Zunächst bemerkt man von ihr nur die alabasterfarbene Haut, die im Halbdunkel der Bar des Hotels Lutétia leuchtet. Madame Gréco trägt Schwarz, wie man es von ihr erwartet. Dass sie nicht altert, liegt weniger an den Ponyfransen, die ihr bis in die Augen reichen, noch an dem schwarzen Lidstrich, sondern an ihrer Stimme, die verführerisch klingt, selbst wenn sie sich nur danach erkundigt, ob das Aufnahmegerät schon läuft. Vielleicht wirkt sie auch deshalb so jung, weil sie auf jede Frage unvoreingenommen antwortet. Und weil sie anerkennend pfeift, wenn vor ihr eine Frau mit Netzstrümpfen steht.

DIE ZEIT: Wenn Sie Italienerin wären, dürfte ich nicht aussprechen, dass Sie in diesem Jahr Ihren 80. Geburtstag gefeiert haben.

Juliette Gréco: Das Alter hatte für mich nie eine Bedeutung. Ich finde es dumm, gegen das Leben zu kämpfen. Ganz im Gegenteil muss man dankbar sein, 80 Jahre alt zu werden und immer noch den Beruf auszuüben, den man liebt. Reisen zu können, Menschen zu treffen, ein leidenschaftliches und anstrengendes Leben führen zu können.

ZEIT: Sie beschreiben Ihr Verhältnis zum Publikum wie einen Liebesakt.

Gréco: Es ist ein Liebesakt. Er ist physisch spürbar. Es ist die totale Lust. Manchmal herrscht eine bestimmte Stille im Saal – ganz so, als habe man die Zeit angehalten. Als gebe es nichts anderes als uns. Das Publikum und mich. Das ist ein überwältigendes Gefühl. Es ist ein Liebesakt mit einem sehr geheimnisvollen Liebhaber. Mit einem, den man sich nicht ausgesucht hat. Und das war bei mir niemals der Fall. Ich habe mir meine Liebhaber immer ausgesucht. Ich. Was übrigens sehr einfach ist, wenn ein Angebot vorliegt. Kompliziert wird es nur, wenn kein Angebot vorliegt. (lacht) Das Publikum ist also ein Liebhaber, der mich akzeptieren oder auch ablehnen kann.

ZEIT: Und kam es vor, dass man Sie ablehnte?

Gréco: O ja, absolut, als ich jung war. In der Arena von Béziers zum Beispiel, wo ich Vorsängerin für einen Komiker war. Nicht unbedingt naheliegend. Vor allem, wenn man 20 Jahre alt und Anfängerin ist. Es war ein totaler Misserfolg.