Man soll ja nicht alles glauben, was man in fernen Ländern erzählt bekommt, aber NR Pai ist eine besonders vertrauenswürdige Person. Der Chef der Handelsgesellschaft Aspinwall hat sein Büro im ersten Stock eines gelb gestrichenen Palastes, trägt seine silbringen Haare als wohl coiffierte Locken, und hat gleich zum Gesprächsbeginn exzellente Manieren gezeigt, als er mit einem Klick unter dem Schreibtisch die Klimaanlage einschaltete. Es ist ein besonders schwüler, heißer Tag am Rand des Hafens von Cochin. Einem Arm, der aus der Mode gekommen ist, wo nur noch ab und zu ein Öltanker oder ein Containerschiff vorbeiziehen. In den 1950er Jahren lag hier das Zentrum des Geschäftslebens. Heute sind die meisten Firmen der Gegend, die noch aus der Blütezeit der englischen Kolonialherrschaft stammten, bankrott. "Nur Aspinwall hat die Prüfungen der Zeit bestanden", erklärt feierlich der Firmenchef Pai. Was aber auch daran lag, dass die örtliche Maharadschafamilie Rama Varma im großen Stil Aktien kaufte und damit eine lebenswichtige Kapitalspritze besorgte.

So viel zu Pai und Aspinwall. Jetzt zu der Geschichte, die er unbedingt loswerden möchte: Der Legende vom Monsunkaffee. "Als in früheren Zeiten der Kaffee von der Malabarküste nach Europa gebracht wurde", erzählt Pai, "lag er oft wochenlang den Elementen ausgesetzt auf den Segelschiffen". Salzluft, Monsunregen, die Kälte des Kaps der Guten Hoffnung, dann wieder die Hitze entlang der Küste Afrikas. Der Suezkanal war im 17. Jahrhundert, als erstmals Kaffee in Indien angebaut wurde, noch nicht gebaut. Für die empfindlichen Bohnen war das eine Tortur. Sie sind dafür bekannt, dass sie allerlei Geschmacksstoffe aus ihrer Umwelt aufnehmen können. "Doch so waren die Europäer eben ihren Kaffee gewohnt", sagt Pai. "Und als später schnellere Schiffe und schonendere Formen des Transports entwickelt wurden, wunderten die Leute sich. Warum schmeckte der Kaffee so völlig anders?"

Man merkt schon, worauf das hinausläuft: Aspinwall exportiert heute wieder Monsunkaffee. Die Lieferanten der Firma ernten erst die Kaffeebohnen und stecken sie dann in spezielle Lagerhäuser. Offen an den Seiten, ausgesetzt den Elementen. Die Bohnen saugen die Feuchtigkeit des unerbittlichen Regens von Malabar auf, nehmen statt des üblichen Grüns eine blasse weiße Farbe an, werden dann getrocknet. Am Ende sind sie etwas größer als normale Bohnen und viel leichter. Zuletzt werden sie geröstet, aber nicht zu sehr, und schmecken dann ganz merkwürdig. Enthalten wenig Säure, sind überhaupt nicht scharf, erinnern ein wenig an Schokolade, ein wenig an Tabak, schmecken je nach Sorte sogar ein wenig modrig und schimmlig. "Ein romantischer Kaffee, der Erinnerungen an vergangene Jahrhunderte weckt", sagt Pai über seine Röstbohnen aus der Zeitmaschine, und was sollte er auch anderes behaupten? "Toll für Espressos und Toffees", fügt er noch hinzu.

Über Geschmacksfragen lässt sich sowieso schreiben, über die wirtschaftlichen Aspekte hingegen viel besser. Der Monsunkaffee ist ein Erfolg. Bei Kaffeeketten wie Starbucks sucht man die exotischen Bohnen bislang vergeblich ("Wir kaufen in Indien überhaupt keinen Kaffee ein", war in der Essener Starbucks-Pressestelle zu erfahren), aber in der sehr viel feineren Kaffeerösterei in der Hamburger Speicherstadt wird man fündig. Dort kann man zum Beispiel nach "Indien Monsooned Malabar AA" fragen. Diese Sorte kommt direkt über das Meer von der Firma Aspinwall und ist für 8,50 Euro das Pfund auch noch recht günstig. Zumal der Inhaber Thimo Drews auf gewisse Qualitätsmasstäbe pocht. "Die dürfen nicht schimmeln!" sagt er. "Das ist ganz wichtig. Der Kaffee soll im Monsun nass werden, darf aber keinen Schaden erleiden".

Thimo Drews hat überhaupt seine eigene Theorie darüber, warum der Monsunkaffee von der Malabarküste es in die moderne Zeit geschafft hat. "Ich denke mir, dass das mal ein Unfall war", sagt er. "Da ist wahrscheinlich mal eine Ladung Kaffee nass geworden, und sie haben diese wunderschöne historische Geschichte darüber erzählt. Da war der Kaffee nicht mehr nässebeschädigt, sondern monsooned". Doch er lacht, und eigentlich wisse er es auch nicht, gibt er zu. "Ich kenne diesen Kaffee schon, seit ich in diesem Geschäft bin", sagt er.