US-Regisseure Lernt schlechte Filme!Seite 4/4
Die Vergeblichkeit dieser Vorhaben spürte man ja auch bereits in Fullers Tatort. Er erzählte so schnell, sprunghaft und experimentell so als versuche der Film selbst seinen Verfolgern zu entkommen. Es war wie mit dem echten Rheingold: Im Rhein war ja früher, vor seiner brutalen Begradigung im 19. Jahrhundert, noch echtes Gold zu finden.
Es wuchs in den flacheren Abschnitten, verborgen, vereinzelt, aber verlässlich. Als der Fluss dann all seiner Biotope, Inseln, Schleifen und Umwege beraubt war, da war auch das Gold verschwunden. So ähnlich ist es auch mit dem deutschen Fernsehen: Je effizienter die Strukturen zurechtgehauen wurden, desto hohler wurden die Ergebnisse. Tote Taube in der Beethovenstraße ist wie verborgenes Gold. Ein vergessenes Geschenk an den deutschen Film.
Allein in der puren Anwesenheit Fullers lag schon etwas Befreiendes.
Erst recht in der Art und Weise, wie er bei seiner Exkursion in ehemaliges Feindesland die deutschen Drehorte nutzte. Die Amis mögen mit ihrer Kultur vielleicht »unser Unterbewusstsein kolonialisiert« haben, wie es bei Wim Wenders damals Im Lauf der Zeit (1976) hieß.
Aber der Pragmatismus, die Härte, der grimmige Humor der allerbesten amerikanischen Künstler waren eher eine Energiequelle für uns, eine Katharsis.
Es war so ähnlich wie mit der AFN-Hitparade, mit der man damals durch viele deutsche Sonntagnachmittage fuhr. Es war ein anderes Deutschland, das da zu dieser kalifornischen Musik, diesen Melodien, diesen meistens sehr guten Witzen der Discjockeys am Fenster vorbeiflog. Es waren andere Städte, andere Landschaften und vor allem ein anderes Menschenbild. Mit dem Soundtrack der Amerikaner konnte man eine neue westdeutsche Gesellschaft erahnen, offener und kommunikationsbereiter, in der sich die Leute nach dem Faschismus und nach der RAF endlich wieder in die Augen schauen konnten. Man sah diese Chance aber leider nur bis zur Wende 1989. Und wir wenn es denn überhaupt eine zusammenhängende Generation von Filmregisseuren direkt nach dem Autorenfilm gibt , wir nutzten die Chance in diesen 15 Jahren, von 74 ab, letzten Endes zu wenig. Nach dem November 1989 ging die neue Offenheit allmählich wieder verloren. Und gehen Sie heute mal auf eine deutsche Straße und versuchen Sie, den Menschen in die Augen zu schauen
Fuller starb vor zehn Jahren, am 30. Oktober 1997. Alles, was so groß war an seinem Kino und an dem von Aldrich und Peckinpah , ist leider mindestens ebenso lange mausetot. Trotzdem: Bei allen Thrillern, die man in Deutschland heute noch (und immer noch nur fürs Fernsehen) ausprobieren kann, fühlt man sich so, als würde man dieser von Fuller angebotenen, einzigartigen deutschen Film-Chance bewundernde Fußnoten ins Grab hinterherreichen.
- Datum 28.12.2009 - 15:26 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT Nr.46 vom 08.11.2007, S.58
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren