Zur Geburtsstätte der Globalisierung pilgert man in einer Badehose. Schließlich ist der Kappad Beach ein tropisches Strandparadies. Auch würde ein Besucher in vollständiger Kleidung schnell bis auf die Knochen durchweichen. Alle paar Stunden zieht an diesem wolkenverhangenen Monsuntag ein Sturm herauf, dann fliehen die Fischer und ihre Fußball spielenden Kinder in die Häuschen zwischen den Palmen, und der Indische Ozean spült schaumig-weiße Gischt an Land. Zwei oder drei Minuten noch, dann prasselt ein warmer Wasserfall vom Himmel und verwandelt den Sand in Morast.

Von »Regengüssen und Gewittern, die unablässig auf die Küste und auf uns niedergingen« berichtete schon ein anonymer Seefahrer, der 1498 mit Vasco da Gama die Malabarküste abwärts segelte. Eine moosgeschwärzte Betontafel markiert heute die Stelle, an der er schließlich den Anker warf: Am Strand von Kappad eben, unweit des Städtchens Kalikut im Südwesten Indiens gelegen. Die Seefahrt des portugiesischen Königsgesandten, sein zehnmonatiger caminho duvidoso um das Kap der Guten Hoffnung und durch das Arabische Meer, überwand damals das Monopol arabischer Händler auf den See- und Landrouten nach Indien. So traten die Europäer des 15. Jahrhunderts in die Globalisierung ein – die wirtschaftliche Verflechtung der Welt durch den Handel, die Wanderung von Menschen und Investitionen in ferne Länder.

Allerdings stießen sie recht spät zu dieser Party. Als Vasco da Gama in Kappad landete, war die Malabarküste schon jahrtausendelang ein interkontinentales Handelszentrum. Ein Treffpunkt chinesischer Dschunken und arabischer Daus, ein Drehkreuz von Gewürzrouten, die im Osten weiter nach China, Indonesien oder in die Archipele der Südsee führten, im Westen zur arabischen Halbinsel und durch das Rote Meer nach Afrika. Der globalisierteste Strand der Welt.

Viel hatte das mit dem Monsunregen zu tun. Ein paar Stunden landeinwärts, an den Hängen des Westghats-Gebirges, ließ das feuchte Klima schon immer den besten schwarzen Pfeffer der Welt gedeihen. Epoche für Epoche hatte dieser Reichtum Phönizier, Griechen und Römer angelockt, Araber und Ägypter, Chinesen und Mongolen, Christen und Juden, Seefahrer aus Sumatra und Ceylon. In den Häfen von Malabar tummelten sich höfische Gesandte und gentleman adventureres auf der Suche nach Ruhm und Abenteuern und jenen schweren Pfefferkörnern, die in ihrer Heimat so wertvoll waren wie pures Gold.

Chilischoten: der süßliche Duft einer frisch geöffneten Packung Kartoffelchips. Ingwer: der schwere Karamellgeruch einer Portion warmer Zuckerwatte. Schwarzer Pfeffer: holzig und herb und so scharf beißend, dass man den Kopf abwendet und an die frische Luft fliehen will. AG Mathew lacht und fällt in seine liebste Rolle: die des Dozenten über alles, was mit Gewürzen zu tun hat. »Das Geheimnis des Pfeffers ist, dass er gar kein Gewürz im eigentlichen Sinn ist«, sagt er. »Was wir als Schärfe wahrnehmen, ist eher eine Stressreaktion des Körpers.«

Man glaubt ihm das sofort. Der 72-jährige Doktor der Lebensmittelchemie, der mit vollem Namen Attokaran George Mathew heißt und seinen Vornamen nach indischer Gewohnheit mit zwei Initialen abkürzt, hat 28 Jahre lang in staatlichen Forschungszentren für die Gewürzkunde gearbeitet. Vor ein paar Jahren wechselte er zu einer Firma namens Plant Lipids am Stadtrand der Hafenstadt Cochin. An deren Produktionsanlagen der gedrungene Mann in seinem grauen Anzug gerade halsbrecherisch herumklettert. Mit leuchtenden Augen erklärt er Gewürz für Gewürz, Aromawolke für Aromawolke. Aber die Stahlgerüste und Silotrommeln, die vielen Rohre, Stellhebel und zischenden Töpfe lassen eher an ein Chemiewerk denken als an einen Marktführer im Gewürzeexport.

Plant Lipids exportiert Gewürze auf fortgeschrittene Art. Gigantische Gewürzmühlen aus Stahl zerdrücken oder zerhacken die angelieferten Kerne, Nüsse und Schoten, Transportbänder kippen sie in ein Lösungsmittelbad aus Alkohol oder Aceton. Nach Stunden oder Tagen werden die giftigen Stoffe wieder herausgewaschen, und Arbeiter entfernen die Feststoffe mit einer Art Mistgabel aus den Trommeln. Bei dieser Behandlung schrumpfen beispielsweise 30 Kilo Chilischoten auf ein Kilo dickflüssiges Extrakt zusammen, das schließlich, in blauen Plastikeimern versiegelt, auf Lastwagen verladen und in den Hafen gefahren wird. Ein Viertel aller indischen Gewürzexporte läuft heute auf diese Weise ab.