Kino Übergroßes Begehren

Maria Schrader verfilmt Zeruya Shalevs Roman »Liebesleben«

Alles ist bereit, die Kerze, die Blumen. Und die bunten Bänder, die Jara zum 60. Geburtstag ihres Vaters in die Bäume auf einem Hügel über Jerusalem geknotet hat. Doch die Gäste kommen nicht. Aus dem Wind ist ein Sturm geworden. Er zerrt Jaras Haare unter dem Kopftuch hervor, bauscht ihren langen Rock über den braven Schuhen. Jara rennt durchs Unwetter zum Haus der Eltern. Ein Fremder öffnet ihr – und in diesem Augenblick muss es wohl passiert sein. Das Unerhörte, die Sensation des übergroßen Begehrens! Jara (Natta Garti), die traditionsbewusste Bibelforscherin, ist drauf und dran, ihr ganzes Leben, ihre Karriere, ihr Eheglück aufzugeben. Für diesen fremden, alten, arroganten Kerl namens Arie (Rade Sherbedgia), der im Türrahmen steht. Und genau wie aus dem Wind in solchen Geschichten schnell ein Sturm erwächst, wird aus einem großen Mädchen eine Femme fatale, die mit sehr roten Lippen, hohen Absätzen und saugendem Blick an Aries Türe kratzt.

Maria Schrader hat sich für ihr Regiedebüt keinen leichten Stoff ausgesucht. Zeruya Shalevs Roman Liebesleben, ein Weltbestseller, der allein in Deutschland 750.000-mal verkauft wurde, verschreibt sich der Besichtigung weiblicher Unterwerfungslust. Doch Schraders Hauptdarstellerin scheint zu mädchenhaft für die selbstbestimmte Demütigung, Netta Gartis Sex-Appeal bleibt der einer Kindfrau. Ihr Körper strahlt keine kreatürliche Geilheit aus, sondern lässt eher an die Schlüsselloch-Erotik eines David Hamilton denken.

»Du bist hungrig. Ich bin satt«, sagt Arie einmal zu Jara. Aber die Bilder erzählen davon nichts. Nichts von Aries Langeweile, seinem Überdruss, seiner Misanthropie. Was also zieht die junge Frau wieder und wieder zu diesem egoistischen, alten Leib?

Das monologische Erzählen der Heldin, ihre Neugier und Atemlosigkeit übersetzt Maria Schrader in Bewegungen, die immer wieder ins Leere laufen. Wir sehen Jara eine Straße hoch- oder runterrennen, stolpern und trudeln und erfahren doch wenig von ihrem Ausnahmezustand. Bibel und Moderne, die vergangene Schuld der Mutter und die gegenwärtige Enthemmung der Tochter, Lust und Ernüchterung – nichts will wirklich aufeinanderprallen. Hier gibt es nur Posen, Gesichter und Leiber. Ihre Karambolagen wirken seltsam beziehungslos. Das Experiment dieser Amour fou, die Ungeheuerlichkeit, die sich direkt vor unseren Augen ereignen soll, bleibt eine Behauptung, ein leeres Versprechen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Eklig

    Vermutlich oute ich mich jetzt als Spießer, aber ich fand den Roman eklig und mochte ihn nicht zu Ende lesen.

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  • Serie -
  • Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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  • Schlagworte Film | Literaturverfilmung
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