Globalisierung Die Welt ist ein Markt

Globalisierung ist ein altes Phänomen. Sie begann vor 500 Jahren am Kappad Beach. In dem indischen Palmenparadies zeigen sich bis heute die Folgen des Handels ohne Grenzen

Zur Geburtsstätte der Globalisierung pilgert man in einer Badehose. Schließlich ist der Kappad Beach ein tropisches Strandparadies. Auch würde ein Besucher in vollständiger Kleidung schnell bis auf die Knochen durchweichen. Alle paar Stunden zieht an diesem wolkenverhangenen Monsuntag ein Sturm herauf, dann fliehen die Fischer und ihre Fußball spielenden Kinder in die Häuschen zwischen den Palmen, und der Indische Ozean spült schaumig-weiße Gischt an Land. Zwei oder drei Minuten noch, dann prasselt ein warmer Wasserfall vom Himmel und verwandelt den Sand in Morast.

Von »Regengüssen und Gewittern, die unablässig auf die Küste und auf uns niedergingen« berichtete schon ein anonymer Seefahrer, der 1498 mit Vasco da Gama die Malabarküste abwärts segelte. Eine moosgeschwärzte Betontafel markiert heute die Stelle, an der er schließlich den Anker warf: Am Strand von Kappad eben, unweit des Städtchens Kalikut im Südwesten Indiens gelegen. Die Seefahrt des portugiesischen Königsgesandten, sein zehnmonatiger caminho duvidoso um das Kap der Guten Hoffnung und durch das Arabische Meer, überwand damals das Monopol arabischer Händler auf den See- und Landrouten nach Indien. So traten die Europäer des 15. Jahrhunderts in die Globalisierung ein – die wirtschaftliche Verflechtung der Welt durch den Handel, die Wanderung von Menschen und Investitionen in ferne Länder.

Allerdings stießen sie recht spät zu dieser Party. Als Vasco da Gama in Kappad landete, war die Malabarküste schon jahrtausendelang ein interkontinentales Handelszentrum. Ein Treffpunkt chinesischer Dschunken und arabischer Daus, ein Drehkreuz von Gewürzrouten, die im Osten weiter nach China, Indonesien oder in die Archipele der Südsee führten, im Westen zur arabischen Halbinsel und durch das Rote Meer nach Afrika. Der globalisierteste Strand der Welt.

Viel hatte das mit dem Monsunregen zu tun. Ein paar Stunden landeinwärts, an den Hängen des Westghats-Gebirges, ließ das feuchte Klima schon immer den besten schwarzen Pfeffer der Welt gedeihen. Epoche für Epoche hatte dieser Reichtum Phönizier, Griechen und Römer angelockt, Araber und Ägypter, Chinesen und Mongolen, Christen und Juden, Seefahrer aus Sumatra und Ceylon. In den Häfen von Malabar tummelten sich höfische Gesandte und gentleman adventureres auf der Suche nach Ruhm und Abenteuern und jenen schweren Pfefferkörnern, die in ihrer Heimat so wertvoll waren wie pures Gold.

Chilischoten: der süßliche Duft einer frisch geöffneten Packung Kartoffelchips. Ingwer: der schwere Karamellgeruch einer Portion warmer Zuckerwatte. Schwarzer Pfeffer: holzig und herb und so scharf beißend, dass man den Kopf abwendet und an die frische Luft fliehen will. AG Mathew lacht und fällt in seine liebste Rolle: die des Dozenten über alles, was mit Gewürzen zu tun hat. »Das Geheimnis des Pfeffers ist, dass er gar kein Gewürz im eigentlichen Sinn ist«, sagt er. »Was wir als Schärfe wahrnehmen, ist eher eine Stressreaktion des Körpers.«

Man glaubt ihm das sofort. Der 72-jährige Doktor der Lebensmittelchemie, der mit vollem Namen Attokaran George Mathew heißt und seinen Vornamen nach indischer Gewohnheit mit zwei Initialen abkürzt, hat 28 Jahre lang in staatlichen Forschungszentren für die Gewürzkunde gearbeitet. Vor ein paar Jahren wechselte er zu einer Firma namens Plant Lipids am Stadtrand der Hafenstadt Cochin. An deren Produktionsanlagen der gedrungene Mann in seinem grauen Anzug gerade halsbrecherisch herumklettert. Mit leuchtenden Augen erklärt er Gewürz für Gewürz, Aromawolke für Aromawolke. Aber die Stahlgerüste und Silotrommeln, die vielen Rohre, Stellhebel und zischenden Töpfe lassen eher an ein Chemiewerk denken als an einen Marktführer im Gewürzeexport.

Plant Lipids exportiert Gewürze auf fortgeschrittene Art. Gigantische Gewürzmühlen aus Stahl zerdrücken oder zerhacken die angelieferten Kerne, Nüsse und Schoten, Transportbänder kippen sie in ein Lösungsmittelbad aus Alkohol oder Aceton. Nach Stunden oder Tagen werden die giftigen Stoffe wieder herausgewaschen, und Arbeiter entfernen die Feststoffe mit einer Art Mistgabel aus den Trommeln. Bei dieser Behandlung schrumpfen beispielsweise 30 Kilo Chilischoten auf ein Kilo dickflüssiges Extrakt zusammen, das schließlich, in blauen Plastikeimern versiegelt, auf Lastwagen verladen und in den Hafen gefahren wird. Ein Viertel aller indischen Gewürzexporte läuft heute auf diese Weise ab.

Nur so sind Gewürze nämlich heute als moderne Massenprodukte am Weltmarkt zu vertreiben. Die Lebensmittelindustrie, ob Kraft oder Nestlé, bezieht sie am liebsten in dieser Form. Konzentrate lassen sich preiswert transportieren, sie überstehen auch ruppigere Methoden der Lagerung und des Transports. Vor allem ist ihre Zusammensetzung klar vermessbar: AG Mathew kann seinen Kunden genaue Auskunft über die Farbe und die Schärfe geben, die Süße und die Zusammensetzung Hunderter weiterer Geschmacksstoffe, die sich in Gewürzen finden. Wie ein Alchemist beherrscht er die Kunst, aus indischen Chilis die Schärfe herauszunehmen, damit der gewonnene Extrakt süß schmeckt wie roter Pfeffer aus Spanien. Er kann sogar aus minderwertigen Muskatnüssen Delikatessen machen. »Für einen Koch ist das Würzen eine Kunst«, sagt er mit der distanzierten Art, die Forschern zu eigen ist, »aber für die Lebensmittelchemie ist es eine Wissenschaft.«

Für Mathew ist es auch eine Selbstverständlichkeit, dass längst nicht alle Gewürze, die bei Plant Lipids verarbeitet werden, aus den Plantagen der Region stammen. »Broken, wormy and punky« wünsche er sich seine Muskatnüsse, sagt er und kann darüber herzhaft lachen. Zerbrochen, wurmstichig und modrig. Sein Lieblingswitz und trotzdem nah an der Realität. Warum sollte Mathew teures Geld für perfekt geformte Nüsse zahlen, wenn er ihren edlen Geschmack auch billiger hinbekommt? »Selbst unseren Pfeffer kaufen wir am liebsten in Sri Lanka«, verrät der Gewürzexperte. Dort wachsen verschrumpeltere Körner. Aber sie können preiswerter gepflanzt und geerntet werden.

Das Land, in dem der Pfeffer wächst, hat also den Anbau von Gewürzen outgesourct. Selbst ferne Länder wie Vietnam und Nigeria liefern heute Gewürze nach Malabar, damit Firmen wie Plant Lipids sie dort weiterverarbeiten können. Sie folgen der eisernen Logik des Weltmarktes. Dinge werden eingekauft, wo sie in der besten Qualität oder zum günstigsten Preis hergestellt werden können. Für Gewürzextrakte gilt das wie für Fernseher und Kleinwagen, Duschgel und Wintermützen, Spielzeugpuppen und Rasierapparate.

Es ist die weltweite Anwendung eines Grundsatzes, den die Urväter der Wirtschaftswissenschaft formuliert hatten. Adam Smith im späten 18. Jahrhundert und David Ricardo im frühen 19. Jahrhundert. Für den Wohlstand der Nationen sei es am besten, wenn die Menschen keine Generalisten und Selbstversorger blieben. Sie sollten Spezialisten werden und untereinander Güter tauschen. Am Ende würde dann jeder die Tätigkeit ausüben, die er am besten beherrscht.

Im Kern hat diese Lehre bis heute überlebt. Doch nie wurde sie so eifrig befolgt wie heute. Wir leben im Zeitalter der Turbo-Globalisierung. Transporte sind billiger als je zuvor, die Kommunikationsmöglichkeiten größer. Politiker haben Zölle gesenkt und andere Handelsschranken fallen lassen. Der Welthandel hat sich seit 1980 verfünffacht. 55 Prozent aller Waren und Dienstleistungen, die irgendwo auf der Welt entstehen, werden gehandelt.

Die meisten Leute sind dadurch wohlhabender geworden. Adam Smith und David Ricardo hatten das also richtig vorausgesagt. Allerdings profitierten nicht alle. Große Bevölkerungsgruppen verloren ihre Arbeit an Konkurrenten in fernen Ländern und fanden keine neue. Globalisierungskritische Gruppen wie Attac erleben heute regen Zulauf, Demonstranten gehen für die Entflechtung der Welt auf die Straße. Die Globalisierung mag nichts Neues sein, doch die Geschwindigkeit des Wandels ist vielen Menschen unheimlich geworden.

Wer heute die Malabarküste entlangfährt, passiert die Hafenstädte Mangalore, Kalikut, Cochin und Quilon, entdeckt kilometerlange einsame Strände und ein weit verzweigtes Netz dschungelüberwachsener Brackwasserkanäle und Flüsse. Er stolpert auch ständig über Spuren, die die Händler vergangener Epochen hinterlassen haben. Vor den Toren von Cochin graben sie gerade die Reste eines legendären Hafens der Antike aus, Muziris aus der Römerzeit. Zumindest sind die Archäologen zuversichtlich, dass Hunderte von Amphorenscherben und römischen Münzen ihnen den richtigen Weg gewiesen haben.

Man kann auch durch die Altstadt von Mattancherry laufen und in die Innenhöfe lugen, wo alte Männer in weißen Roben Ingwer und Pfefferkörner zum Trocknen auf Sackleinen auslegen. So mag es hier schon zugegangen sein, als in Europa tiefstes Mittelalter war. Wenn man ein bisschen weitergeht, finden sich nah beeinander eine Moschee, eine Synagoge und ein Tempel der Jains aus Gujarat. Am nahen Flussufer, wo gelegentlich ein Containerschiff auf seiner Fahrt in den modernen Hafen von Cochin vorbeizieht, sind bis heute chinesische Fischernetze in Betrieb. Der Überlieferung zufolge waren sie Geschenke vom Hof des Kublai Khan, Zeichen der Wertschätzung unter Handelspartnern.

Noch etwas weiter, und man entdeckt Überreste jener Neuerungen, die die Europäer brachten: die imposante St. Francis Church im Fort Cochin, aber auch Befestigungsanlagen und Kanonen. Paläste für korrupte Maharadschas, die solche Bauten im Gegenzug für ihre Gefügigkeit akzeptierten. Das prunkvolle Handelshaus der englischen Gesellschaft Aspinwall, das selbst aussieht wie ein Palast. Bald nachdem Vasco da Gama am Kappad Beach vor Anker gegangen war, kehrten die Portugiesen nämlich mit noch mehr Kanonenschiffen zurück, erzwangen gewaltsam die Kontrolle über den Handel mit der Malabarküste. Es folgten Epochen der Kolonialherrschaft unter Portugiesen, Niederländern und Engländern.

Den Landstreifen entlang der Malabarküste nennt man heute Kerala. Er ist ein vergleichsweise wohlhabender Bundesstaat der indischen Republik. Auf den ersten Blick ist das schwer zu erklären: Es gibt hier nur wenig Industrie, die Produktivität ist niedrig, die Äcker sind zerstückelt. Entwicklungsökonomen haben immer wieder das Rätsel vom »Kerala-Phänomen« untersucht, sie lobten mal die guten Schulen und mal die kommunistische Regierung. Doch die beste Erklärung ist die Globalisierung.

Zwar wäre der Export von Gewürzen und Kokosnussfasern, Gummi und Kaffee zu klein, um allein den Wohlstand in Kerala zu erklären. Aber die Globalisierung war immer schon mehr als Gütertausch. Entlang der Handelsrouten verbreiten sich auch neue Ideen und Techniken. Kapital wurde um die Welt transferiert, Handelsposten und Produktionsstätten in fernen Ländern begründet, um dort günstige Rohstoffe oder fähige Arbeitskräfte nutzbar zu machen. Wo Staaten es erlaubten, zogen die Menschen selbst in die Ferne und arbeiteten dort, wo ihre Fertigkeiten am dringendsten gebraucht wurden. Die Leute von Kerala haben das genauso gemacht wie türkische Gastarbeiter, die zu uns nach Deutschland kamen.

In jeder Stadt entlang der Küste von Malabar kann man heute Plakatwände sehen, auf denen Produkte, Immobilien oder Geldanlagen für »NRIs« angeboten werden. Das sind »Non Resident Indians«, Inder, die im Ausland arbeiten. »Unter den indischen Gastarbeitern ist eine Mehrheit aus Kerala«, sagt GK Nair, ein örtlicher Wirtschaftsreporter der Zeitung The Hindu. Fast jeder Haushalt hat hier ein Familienmitglied, das für ein paar Jahre an den Persischen Golf zieht, um auf Ölbohrplattformen zu arbeiten, als Sekretärinnen in den Werbeagenturen Dubais oder als Computerfachkräfte im fernen Amerika. Überweisungen von NRIs in ihre Heimat machten zuletzt ein Viertel des Einkommens im Staat Kerala aus.

Der Infopark ist nur ein paar Kilometer vom Stadtzentrum Cochins entfernt, aber das Taxi braucht fast eine Stunde. Geduldig umkurvt der Fahrer regengefüllte Schlaglöcher, Hunde, Handkarren und die Statue des Maha Rama Varma, um schließlich in eine gigantische Baustelle einzubiegen. Erst blickt man auf fünf Bürotürme, noch in Rohbeton. Am hinteren Ende sind die Gebäude aber schon fertig. An einem steht »Outsource Partners International«, das blaugrau verspiegelte Glas leuchtet in der Sonne wie das Arabische Meer. Nebenan ein cremefarbener Bau, die Niederlassung der Firma Wipro.

Wipro ist eine der größten Outsourcing-Firmen Indiens. Sie verdient ihr Geld mit der modernsten Form des Handels, die die Globalisierung hervorgebracht hat: Dienstleistungen bei fernen Kunden, mit denen die Wipro-Mitarbeiter über Satelliten, Unterseekabel, Computer und Telefone verbunden sind. In Callcentern beantworten sie Kundenanfragen für amerikanische und europäische Banken, über das Internet warten sie die Kassen- und Lagerhaltungscomputer amerikanischer Supermarktketten. 2006 setzte der Konzern 3,4 Milliarden Dollar um.

»Sie stehen im am schnellsten wachsenden Standort Wipros!«, sagt JK Sanjay. Er ist hier mit 38 Jahren der Chef und führt stolz durch die nagelneuen Großraumbüros. Es riecht nach frischem Kiefernholz und Klebstoffen, auf manchen Bildschirmen sieht man Maschinencodes, auf anderen Mikroskopdarstellungen von Leiterplatinen. »Heute erwarten die Kunden immer mehr von uns«, fügt er noch hinzu. »Sie wollen jetzt schon, dass wir ihre Computersysteme komplett entwerfen und aufbauen.«

Dafür braucht Wipro Leute. Viele Leute. Die sind inzwischen sogar in Indien schwer zu finden. Wipro geht daher an 120 indischen Colleges auf Rekrutenjagd, und die Firma baut an immer entlegeneren Orten ihre Niederlassungen auf. Auch in Cochin, 14 Autostunden von Bangalore entfernt. Hier lassen sich noch viele qualifizierte Leute mit der Aussicht locken, für ein indisches Unternehmen zu arbeiten und weiter zu Hause in der Nähe der Familie zu leben. Premy Varghese ist einer von ihnen. Ein Ingenieur, geboren in Cochin, der gerade etwas gehetzt aus einem Besprechungszimmer eilt. Er gerät schnell ins Plaudern.

Wie viel er über die Welt gelernt habe, seit er im Geschäft mit dem Outsourcing angefangen hat! Über die Japaner zum Beispiel, mit denen er zu tun hat, seit er im vergangenen Herbst dort zu einer Kundenfirma reiste und ein neues Projekt besprach. »Die haben diese Einstellung, dass alles gleich beim ersten Mal perfekt sein muss«, erzählt er, »darum sprechen sie lange Zeit alle Aspekte einer neuen Entwicklung durch.« Auch über die Deutschen weiß er Bescheid, die seien »ebenfalls gründlich, aber weniger streng als Japaner«. Dann lacht er und fügt hinzu, als müsse er etwas Versöhnliches sagen: »Dafür sind die Deutschen flexibler.« Man merkt es gleich, Leute wie Premy Varghese sind die neue Avantgarde der Globalisierung.

Es musste ja so kommen: Die Geburtsstätte der Globalisierung hat den Handel des 21. Jahrhunderts entdeckt. Und die Kosmopoliten der Malabarküste werden daran wieder prächtig verdienen.

Literatur zum Thema:

Dani Rodrik: One Economics, Many Recipes
Globalization, Institutions, and Economic Growth;
Princeton University Press 2007; 278 S., 34,– €

Le Monde Diplomatique (Hg.):
Atlas der Globalisierung

taz-Verlag 2007; 240 S., 25,– €

Gernot Giertz (Hg.): Vasco da Gama.
Die Entdeckung des Seeweges nach Indien
Ein Augenzeugenbericht 1497–1499;
Heyne 1980; 230 S., nur noch antiquarisch

Elmar Altvater et. al. :
Der Sound des Sachzwangs

Der Globalisierungs-Reader;
Blätter Verlagsgesellschaft 2006; 272 S., 12,– €

Paul R. Krugman und Maurice Obstfeld:
Internationale Wirtschaft

Theorie und Politik der Außenwirtschaft;
Pearson Studium, 7. aktualisierte Auflage 2006; 874 S., 49,95 €

 
Leser-Kommentare
  1. Zitat:"Globalisierung ist ein altes Phänomen. Sie begann vor 500 Jahren am Kappad Beach in Indien. Dort zeigen sich bis heute die Folgen des Handels ohne Grenzen."

    Die Geschichte der Globalisierung begann nicht erst vor 500 Jahren mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama. Die Globalisierung ist ein viel älteres Phänomen, das sich bis in die Antike zur Zeit der römischen Kaiser zurückverfolgen lässt.

    Mit dem Römischen Reich, das sich auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung über drei Kontinente erstreckte (Europa, Afrika und Asien), schufen die Römer den ersten transkontinentalen, voll integrierten, nach kapitalistischen Prinzipien funktionierenden Wirtschaftsraum der Menschheitsgeschichte.

    Nachlesen kann man das in dem neuesten Buch des britischen Historikers Bryan Ward-Perkins, "Der Untergang des Römischen Reiches und das Ende der Zivilisation". Siehe hierzu auch die sehr lesenswerte Buchrezension von Rainer Hank in der FAZ: Antike Globalisierer

    • lef
    • 08.11.2007 um 14:06 Uhr

    Zitat schon zu Beginn.:"Die Seefahrt des portugiesischen Königsgesandten, sein zehnmonatiger caminho duvidoso
    um das Kap der Guten Hoffnung und durch das Arabische Meer, überwand
    damals das Monopol arabischer Händler auf den See- und Landrouten nach
    Indien. So traten die Europäer des 15. Jahrhunderts in die
    Globalisierung ein...."Natürlich war das, was die arabischen Händler taten, globalisierter Handel - was denn sonst?Aber da "Globalisierung" ja etwas Kritisierbares ist, können so etwas natürlich nur Europäer tun - das kennt man ja auch von der "Zeit".Im wahrsten Sinne des Wortes kann "Globalisierung"  nur so definiert werden, wenn wirklich die ganze Welt umspannt wird, und das war erst mit der Einbindung der bis dato nicht bekannten Erdteile der Fall.Wenn also Theoretiker der "Alten Welt" von Globalisierung reden, dabei aber nur die damals bekannte Welt im Sinn haben, ist das nur Ausdruck ihrer eigenen Beschränktheit. 

  2. Vielen Dank für die ersten Kommentare zu meinem Beitrag in "Wissen dieser Welt". Tja, wann hat die Globalisierung begonnen? Meist enden solche Diskussionen etwas fruchtlos, weil sie sich letztlich um die Bedeutung eines Wortes drehen: Was versteht der jeweilige Diskussionsteilnehmer unter "Globalisierung"?
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    Jedenfalls danke an winterhart für den Literaturtipp über den Handel der alten Römer. Ich hatte Ähnliches im Sinn, als ich nach Malabar fuhr: In meinem Beitrag (lesen! nicht nur die Überschrift!) beschreibe ich, wie dort vor der Ankunft da Gamas seit Jahrtausenden Handel getrieben wurde, mit einem beachtlichen Teil der Welt. Gleich in der Nähe der Hafenstadt Cochin graben Archäologen gerade einen römischen Seehafen aus, und überall an der Küste finden sich Spuren dieser arabisch-jüdisch-gujarati-südindischen Handelskultur, die vor den Portugiesen blühte. Die Überschrift über dem Beitrag war also durchaus etwas spitzbübisch gemeint.
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    Doch gibt es ja gute Gründe dafür, 1498 und die Ankunft der Portugiesen an der Malabarküste als den Beginn des modernen Welthandels festzulegen, wie es so viele Historiker tun. Er baute eben nicht auf einer der Kulturen auf, die schon früher Handel trieben. Er baute auf der Handels- und Wirtschaftskultur des Abendlandes auf und viel später auf ihrer neuen Spielart in Nordamerika. Eurozentrisch? Klar, lef, aber aus offensichtlichen Gründen.
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    Das wäre also meine Anregung für die Debatte: Dass es am Ende gar nicht so spannend ist, den ältesten oder urältesten Welthändler aufzuspüren - aber sehr spannend, genauer hinzusehen und sich zu fragen, was die Unterschiede solcher unterschiedlicher Globalisierungsepochen waren.
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    Als die Portugiesen nach Malabar kamen, verschwand sehr schnell die alte, dezentral, vergleichsweise offene Handelskultur an dieser Küste. Sie wurde ersetzt durch eine Art des wirtschaftlichen (und kulturellen) Austauschs, der von Kanonenschiffen zur See und Befestigungen zu Land gesichert war. Da begann die Phase der Kolonisierung. Es war ein besonderer, vielleicht nicht unbedingt sympathischer Modus der Globalisierung.
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    Was wir heute sehen, ist wieder anders. Internationale Konzerne sind heute die treibenden Kräfte der Globalisierung. Eine ihrer wichtigsten Neuerungen war es, Produktionsketten - also jene langen Wege von der Rohstoffbeschaffung über seine Herstellung bis zur Vermarktung - in viele Teile zu zersplittern. Da werden für einen neuen Turnschuh erstmal Marktforscher in die Bronx geschickt, da rühren Chemiewerke in Idaho und Delhi Gummipaste an, da kleben Chinesen die einzelnen Schuhteile zusammen, in London entsteht die Werbekampagne und so weiter. Entsprechend treffen die Konzerne ihre Standortentscheidungen nicht mehr nur für einzelne Produkte, sondern getrennt für jeden Zwischenschritt !
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    Hat es das auch schon immer gegeben?

  3. Es geht es um Industrialisierung des ganzen Globus. Diesen Vorgang zu beschreiben, ist der, aus geschichtlicher Pespektive gesehen, richtige Ansatz für den Artikel zur Globalisierung. Und schaut man mit klassisch Marx´scher Begrifflichkeit hin, dann beginnt es immer und überall damit:  "Die Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauen von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses". Das, was sich noch in verschiedenen Summierungen von vorkapitalischen Strukturen in den Ländern und Gesellschaften zeigt, wird überstülpt durch eine kapitalistische Industriegesellschaft. Es ist ein Bruch, den Marx als ursprüngliche Akkumulation bezeichnet; und die beiden, Negt und Kluge, als "zentrale Kategorie eines jeden Geschichtsverlauf, der zur Industrie führt".  Fast fatalistisch sprechen sie von diesem Bruch auch wie von einer Chiffre, die in allen Prozessen, die zu einer kapitalistischen Industriegesellschaft führen, wiederzuerkennen ist. Die Neuzeit in Europa trägt das Datum des Beginns der Industrie als neuer Produktionsweise. Oft wird vergessen, dass wir hier in Europa zugleich auch eine neue Auffassung von "Geschichte" entwickelten, die plötzlich machbar wurde. Deshalb viel Erfolg für Deinen Artikel zum im Diskurs-ranking hoch stehenden Begriff. Mir würde es gefallen, wenn es schon um eine Welt geht, wenn eine andere Einheit auch an dieser Stelle Erwähnung finden würde: " Nicht die Einheit der lebenden und tätigen Menschen mit den natürlichen, und unorganischen Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur - bedarf der Erklärung oder ist Resultat eines historischen Prozesses, sondern die Trennung zwischen diesen unorganischen Bedingungen des menschlichen Daseins und diesem tätigen Dasein, eine Trennung, wie sie vollständig erst gesetzt ist im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital."Wenn der liebe Karl doch  plakativer schreiben würde; aber naturwissenschaflich und philosophisch nichts dran auszusetzten.

  4. Oder schafften sie sich, in der Vorverhütungsära, einfach immer nur mehr Kinder an, als wie von der eigenen Landwirtschaft hätten ernährt werden können - und die begrenzten landwirtschaftlichen Flächen und natürlichen Ressourcen sind ja schon sehr lange in Beschlag genommen, also nicht erweiterbar - auch in Indien. Die überzähligen Männer und Frauen mussten dann entweder in Klöster, in Kriege, in die Verwaltung, Bildung etc., den Überbau also, und dann eben auch in die Industrie, wo sie ein eigenes solides wirtschaftliches Standbein, eine eigene tragfähige Familiengründungs-Perspektive, hatten und haben.  Die Bauern mussten also nicht enteignet werden, auch nicht bei der Industrialisierung der Landwirtschaft. Gerade auch in Indien gibt es ja wohl bis heute noch viele Kleinbauern, selbst im hochzivilisierten Deutschland oder Frankreich gibt es heute davon noch welche.  Man verlässt hier heute die Höfe auch schon mal, weil man in den Städten z.T. mit dtl. weniger aufwendiger Arbeit zu mehr Reichtum kommt - nicht aber wegen einer direkten Enteignung.  (Habe Marx nun aber nicht gelesen, deshalb vielleicht ja auch missverstanden?) Gerade allerdings die vermeintlichen Nachfolger von Marx, die Realsozialisten, haben die Bauern ja in erheblichem Umfange wirklich gewaltsam enteignet.  Aber sicher gab und gibt es dies auch anderswo. Wer die besseren Waffen hat, mit weiterentwickelten Kulturen zusammenarbeitet, der nutzt diese Übermacht dann wohl gern auch dazu. 
    Diesen Zeit-Beitrag, aber gerade auch dem letzten Kommentar finde ich gut, danke für beide. Allerdings sieht man, und das fehlte mir hier dann doch, gerade auch bei der Globalisierung gern nur die positiven Wirkungen, nicht all die diversen negativen Auswirkungen, gerade auch für die "Umwelt", die Biosphäre, aber eben auch die lokalen Gesellschaften und Kulturen.  Ja, wir haben heute mehr als genug zu essen - allzu Viele bekommen davon aber Diabetes und Adipositas, ja, wir können exotische Tiere und Früchte essen - haben aber auch fremde Einwanderer in Flora und Fauna und neue Krankheiten und Probleme bekommen - die man z.T. nicht mehr aus der Welt schaffen kann, z.T., wie ja wohl beim Klima, nur  noch begrenzen kann.   Der große Fortschritt war also ein relativer, das Wichtigste ist vielleicht die Globalisierung der modernen Verhütungsmittel - zu deren Herstellung und (weltweiten) Vertrieb man aber eben auch die moderne industrielle Zivilisation und die Globalisierung braucht.   
    Das Hauptproblem der Globalisierung ist ja die fehlende einheitliche und stringente "Marktordnung", die nur ein wirklicher Weltstaat herstellen könnte. Den wollen die meisten aber nicht, wahrscheinlich, weil man sich so eingesteht, dass die biologische Diversifizierung, nach der wir Jahrhunderte-lang unbewusst ja doch auch strebten, damit letztlich zu Ende ist - bzw. wäre. Auch die Vision des  "Einheitsmenschen", der Durchmischung aller Ethnien, könnte unsere Fortpflanzungs-Kraft zum erlöschen bringen - scheint mir. Kein Volk setzt sich ja wirklich für einen wirklichen Weltstaat ein, obwohl der globale Markt dieses Umfanges dies eigentlich erfordern würde.

  5. Er bewirkt aber schon heute, dass, kurzfristig zumindest, immer mehr Menschen immer sicherer und - relativ - Natur-unabhängiger leben können. Aber eben auch immer Natur-entfremdeter leben müssen, (nicht immer, aber oft, ist der Druck ja ein indirekter, erliegt man also den Verlockungen der Vorteile). Entfremdet ist der Mensch von der umgebenden aber auch von einem Teil der eigenen Natur - also nicht nur im Marx`schen Sinne...!
    Alles hat halt seinen Preis - auch die Errungenschaften der menschlichen Zivilisation haben diesen. Am Ende profitieren wirklich alle Menschen diese Welt davon - da sind aber eben auch alle Menschen entfremdet, ist ihnen diese Welt und das eigene Leben fremd geworden - trotz all der modernen technischen Kommunikationsmöglichkeiten...  

  6. Hmm, stimmt das denn wirklich, dass "man" heute überall auf das Positive der Globalisierung schaut? Oder dass wir Journalisten das tun? Mir scheint doch, dass beide Perspektiven viel Gehör finden, zumindest bei uns in der ZEIT (schauen Sie auch nochmal in die umfangreiche Archivsammlung zu meinem Stück).
    Umweltprobleme: Völlig klar, manche Aspekte der Globalisierung sind sicher ein Problem für die Umwelt, schon weil das viele Transportieren und Reisen CO2 Abgase in die Luft bläst. Andere mögen gut sein, etwa die Verbreitung umweltfreundlicher Technologien in Ländern, die gerade schnell wachsen (Windräder für China). Was kommt heraus, wenn man das alles aufaddiert? Ich weiß es nicht.
    Entfremdung: Ich würde immer fein unterscheiden, schon rein aus Verständnisgründen, zwischen der "Globalisierung" und anderen Entwicklungen. Sonst sucht man sich nachher die falschen Schuldigen. Die Ausbreitung und Vertiefung des Kapitalismus, auch die Industrialisierung in Schwellenländern sind nicht das Gleiche wie die Globalisierung, auch wenn sie in der Praxis eng zusammen wirken. Aber man könnte sie sich auch ohne die Globalisierung ausmalen.
    @ TobiasWerner in Sachen Weltregierung: Kann einigen Ihrer Argumente nicht recht folgen, aber klar: Ein Aspekt der Globalisierung ist schon in der Vergangenheit die Internationalisierung bestimmter Regierungs- und Verwaltungsaufgaben gewesen. Bräuchte man dafür aber eine Weltregierung?
     

  7. Diese Floskel schlägt jede genauere Betrachtung tot. Für den, der nicht genau hinsehen mag. Deshalb hat Thomas Fischermann recht, wenn er rhetorisch fragt: "Entsprechend treffen die Konzerne ihre Standortentscheidungen nicht mehr nur für einzelne Produkte, sondern getrennt für jeden Zwischenschritt. Hat es das auch schon immer gegeben?"
    Nein, natürlich nicht. Möglich wird es durch das Zusammenspiel von Informatisierung und Deregulierung, überwiegend. Oder, Tom?

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