An Paul von Hindenburg scheiden sich bis heute die Geister. Während Historiker wie Karl Dietrich Bracher und Heinrich-August Winkler über seine Rolle als Reichspräsident der Weimarer Republik, insbesondere während ihrer Untergangsphase, mit schneidender Schärfe urteilten, dominierte bei einem Verehrer wie Walther Hubatsch die devote deutsch-nationale Phrase. Der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta hingegen nähert sich seinem Gegenstand ohne die Absicht, ihn noch einmal verdammen oder gar verklären zu wollen. Vielmehr gilt sein Hauptinteresse einem analytischen Problem: Wie kann man die Herrschaftsfunktion dieser Persönlichkeit, damit aber auch den Mythos um den militärisch letztlich völlig gescheiterten Feldmarschall, der es trotzdem nur sieben Jahre nach der Kriegsniederlage zum Präsidenten der Republik brachte, 80 Jahre nach seinem Tod angemessener als bisher interpretieren, um diese Schlüsselfigur der deutschen Zeitgeschichte endlich umfassender zu verstehen. Denn eins ist klar: Ohne Hindenburgs Entscheidung, Hitler den Weg in das Berliner Herrschaftszentrum freizugeben, wäre die deutsche, ja die globale Geschichte nach menschlichem Ermessen anders verlaufen.

Pyta hat keine Biografie im herkömmlichen Stil geschrieben, die den Lebenslauf ihres »Helden« in den Mittelpunkt stellt. Seine Leitperspektive, sein erkenntnisleitendes Interesse im weiten Sinn, lenkt den Blick vorrangig auf die Analyse der Herrschaftsausübung durch eine im Grunde eher mediokre Figur, von der aber eine außerordentlich weitreichende symbolpolitische Wirkung ausging. Sie zehrte sogar von einem zugeschriebenen Charisma, dem keineswegs das extraordinäre Talent eines personalen Eigencharisma zugrunde lag.

Diese folgenreiche methodische Entscheidung des Autors führt dazu, dass die Darstellung eine eigenartige, aber rundum überzeugende Textur gewinnt. Sie verbindet nämlich alle biografischen Informationen, die zum Verständnis Hindenburgs unerlässlich sind (und dank einer unermüdlichen Quellensuche sind sie hier aufschlussreicher als je zuvor versammelt), mit scharfsinnigen analytisch-systematischen Erörterungen der deutschen politischen Kultur, die Hindenburg so verblüffend weit emportrug, der Herrschaftsproblematik, der Charismawirkung. Im Kern rücken daher die gesellschaftliche und politische Verfassung der Reichsdeutschen, ihr politischer Habitus, ihre politische Mentalitätstradition, ihr politisches Strukturdilemma in das Zentrum der Studie, die diese Konstellationen durch das Prisma der Persönlichkeit Hindenburgs erfasst. Dass ihr das derart hervorragend gelingt, macht die eigentliche Innovation des Buches aus.

Der 1847 in eine preußische Offiziersfamilie geborene Hindenburg hatte als junger Berufsoffizier die Bismarckschen Kriege von 1866 und 1870/71 aktiv miterlebt. Ihr Ergebnis prägte seither sein Weltbild: Nationale Einheit und Größe blieben seine unangefochtenen Zentralwerte. Er durchlief eine durchaus respektable militärische Karriere, die ihn nicht nur auf den Generalsrang, sondern sogar in die Nähe der Position des Generalstabschefs vorrücken ließ. Trotz aller Belesenheit und pragmatischen Intelligenz erreichte er aber nicht das Maß einer herausragenden Persönlichkeit. Ohne das begehrte Ziel des Schlieffen-Nachfolgers erreicht zu haben, wurde er pensioniert. Doch kurz darauf erlebte er, im Ruhestand in Hannover, den Ernstfall: den Kriegsbeginn im Sommer 1914. Sofort bemühte er sich um seine Reaktivierung, die ihm dank der Protektion durch Berliner Gönner schließlich auch gelang. Sein erstes Kommando war der Oberbefehl über die deutschen Verbände in Ostpreußen, wo russischen Truppen ein überraschender Einbruch in das Reichsgebiet gelungen war. Dort brauchte man einen Kommandeur mit guten Nerven und Standvermögen.

Mit dieser Entscheidung waren die Weichen für seine Zukunft gestellt. Denn dank der exzellenten Stabsplanung Erich Ludendorffs, fortab sein Alter Ego, an der Hindenburg nicht den geringsten Anteil hatte, gelang es, mit einem hoch riskanten Unternehmen der deutschen 8. Armee die russischen Invasoren an den Masurischen Seen zu schlagen. Nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans an der Westfront und der verheerenden Wirkung der verlorenen Marneschlacht wirkte der Sieg in Ostpreußen als ein erster lang ersehnter militärischer Höhepunkt, der allein den Fähigkeiten Hindenburgs zugeschrieben wurde. Um ihn bildete sich in der deutschen Öffentlichkeit geradezu über Nacht der Mythos des souveränen Schlachtensiegers, obwohl das eigentliche Verdienst ganz und gar seinem Stab gebührte.

Hindenburgs Verhalten in Ostpreußen wird von Pyta mit unüberbietbarer Nüchternheit geschildert: Der alte Herr schläft sich tagtäglich aus, macht einen Morgenspaziergang, legt sich nach dem Mittagessen wieder zwei Stunden hin, empfängt Bewunderer oder geht auch auf dem Höhepunkt von Krisen gelassen auf die Jagd, lädt zu einer mehrstündigen Abendtafel ein – und zwischendurch findet er auch einige Minuten für seinen Stab mit der stereotypen Frage, ob weiterhin alles gut laufe. Alle wesentlichen Planungsideen und operativen Entscheidungen stammten von Ludendorff, fanden allerdings auch immer Hindenburgs Billigung.

Während die Aura um Hindenburg zunahm, unterstützte er auf einem ganz anderen Gebiet als dem militärischen Alltagsgeschäft sein wachsendes Prestige. Von ihm stammte der Vorschlag, künftig von der Schlacht bei Tannenberg zu sprechen (obwohl der Ort vom Schlachtfeld weit abgelegen war), um die symbolische Korrektur jener vernichtender Niederlage auszudrücken, die der Deutsche Orden 1410 durch ein polnisches Heer erlitten hatte – Hindenburg, der Slawenbezwinger, das vertiefte seinen Nimbus. Unentwegt empfing er einen Maler und Publizisten nach dem anderen, sofern sie bereit waren, an dem Mythos des militärischen Genius mitzuwirken. Ein denkbar passiver Militär, der aber zielbewusst an der Ausdehnung seiner Herrschaft über die Geister arbeitete. Dafür entwickelte er ein auffälliges Sensorium und Geschick, das vorher keiner an ihm bemerkt hatte.