Linksaußen, sagt man, seien die Verrückten auf dem Fußballplatz. Ihr Äquivalent unter den Hochleistungsmusikern sind die Klavierspieler. An Verschrobenen fehlt es auch da nicht: Arturo Benedetti Michelangeli nahm sein schweres Instrument stets als Reisegepäck mit; der späte Vladimir Horowitz konzertierte nur zur blauen Stunde; Friedrich Gulda freute sich besonders, als er sich totsagen ließ, aber noch lebte. Kennt jemand Oboisten dieser Art? Andererseits sind das nur Macken und Marotten. Interpretatorische Monstrositäten stellen bei all diesen musikalischen Genies die Ausnahme dar. Im Folgenden aber ist die Rede von wirklicher Exzentrik im Leben und in der Kunst, denn es geht um Ervin Nyíregyházi, 1903 geboren in Budapest, 1987 gestorben in Los Angeles. Und man darf ruhig fragen: Ervin – wer?

Um gleich klarzumachen, dass es sich bei Ervin Nyíregyházi keinesfalls um ein Phantom am Piano handelt, sei ein Brief zitiert, den der grundsätzlich nicht schwärmerisch veranlagte Arnold Schönberg Ende 1935 kurz nach seiner Emigration an den Dirigenten Otto Klemperer schrieb. Klemperer leitete zu dieser Zeit das Los Angeles Philharmonic Orchestra. Schönberg war am Tag zuvor in Pacific Palisades zu einer Soirée eingeladen gewesen und hatte Nyíregyházi erlebt. »Ich muss sagen«, schreibt er, »dass ich einen solchen Pianisten noch nie gehört habe.« Zwar spiele Nyíregyházi nicht den Stil, den Klemperer und er, Schönberg, favorisierten (»was er spielt, ist ausschließlich Ausdruck im älteren Sinn«), doch demonstriere der Ungar eine Klanggestaltung und »Sinn und Maß«, die »unerhört« seien.

Daraufhin kam es zu einem zweiten Vorspiel in Anwesenheit Klemperers. Leider ging es gar nicht gut aus. Nyíregyházi improvisierte zunächst über Franz Liszts Oratorium Christus (nicht Klemperers Geschmack), interpretierte ziemlich pompös Skrjabins Fünfte Klaviersonate (dito), spielte dann Beethovens Opus 111, um mit Chopins b-Moll- Sonate zu enden. Aber Nyíregyházi war Nyíregyházi: – früh gereift, ein Spieler ohne jedwede Anwandlung von Furcht, ein Freak im Frack, ein Rock-’n’-Roller vor der Zeit. Chopin frisierte er einfach um: Er transponierte das Ende der b-Moll-Sonate einen halben Ton tiefer. Er fand diesen Schluss prunkender und wesentlich einleuchtender. Klemperer war entsetzt. Er hielt den Ungarn für einen »unehrlichen« Musiker. Und wer heute jene wenigen Klangzeugnisse anhört, die von Nyíregyházi momentan erhältlich sind, ist zunächst stark versucht zu sagen: Recht hatte er.

Wenn Nyíregyházi mit 75 Jahren in seinem dritten Pianisten-Frühling in San Francisco Wagners Rienzi und Lohengrin paraphrasiert, oder improvisatorisch Verdis Othello mit Leoncavallos Pagliacci irre verschneidet, irritiert nicht nur die bombastische Lautstärke, in der das geschieht, sondern vor allem die Unbekümmertheit, mit der falsche Töne und fragwürdige harmonische Anschlüsse selbstverständlich hingenommen werden. Aber das ist nur ein erster Eindruck. Wer sich nämlich länger auf diese Aufnahmen und speziell auch Nyíregyházis Liszt-Spiel einlässt, fremdelt nicht mehr so arg: Es bleiben Merkwürdigkeiten, aber es überwiegt der seltsame Reiz dieser Interpretationen. Nyíregyházi spielt, als verleihe ihm ein höhere Instanz Gedankenfreiheit. Das wirkt zutiefst gespenstisch. Wer war Ervin Nyíregyházi?

Es ist wohl kein Zufall, dass der kanadische Autor Kevin Bazzana sich jahrelang mit dem Ungarn beschäftigt hat, nachdem er als Biograf so glänzend mit den Winkelzügen von Glenn Gould fertig geworden ist. Hier wie dort erzählt er die Fakten, dass sie sich teilweise wie beste Fiktion lesen; bei beiden Pianisten zieht der Lebensplot geradezu krimiähnlich am Auge des Lesers vorbei. Und im Fall von Nyíregyházi finden sich zusätzlich viele kolportagehafte Elemente.

Dazu gehört schon fast, dass der vierjährige Ervin, Sohn nicht besonders gläubiger Budapester Juden, schnell als Genie gilt. Er hat das absolute Gehör und improvisiert am heimischen Klavier – der Haushalt ist mäßig musikalisch, das Instrument eher Dekor – eigene Lieder. Nyíregyházis besorgen einen Lehrer, es handelt sich um den gleichen, der auch Béla Bartók unterrichtet und noch bei Franz Liszt in die Schule gegangen ist. Der Bub spielt und spielt. Bach liegt ihm weniger, genauso wenig wie erste Übungen in Kontrapunkt. Hingegen bleibt er ein Wunder an Aufnahmefähigkeit. Er speichert Opernbesuche, Konzerterfahrungen und die Inhalte halber Heimbibliotheken.

Es gibt wenig Grund, dies alles nicht zu glauben, denn der Fall Ervin Nyíregyházi ist durch einen namhaften Psychologen dokumentiert. Auf Englisch kann man die Schrift von Géza Révész heute noch einsehen, allerdings ist das Studium der Notate eines, das schwindlig macht. Révész zeichnet das Bild eines manisch kreativen Kindes, das morgens um sechs Uhr aufwacht, um sich sofort ans Komponieren zu machen. Der Psychologe trifft auf einen Präzisionsfanatiker, der sich übertrieben genau ausdrückt (eine Manie, die er lebenslang beibehält), schon sehr zeitig an Selbstüberschätzung leidet, wohl aber alles in allem die Liebenswürdigkeit selbst ist. Die Studie erscheint 1916 in Leipzig, wird ein Klassiker auf ihrem Gebiet, findet aber nicht den Beifall des Analysierten. Seine wahren Gefühle, sagt Nyíregyházi viel später, habe er dem Doktor eh nicht verraten.

Unterdessen ist Ervin zum Liebling der Budapester Salons avanciert. Er wird herumgereicht, auch im Ausland. 1911 konzertiert er im Buckingham-Palace vor Queen Mary und dem zukünftigen König Edward VIII. Es ist alles ein bisschen wie bei Mozart; auf den Fotos erkennt man ein sehr dünnes Kind mit Augen wie Murmeln und großen, abstehenden Ohren. So erlebt ihn auch Berlin, wo Nyíregyházi auf »Kollegen« wie Wilhelm Backhaus, Artur Schnabel und Ferruccio Busoni trifft. Mit den Berliner Philharmonikern spielt er 1915 (zwölfjährig!) Beethovens c-Moll-Konzert. Und er verfällt obsessiv den Werken Franz Liszts, was sein Lehrer Ernst von Dohnányi mit täglichem Transponieren des Wohltemperierten Klaviers zu bekämpfen sucht. Hatte Liszt, ein Ungar wie er, nicht auch die Regeln des Klavierspielens neu erfunden? Ervin Nyíregyházi geht daran, Rekorde aufzustellen.

Er konzertiert ununterbrochen. Sein Repertoire ist unfassbar: Beethoven, Schumann, Brahms, Tschaikowsky, wenig Mozart, dafür Chopin Grieg, Debussy, Sibelius und so fort. Und natürlich: Liszt. Unterdessen stirbt der Vater, die Mutter kann den Sohn nicht halten. Vorzeitig wird er für volljährig erklärt und nach Amerika geschickt. Die Familie denkt, es sei Ervin Nyíregyházis wirklicher Beginn im Künstlerleben. Er selber empfindet es anders: Er spürt den »Anfang vom Ende«. Über fünf Jahrzehnte zieht es sich hin.

Zunächst ist die Carnegie Hall bei Nyíregyházi-Auftritten mehrmals ausverkauft, aber tatsächlich leidet er unter dem Rummel. Von seinen Managern wird er sofort fallen gelassen, als er sich weigert, Aufnahmen für die damals aufkommenden automatischen Klaviere anzufertigen. Fortan gerät er an falsche Berater und Freunde, die keine sind. Intellektuell verfällt er nach Franz Liszt einem weiteren Menschen, den Maßhalten nicht gerade ausgezeichnet hat – Oscar Wilde. Nyíregyházi lebt erst über seine Verhältnisse und dann lange Zeit nur noch unter seinem Niveau. Er schläft in der U-Bahn, konzertiert nur noch ab und zu vor wenigen Leuten. Klavierspielen ist schon lange nicht mehr seine einzige Droge. Er wird süchtig nach Alkohol und Frauen. Zehn Mal insgesamt heiratet er, hat unzählige Liebschaften, wechselt die Küste, arbeitet beim Film – down and out in Hollywood. Siedelt wieder um nach Europa und kommt zurück nach New York. Ein Ruheloser, ewig Unverstandener, der sich allerdings auch nicht verständlich machen will. Immer wieder komponiert er wie in Fieberschüben. Tausende von Werken landen in der Schublade. Einmal versucht er ein Comeback und tritt 1946 in Los Angeles auf. Er trägt eine Gesichtsmaske, wird als »Pianist X« verkauft und spielt Schostakowitsch, Rachmaninow und Liszts Mephisto-Walzer. Das Publikum ist hingerissen.

Vier Jahrzehnte lang hält er dem Leben als Sozialfall stand. Als er Ende der siebziger Jahre ein paar Schallplattenaufnahmen machen kann, flackert noch einmal auf, wie Ervin Nyíregyházi in seinen frühen Jahren gelodert haben muss. Manche, wie der Kritiker der New York Times, Harald C. Schonberg, hören die Lebensgeschichte hinter der Musik mit; andere, wie der Kollege Vladimir Ashkenazy, empfinden ihn als peinlichen »Witz«, seine Interpretationen als langsame, schwülstige, verdruckste, selbstverliebte Meditationen. Eine größere Fangemeinde huldigt Ervin Nyíregyházi zuletzt in Japan. Noch einmal gibt er den letzten Romantiker, als den er sich stets betrachtet – ein Unzeitgemäßer. Er stirbt an Krebs, am 8. April 1987. Ervin Nyíregyhazi bleibt – ein Riesenrätsel.

Kevin Bazzana: Pianist X. Die Lebensgeschichte eines exzentrischen Genies, Schott Verlag, 400 S., 24,95 €
Zwei CDs von Ervin Nyíregyházi sind unter www.amazon.com erhältlich. Schott plant die Veröffentlichung einiger Mitschnitte für das Frühjahr


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