EuropaDer Mythos von Mitteleuropa

Claudio Magris hat einen gnadenlosen Abgesang auf die europäischen Utopien geschrieben, einen Roman mit heilender Wirkung von Kristina Maidt-Zinke

Was ist eigentlich aus der Utopie »Mitteleuropa« geworden? Vor nun bald zwei Jahrzehnten, als die Barriere zwischen den Blöcken fiel, kursierten in manchen Zirkeln Sirenengesänge, die von einem neuen (oder auch alten) kulturellen Kraftzentrum des Kontinents kündeten. Auf dem Territorium der untergegangenen Donaumonarchie sollte es liegen und zugleich am Mittelmeer, also am besten bei Venedig oder Triest, um von dort, geschichtsträchtig, polyglott und mit Espressoduft, in alle Himmelsrichtungen auszustrahlen. Venedig freilich kämpft seitdem immer verzweifelter gegen seine Disneylandisierung, und in Triest hat sich zwar ein erfolgreicher Krimikommissar etabliert, jedoch nichts, was der vom Atlantik her zum Balkan vordringenden Starbucks-Kultur Widerstand entgegensetzen könnte. Mitteleuropa ist ein Mythos der Belesenen geblieben, der sich nicht zuletzt aus den Büchern des Triester Literaturprofessors, Kulturhistorikers, Essayisten und Romanciers Claudio Magris nährt.

Magris aber ist weder Utopist noch Nostalgiker, vielmehr ein scharfer Beobachter und analytischer Geist, dem neben einem glasklaren Geschichtsbewusstsein die Gabe des Erzählens verliehen wurde. Sein neuer Roman Blindlings, durchleuchtet und durchweht von jeder dieser Qualitäten, stimmt ein gewaltiges Lamento an, einen Abgesang nicht nur auf Europa, sondern auf die ganze Welt des 20. Jahrhunderts.

In einer psychiatrischen Anstalt an der Peripherie von Triest sitzt Salvatore Cippico, Sohn eines italienischen Australien-Emigranten und einer tasmanischen Mutter, und diktiert dem Chefarzt, den er abwechselnd »Cogoi« und »Ulcigrai« nennt, seine Lebensgeschichte auf Tonband.

Der Name Cogoi lässt sich als Anagramm von gioco lesen, könnte also »Spiel« bedeuten. Wen will der Erzähler zum Narren halten? Er jongliert mit Masken und Identitäten, Stimmen und Biografien, Abenteuern und Traumgespinsten, aber sein Spiel ist ohne Heiterkeit. Sein Monolog, wie im Delirium gesprochen, rechnet mit sämtlichen Utopien ab und vernichtet alle Hoffnungen. Und doch scheint es aus der ultimativen Untergangsvision einen Ausweg zu geben, denn am Ende bleibt nur das Tonband übrig. Der Patient ist spurlos verschwunden und imitiert spöttisch aus dem Off die Frage aller fühllosen Mediziner: »Wie geht’s uns denn heute?«

Salvatore, »der Retter«, 1910 in Australien geboren und später in die Triester Grenzregion übergesiedelt, hat an den revolutionären Fronten des Säkulums gekämpft. Er hat australische Rebellen unterstützt, sich im Spanischen Bürgerkrieg engagiert, Dachau ebenso überlebt wie die heute als Touristenziel vermarktete Gefängnisinsel Goli Otok, auf der Tito nach dem Bruch mit Stalin auch italienische Genossen inhaftierte, die den Sozialismus mit aufgebaut hatten und dann als Abweichler und Verräter galten. Das Grauen der Todeslager, die unter verschiedenen politischen Vorzeichen einander gleichen, zieht eine Blutspur durch die Suada des Heimatlosen. Die andere Konstante seines Lebens ist das Meer, als konkrete Erfahrung und als Metapher für alle Aufbrüche und Schiffbrüche der Menschheitsgeschichte. Vom Südpazifik über die Adria bis zum Nordatlantik reicht sein bereistes und imaginiertes Meeresrevier, denn sein Ich ist zerspalten, unter der Flutwelle der epochalen Schrecken zerborsten in Salvatore Cippico, den Zeitzeugen, und Jorgen Jorgenson, einen – historisch verbürgten – dänischen Abenteurer, Waljäger und Dichter der Napoleon-Ära, der alle Ozeane durchquerte, ein paar Wochen lang als selbst ernannter, reformwilliger König über Island herrschte und schließlich von den Engländern in die tasmanische Strafkolonie Hobart Town deportiert wurde, die er selbst mit gegründet hatte.

Jorgenson fährt auf verschiedenen Schiffen mit klangvollen Namen, aber das episch-mythische Gefährt des Salvatore Cippico ist die Argo, auf der Jason auszog, das Goldene Vlies zu suchen, jenes Utopie-Symbol, dessen Funktion im 20. Jahrhundert die rote Fahne übernimmt. So abenteuerlich und zugleich so mühelos verschränken sich in diesem Erzählstrom die Zeitalter, die Figuren und die Geschichten, dass man ohne Weiteres jener Variante der Argonautensage glaubt, derzufolge die Donau mit einem Arm ins Mittelmeer mündet.

Die Wellen der Klage, in denen der Text vorangetrieben wird, brechen sich auch an Frauengestalten, oder an der einen, die als Maria, Marie, Mariza immer wieder auftaucht und doch für immer verloren ist. Die große Liebe des Erzählers aber sind die Galionsfiguren, die hölzernen Schönheiten, die regungslos nach vorn, über die zu durchmessende Wasserfläche starren und sich niemals umwenden, gleich einer vorbildlichen Eurydike. Ihnen, einer aussterbenden Spezies, hat der meersüchtige Mitteleuropäer Claudio Magris in diesem Buch ein Denkmal gesetzt.

Der Roman Blindlings heißt im italienischen Original Alla cieca. Das Adjektiv cieco, blind, wird hier in einer Form verwendet, die an musikalische Manierbezeichnungen erinnert, wie »alla marcia« oder »alla turca«. Natürlich spielt der Titel auf den blinden Sänger Homer an, auch auf die hier von Jorgen Jorgenson kolportierte Szene, in der Admiral Nelson das Fernglas an sein verbundenes Auge setzt, weil er – »I’m damned if I see it« – die weiße Fahne der Kapitulation nicht sehen will, sodass das Blutbad weitergeht. »Die Geschichte«, heißt es so lapidar wie tiefgründig im Roman, »ist ein an das verbundene Auge angesetztes Fernrohr.« Dennoch liegt der Schlüssel zu diesem großen, spröden, kompromisslosen Prosagebilde weniger in seiner geschichtsphilosophischen als in seiner musikalischen Dimension.

Das Entsetzen und die Verlorenheit, die Trauer über entweihte Ideale und die Qualen des ewigen Sträflings – alles kann geheilt werden durch die Macht des Gesangs, die in den Klangwogen einer kunstvoll rhythmisierten Sprachkomposition ihre ganze Kraft entfaltet. So wie die antiken Epen die größten Schrecken in Schönheit verwandelten, so macht auch Magris’ gnadenlose Vision menschlichen Scheiterns auf wundersame Weise jede Last leicht und das Meer des Lebens schiffbar.

Die Übersetzerin hat beachtliche Arbeit geleistet; dem Leser wird nichts geschenkt, aber am Ende der stürmischen Überfahrt wartet etwas wie Erlösung. Und so ist Salvatore dann seinem Namen doch noch gerecht geworden.

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