Pop Junge Frau auf Seelensuche

Selbstbewusst, begabt, sozialkritisch: Die Sängerin Alicia Keys gibt der Soul-Vergangenheit ein zeitgemäßes Gesicht.

Bob Dylan hat ihr auf seinem jüngsten Album Modern Times einen Vers gewidmet: »I was thinking about Alicia Keys / I couldn’t keep from crying / While she was born in Hell’s Kitchen / I was going down the line…« Dass Amerikas großer alter Pop-Poet eine gerade mal dem Teenage-Alter entwachsene Rhythm-’n’-Blues-Sängerin zitiert! Und warum ausgerechnet Alicia Keys? Was hat die 26-Jährige an sich, das ihre Konkurrentinnen in den Charts Amerie, Beyoncé oder Rihanna vermissen lassen? Dylans sentimentale Gefühle für das Mädchen aus dem New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen kommen nicht von ungefähr: Denn wenn Rihanna & Co vornehmlich Fast-Food-Pop für pubertierende Teenager liefern, intoniert die Grammy-gekrönte Sängerin und Pianistin eine zeitlose Melancholie, in der sich nicht nur Dylan, sondern auch Millionen vernachlässigter Soulfans wiederfinden. Alicia Keys komponiert Songs statt Hooklines. Sie besingt große Gefühle statt heißer Clubnächte. Und scheut auch vor metaphysischen Ausflügen nicht zurück. Kurzum: Alicia Keys verkörpert alles Erwachsene, was man in ihrem Genre längst verloren glaubte.

Doch kann der Neo-Soul-Star auch nach 22 Millionen verkauften Alben und ungezählten Gastauftritten noch die Erwartungen an die eigene Einmaligkeit erfüllen? Seit Keys’ Debüt vor sechs Jahren ist viel Wasser den Hudson heruntergeflossen, haben Sängerinnen wie India.Arie, Angie Stone oder Jill Scott dasselbe Rollenfach ins Auge gefasst. As I Am titelt ihr drittes Studioalbum angesichts dieser Ausgangslage selbstbewusst. »Ich habe rebelliert«, hatte Keys den Nachfolger zu den 2003 erschienenen Diaries Of Alicia Keys angekündigt, »und mir Sachen vorgenommen, die keiner erwartete.« Lautstärke, harte Beats oder gar Dissonanzen kann sie damit kaum gemeint haben. As I Am schwelgt in Moll und Melodien. Klassisches Songwriting eben. Alicia Keys hat es sich nicht nehmen lassen, alles selbst zu produzieren – und sich nur gelegentlich von Produzent Kerry Brothers oder Floetry-Songwriterin Marsha Ambrosius zur Hand gehen lassen. Mit warmer Piano-Schlagzeug-Chor-Instrumentierung und einem für ihr Alter erstaunlich geschichtsbewussten Gestus erinnert Keys an eine Gospelvergangenheit, die der am Tropf des Hip-Hop hängende Rhythm’n’Blues inzwischen fast vollständig ausgeblendet hat: Allein das von geschmeidigen Funk-Beats untermalte Go Ahead dürfte als Rhythm-’n’-Blues-Tanznummer durchgehen.

Ansonsten dominiert die gediegene Seelensuche. Wem bei Norah Jones das Adrenalin fehlt, aber Rihanna zu sehr nach Hip-Hop-Kindergeburtstag tönt, der findet in Alicia Keys eine Sängerin, die scheinbar überholte Pop-Rezepte elegant in die Gegenwart hebt. Ihr Eklektizismus spiegelt die eigene Geschichte: klassische Klavierausbildung, die Beatles-Platten ihrer Eltern und die Zähigkeit einer intellektuellen Straßenkämpferin.

Bisher trotzte solch eine Konstellation allen gängigen Rezepten der Musikindustrie: Zwar war das multitalentierte Mädchen von ihrer fürsorglichen Mutter zu Theater-, Tanz- und Klavierunterricht angehalten worden. Auch zeigte Alicia Keys, die als Teenager zur Olympiamannschaft der US-Schwimmerinnen gehörte, in all ihren Bemühungen eiserne Disziplin. Doch der leicht formbare Stoff, von dem Musikproduzenten träumen, war sie nie: Die junge Frau mit den perlengeschmückten Zöpfchen ließ sich nur ungern bevormunden. Stürmte auch mal unter trotzigen Tränen aus dem Studio. Und weigerte sich rundheraus, dem gängigen Image des Rhythm’n’Blues zu entsprechen. So eine konnte man nicht wie die Teenage-Gewinner von Fernseh-Talent-Shows vermarkten. Ihrem heutigen Manager Jeff Robinson war Keys aufgefallen, als sie bei dessen Bruder in der Police Athletic League in Harlem Gesangsstunden nahm. Das stupsnäsige, selbstbewusst auftretende Mädchen konnte nicht nur einen Mary-J.-Blige-Song zum Schillern bringen, Marvin Gaye und Biggie Smalls zitieren, es spielte auch klassisches Klavier. »Seine Songs gehen so tief, sind so voller Leidenschaft«, schwärmt sie in einem Interview – und meint nicht etwa Marvin, sondern my dawg (Frédéric) Chopin. Vier Jahre lang hatte die Musikerin auf das Erscheinen ihres Debüt-Albums warten müssen. Und sie lernte früh ihre Zweifel an den Motiven der Musikindustrie: Interessierte die sich wirklich für die sozialkritischen Gedankengänge einer 16-jährigen Afroamerikanerin? Oder hatte man ihre elfenhaften Gesichtszüge schlicht als Videofutter eingekauft?

Als Fallin’ 2001 weltweit die Charts krönte und Alicia Keys stante pede in die Ahnengalerie klassischen Souls einführte, feierten die Medien das Mädchen als Lichtblick in der Öde des synthetischen Rhythm’n’Blues. Wiedergängerin von Aretha Franklin. Wunderkind des Pop-Humanismus. Dabei war Fallin’ erst nach der persönlichen Intervention von J-Records-Boss Clive Davis in die MTV-Rotation aufgenommen worden. Hatte allein die Patenschaft des Plattenmoguls das Erscheinen ihres Debüts Songs In A-Minor gesichert. Das erzählt einiges über die Erstarrtheit der R-’n’-B-Branche – aber auch über Alicia Keys’ standhafte Weigerung, den Soul von der eigenen Seele zu lösen. Keys, die ihre Mitmusiker mit jungenhaftem Handabklatschen grüßt, der Straßenkultur wegen nach Harlem gezogen ist und für die Autobiografie der nach Kuba exilierten Black-Panther-Veteranin Assata Shakur schwärmt, blieb stets eine unbequeme und unberechenbare Stimme: Statt Stars and Stripes zu schwenken, bekrittelt sie nach den Anschlägen auf das World Trade Center einem Reporter des Rolling Stone gegenüber die »Lügen in dieser Fahne«. Gerade bereiste sie für die Aids-Hilfsorganisation Keep A Child Alive Afrika. Und plant nach Kinorollen als Pistolera in Smokin’ Aces und Scarlett Johannsens Freundin in The Nanny Diaries, eine eigene Fernsehserie mit autobiografischem Bezug zu drehen: über das Aufwachsen eines gemischtrassischen Mädchens im New York der achtziger Jahre.

Dass Alicia Keys sich bisher den Medien gegenüber so bedeckt hält, sie Bikinibilder und Privatoffenbarungen rundum ablehnt, erklärt sich nicht nur aus den Selbstschutzreflexen ihrer Jugend im Scherbenviertel Hell’s Kitchen. Die Nachwuchs-Diva reagiert damit auch auf die Überbetonung des Körperlichen im R’n’B: »Ich kritisiere niemand dafür, sich sexy zu kleiden. Aber da herrscht dieses Missverständnis in Bezug auf die Liebe: Als ob der Sex und nicht die Sinnlichkeit der Schlüssel zu ihren Mysterien wäre.« Erinnert sich noch jemand an den Clip zu ihrem größten Hit Fallin’? Da trat Alicia Keys in einem Bus voll stummer, gesammelter Gesichter die Reise zu ihrem Liebsten an – in den Besucherraum eines Gefängnisses. Auch ihre neuen Songs besingen eine Liebe, die weit über die Wände des heimischen Schlafzimmers hinauswill. Tell You Something etwa beruht auf der Erfahrung, die sie mit dem Tod einer nahen Verwandten machte: »Won’t wait till it’s too late«. Und in Superwoman gospelt sie gegen die Depression des alltäglichen Scheiterns an, die Furcht, den eigenen hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Zu viel Realität für die Seifenblasen-Fabrik namens R’n’B? »Ich fühle mich manchmal, als sei ich im falschen Zeitalter geboren«, sagt Alicia Keys und schwärmt von den Visionen eines Curtis Mayfield, Donnie Hathaway oder der Staple Singers. Auch wenn Keys’ eigene Soul-Utopie noch keine klaren Umrisse trägt, sie soziale Kritik oft in allzu abstrakte Metaphern kleidet: Ihre Haltung ruft schmerzhaft ins Gedächtnis, was Bob Dylan wohl in der jungen Frau mit der alten Seele erkannte – und was Soul einmal bedeutet hat: Selbstrespekt!

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Leser-Kommentare
  1. "Seit Keys’ Debüt vor sechs Jahren ist viel Wasser den Hudson
    heruntergeflossen, haben Sängerinnen wie India.Arie, Angie Stone oder
    Jill Scott dasselbe Rollenfach ins Auge gefasst."
    Jill Scott war schon vorher da:  "Who Is Jill Scott?" aus dem Jahre 2000, von der Roots-Single "You Got Me" aus dem Jahr 1999 ganz zu schweigen. India Arie war mindestens zur gleichen Zeit da, und D'Angelo und Erykah Badu landen ganz unterm Tisch. funkig-kritische Grüße

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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  • Schlagworte Soul | Pop
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