Kriegsroman Wie Stroh im Wind
E. L. Doctorow ist der unbekannteste der bekannten amerikanischen Großschriftsteller – sein Kriegsroman »Der Marsch« ist ein menschenfreundliches Meisterwerk
Amerika ist ein Geschenk für einen Schriftsteller. Tatsächlich existiert Amerika zuerst einmal als Geschichte. Es sind die Schriftsteller, die Amerika machen. Amerika ist ihr Geschenk an die Welt.
Der große alte Doctorow betritt das Restaurant. Er hat einen schleppenden Gang, es ist noch recht früh für Lunch, kurz nach zwölf, er schaut sich um im Dämmerlicht, er sei oft hier, hat er am Telefon gesagt. Er lebt ganz in der Nähe, in Midtown Manhattan. Er wirkt fremd.
»Setzen wir uns hierhin?«
Die Stimme ist sanft, nicht unangenehm, aber irgendwie irritierend, etwas skeptisch klingt sie, muss das sein, so ein Interview mit so einem jungen Journalisten, nach all den Jahren, all den Büchern, all den Erfolgen, Daniel und Billy Bathgate und vor allem Ragtime, musikalisch, hypnotisch, atemlos, das Bild Amerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ein Sog der Worte und der Figuren, Harry Houdini und J. P. Morgan und Henry Ford und die Tänzerin Evelyn Nesbitt, die Schwarzen, die Juden, die Einwanderer und die Etablierten, der Irrsinn, die Rebellion, die Schönheit einer Zeit, zum goldenen Beat des Jazz, ein Zauberwerk nicht nur der amerikanischen Prosa, in Deutschland seltsam unterschätzt, E. L. Doctorow überhaupt.
Und jetzt also Der Marsch, die letzten Tage des Amerikanischen Bürgerkrieges 1865, General Sherman, Präsident Lincoln, befreite Sklaven, entwurzelte Südstaatler, müde und marodierende Nordstaatensoldaten, ein deutschstämmiger Arzt, ein bezauberndes junges Mädchen. Historie, dieser große Hühnerhaufen. Und Geschichte, so wie Doctorow sie verwendet, als ein Puls, eine Kraft, ein Strom, als etwas, das die Prosa antreibt und erfüllt. Es ist das Selbstbewusstsein des Romanciers, dass er die eigentliche Erinnerung schafft.
»Ihre Romane ergeben eine Geschichte der USA.«
Ein gütiger Blick, ein leichtes Schmunzeln, durch seinen Bart versteckt.
»Eine Geschichte Amerikas als Vision«, sagt er schließlich, »als Vorstellung. Man kann die Bücher so lesen. Ein Plan steckt allerdings nicht dahinter. Aber eines habe ich beim Schreiben schon sehr früh begriffen: Eine bestimmte Zeit kann ein Buch genauso organisieren wie ein bestimmter Ort. Ich bin in New York aufgewachsen, aber für mich entstand daraus nie eine literarische Identität. Anders als etwa für Faulkner, für den Mississippi ein eigener, ein ziemlich konstanter Kosmos war. New York ist eine Weltstadt, die sich ständig verändert – und Zeit, merkte ich, könnte mein Metier werden: Jene Momente, an denen sich die amerikanische Identität am deutlichsten zeigte, waren für mich schon immer die faszinierendsten.«
Wenige Zeiten nun waren amerikanischer und faszinierender und sind bis heute in ihren Konsequenzen so spürbar, untergründig, unausgesprochen, in den Verletzungen einer Nation aufgehoben – als die Jahre und speziell die letzten Monate jenes Bürgerkrieges, der den Norden gegen den Süden stellte, die Industrialisierung gegen die Baumwollplantagen, die Moderne gegen den Neofeudalismus, die Freiheit, wie trügerisch auch immer, gegen die Sklaverei: Der Marsch ist die Geschichte dieser Monate, so plastisch, so drängend, so geschichtsgeladen wie nur alles, was E. L. Doctorow geschrieben hat, ein weiterer, ein später Triumph jenes Autors, den man in Deutschland gern einen soliden Handwerker nennt, der in den USA aber neben Thomas Pynchon oder Cormac McCarthy im postmodernen Pantheon der Mythenmixer steht.
Und auf eine gewisse Weise ist Der Marsch denn auch ein Gegen- oder eher ein Parallelroman, weniger zu Pynchons jüngstem Werk Against the Day, aber deutlich zu McCarthys Endzeitfabel Die Straße: Die Bewegung als die uramerikanische Form, nicht nur den Raum, sondern Geschichte zu erfahren – diese Bewegung treibt bei McCarthy zwei Menschen voran, Vater und Sohn, die alles hinter sich haben, so wie die Zivilisation, die sich selbst vernichtet hat. McCarthy beschwört die Apokalypse, die Einsamkeit, die Ausweglosigkeit dieser Reise; Doctorow erzählt von dem vagen Sentiment einer Zukunft, die in diesem Marsch der Versehrten, der Flüchtlinge, der Soldaten versteckt ist, er erzählt von Zufällen, die Menschen in dem Massentreiben zueinanderführen und wieder auseinanderreißen, er erzählt von der Hoffnung, die in all dem Grauen und dem von Blut getränkten Boden doch irgendwo zu finden sein muss. Weil die Nation, die aus all dem Schlachten entstanden ist, schließlich doch eine war, die das Beste wollte.
Doctorows Marsch ist nicht nur eine Vorgeschichte all seiner bisherigen Roman-Unternehmungen, das amerikanische Drama mit Geschichten von Boxern, Pushern, Tänzern, Driftern, von Einwanderern und ihren Träumen nachzubauen – das Buch ist auch eine archäologische Untersuchung des gewalttätigen Urgrundes amerikanischer Gegenwart, einer Gewalt, auf die jede Utopie gründen muss. Einer Gewalt, die er implizit gegen jene Gewalt setzt, wie sie das amerikanische Imperium heute in die Welt trägt.
»Diese Kluft zwischen unseren Idealen und unseren Taten«, sagt er, »bestimmt unsere ganze Geschichte. Im Grunde ist unsere Verfassung so etwas wie ein Vertrag, den wir mit uns selbst geschlossen haben – und wo die alten Hebräer von Gott bestraft wurden, als sie diesen Vertrag brachen, da haben wir uns eben selbst bestraft mit einem Bürgerkrieg, weil wir die Sklaverei geduldet haben und damit eines unserer grundlegenden demokratischen Prinzipien verletzt haben.«
Doctorow, das merkt man an diesem New Yorker Spätvormittag wieder einmal, ist der Vergangenheitsbeschwörer der amerikanischen Literatur. Wie in seinen anderen Romanen hängen die Figuren im Marsch an unsichtbaren Fäden, schaukeln im wilden Wind der Weltgeschichte, werden gelockt und gehetzt vom Singsang jener seltsamen Melodie, die ihnen ihr Schicksal singt, ein Schicksal, das immer eng mit dem Lauf der Zeiten und dem Auf und Ab des Landes verbunden ist. Sie sind dabei, und das ist Doctorows Stärke, immer Opfer und Täter zugleich, sie sind Getriebene, und sie drängen voran, sie sind Teil der Erzählung – und die Erzählung existiert nur ihretwegen und durch sie. Es ist ein einziges großes Verheddern, »wie Strohbüschel im Wüstenwind treiben diese Menschen umher«, sagt Doctorow, »aber auf die Art und Weise lösen wir in diesem Land eben unsere Probleme: Wenn die Dinge schlecht laufen, packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns auf den Marsch.«
»Sie sind voller Verständnis, fast Zärtlichkeit gegenüber all den Figuren in dem Buch – ist das die Gerechtigkeit des Epikers, die sich von der des Historikers unterscheidet?«
»Gerechtigkeit kann ein Antrieb sein, ein Buch zu schreiben. Aber ein Roman findet seinen Anfang auf die merkwürdigsten Arten. Ein Bild, der Klang einer Stimme, ein bestimmtes Licht, ein Wort, ein Satz. Doch ganz egal, wo die Fiktion ihren Ausgang nimmt, in der Musik der Worte, einem wütenden Drängen oder dem Gefühl für Ungerechtigkeit: Du lebst in der Arbeit, das Buch zeigt dir, wie es sein will. Man schreibt, um herauszufinden, was man schreibt. Man bewegt sich durch einen Roman wie ein Entdecker, und der einzige Ausweg ist der letzte Satz. Das Wichtigste dabei bleibt aber, dass man die Welt sich selbst zurückgibt. Um ihre Wahrheit zu finden.«
»Oder eine Menge von Wahrheiten.«
»Das ist die verborgene Vieldeutigkeit von guten Romanen. Als Schriftsteller übt man sich ja in einer Großdisziplin, die alle Arten von Fakten und Sprachen vereint. Nichts wird ausgeschlossen. Jedes Buch lebt auf der Grundlage von Gedanken und Gefühlen. Man entdeckt Charaktere, man sucht das Gewebe des Lebens. Man liebt die Menschen, über die man schreibt, egal, ob sie gut sind oder böse.«
»Sie glauben also an das Gute?«
Da schaut er überrascht, genauso wie bei der Frage nach der Moral – und wehrt sich gegen diese für ihn zu einfache Zuordnung, die ihn wohl irritiert, weil sie diese inhärente Freundlichkeit berührt, diesen ziemlich unerbittlichen Optimismus, der Doctorow davor bewahrt, als einer der ganz großen Schriftsteller seiner Zeit gesehen zu werden. Ihm fehlt, bei aller Schicksalsschwere, die Schwärze eines Cormac McCarthy, sie steht ihm einfach nicht zur Verfügung als Farbe. Dagegen das Blau, wie sich der Himmel über den Schlachtfeldern lichtet; das Braun, wie der matschige Boden an den Stiefeln der Soldaten saugt; das Grün, wie sich die Natur fruchtbar zeigt und sich wehrt gegen das Furchtbare, das der Mensch in den Wäldern, auf den Feldern, auf den Wiesen so treibt: All diese Farben lassen Doctorows Marsch leuchten.
Und noch die subtilsten Schattierungen der Haut erzählen dabei manchmal mehr über die Bürden der Biografie als alles psychologische Rumoren. Pearl zum Beispiel, eine der Hauptfiguren und in der Verbindung von Unschuld, Geschick und Geschichtsgetriebenheit ein klassischer Doctorow-Charakter, diese Pearl ist ein hellhäutiges Schwarzenmädchen, verleugnete Tochter einer Sklavin und eines Plantagenbesitzers, die vom Nordstaatensoldaten Clarke aufgelesen wird, beim genialischen Arzt und Daueramputierer Wrede Sartorius landet, ihre Stiefmutter erlöst und schließlich in die Arme des Soldaten Stephen sinkt, nur um sich aufzumachen nach New York – dieser Pearl bleiben in dem wilden Wechsel der Geschichten einzig der Makel und die Freiheit ihrer Herkunft. Doctorow deutet das nicht aus und beschäftigt sich auch nicht sonderlich lange damit; und trotzdem liegt in dieser Figur vieles von dem verborgen, weswegen er schreibt. Die verlorene Unschuld, dieses so dauerhaft amerikanische Thema.
In seinem GeschichtenbandSweet Land Stories, der vor einem Jahr auf Deutsch erschien, erkundet er etwa das Schicksal von »Baby Wilson«, einem Neugeborenen, das eine junge Frau, wie um ihr eigenes Leben zu retten, aus einem Krankenhaus stiehlt, in aller Naivität, die das Grausame genauso mit sich bringen kann wie das Gute. Oder das Schicksal jener Jolene, die mit 15 heiratet und die Doctorow über zehn Jahre begleitet auf ihrer Odyssee von mehreren schlechten Ehen und gescheiterten Beziehungen, immer weiter nach Westen geht dieser Marsch, diese Flucht, dieser Aufbruch, dieses so sehr klischeebeladene amerikanische Motiv, das durchaus stimmt. Doctorow selbst ist der Sohn russischer Einwanderer, die in den 1880er Jahren in die USA kamen, die Mutter Pianistin, der Vater Musikwissenschaftler, »er verließ Russland wegen der Pogrome – dabei war er gar nicht gläubig. Religion bedeutete für ihn vor allem, dass man betete, bis man starb. Wenn ich also etwas mit meinem Leben anfangen will, sagte er sich, dann nichts wie weg von hier.«
»Sind Sie als Kind von Einwanderern Amerika besonders dankbar?«
»Wer hier ist denn nicht das Kind von Einwanderern? Amerika ist jedermanns Diaspora. Was mich immer fasziniert hat, waren die Einwanderer, die sich hier sofort in die Politik eingemischt haben. Sie haben Gewerkschaften gegründet und Streiks organisiert und wurden dafür verprügelt. Das ist wahre Dankbarkeit: Wenn man sein Leben aufs Spiel setzt, um zu sagen, was dieses Land sein sollte. Hier zu landen und in einem Tag ein besserer Amerikaner zu werden als die Menschen, die hier seit Generationen leben. Das ist der Geist, den die Einwanderer auch heute haben, egal aus welchem Land sie kommen.«
Doctorows Marsch ist in diesem Sinn ein trauriger patriotischer Hymnus. Der Nordstaatengeneral Sherman, der so bescheiden, genial und eingebildet ist, wie man sein muss, um im Krieg zu den Siegern zu zählen; der junge, schlaue Soldat Arly, der so oft die Fronten wechselt, dass er am Ende selbst überrascht ist, als er zum Sherman-Attentäter wird; die Südstaatenschönheit Emily, die ihr Glück beim Nordstaatenarzt Wrede Sartorius findet, bis sie merkt, was es mit einem Menschen macht, wenn man täglich mit der Säge Beine amputiert; der Sklave Calvin, der für die Fotografie lebt; der Brite Hugh Pryce, der für die Londoner Times berichtet und unter einem Baum begraben wird: Sie alle irren durch die Zeiten und lügen sich ihren Weg hindurch und versuchen es, jeder, wie er kann, manche besser, manche schlechter. Tumbleweed, so nennt Doctorow das, Stroh im Wind.
Aus diesen Figuren nun baut er sein Panorama des Bürgerkrieges, mit der fast altmodisch anmutenden Selbstsicherheit, dass dem Romancier nicht nur das Ganze der Welt zur Verfügung steht, sondern dass es geradezu seine Pflicht ist, davon zu berichten.
»Später, als sie wieder unterwegs waren, wurden die Schatten allmählich länger. Der Nachmittag schritt voran. Das Grün der Landschaft wurde weicher, und die Straße senkte sich sanft in ein Tal hinab. Und dann kam ein dichter, dunkler Fichtenwald, durch den der Krieg hindurchgezogen war. Ein Stiefel lag in den Fichtennadeln, verblichene Fetzen einer Uniform. Hinter einem umgestürzten Stamm ein Häufchen Patronenhülsen. Noch hing der Pulvergeruch im Wald, und sie waren froh, wieder in die Sonne hinauszugelangen.«
So endet der Roman. Doctorow lehnt sich zurück. Er hat Augen, die immer aussehen, als ob er lacht, was seinem Gesicht etwas Kindliches gibt. Doch langsam wirkt er müde. Die Tische um uns sind besetzt von Männern mit Krawatten und Frauen in Röcken. Sie sind alle weiß, sie sind alle Amerikaner, sie sind alle nicht die Einwanderer, die Doctorow meint.
Ich bleibe noch ein wenig sitzen. Und er schlurft hinaus in eine Welt, die ihm so vertraut ist, dass sie fremd wirkt.
- Datum 07.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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