst verkriecht. Susan K. ist zierlich, langhaarig, mädchenhaft trotz der Schminke, zu der man ihr geraten hat. Zur modischen Tarnfleckenhose trägt sie eine rosa Strickjacke. Sie sitzt dicht, aber nicht zu dicht neben ihrem Bruder, der für beide spricht. Zur Jeans trägt er eine rostrote Strickjacke. Patrick S. wirkt mit 30 immer noch jungenhaft, trotz Gefängnis, trotz zermürbender Strafverfolgung und dauernder Umzüge.