Plätzchen für IMs
Eine Straßenbahn rattert vorbei, irgendwo bellt ein Hund, Glockengeläut ist zu hören, Kinder, ein Flugzeug, Vögel und Wind. So hört sich das normale Leben an, wenn man durch Erfurt geht. Wie durch Watte, verlangsamt und verzerrt, sind die gleichen Geräusche auch im dortigen Kunsthaus zu hören. Sie liegen als Tonspur unter den Videos der Engländerin Pam Skelton. Fassade für Fassade, Bild für Bild, blendet sie die Ansichten von Erfurter Häusern auf. Der Betrachter sieht die Stadt der Gegenwart und steht zugleich in ihrer Vergangenheit. Auf jedem Videobild gibt es einen Code, die Bezeichnung für eine konspirative Wohnung der Staatssicherheit. In diesen Wohnungen trafen sich Führungsoffiziere und IMs. Wie die Spitzel trugen auch die Trefforte Namen - sie hießen »Rose« oder »Nelke«, »Gitta Frenzel« oder »Paul Dunkel«, »Schiene« oder »Prag«.
Conspiracy Dwellings nannten englische und deutsche Wissenschaftler und Künstler ihr Ausstellungsprojekt, mit dem sie das heute Unsichtbare sichtbar machen wollten. Zeitgleich zur Eröffnung hatte der Initiator Joachim Heinrich eine Internetseite freigeschaltet, auf der zu sehen ist, wo es in Erfurt geheime Trefforte gab. 483 rote Quadrate stehen für ebenso viele »konspirative Wohnungen« (KWs), verteilt über die ganze Stadt. Was die Kunst allein nicht geschafft hätte, die Internetseite holte das Thema zurück ins Bewusstsein der Stadt.
In den aufgeräumten Spießerhöllen wird das Politische peinlich
Wenn Joachim Heinrich von München nach Erfurt fährt, begibt er sich auf eine Zeitreise, zurück in seine Vergangenheit, die er 1989 hinter sich ließ. Für den Mathematiker ist jeder Gang durch Erfurt ein bisschen wie »Ich sehe was, was du nicht siehst«. Mühelos kann er in seinem Kopf ein Netz der Orte über den Stadtplan legen, an denen das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Erfurt konspirative Wohnungen unterhielt. Von der Allerheiligenstraße 11 bis zur Zentralstraße 22 ließe sich das ganze Alphabet durchbuchstabieren.
2006 hat Heinrich mit zwei Jenaer Historikern eine Broschüre veröffentlicht, Geheime Trefforte des MfS in Erfurt.
Vor 20 Jahren leitete Heinrich in Erfurt eine Umweltgruppe. Weil die Stasi Oppositionelle dahinter vermutete und Verbindungen zu kirchlichen Kreisen, geriet die Gruppe ins Visier des MfS. Insgesamt 20 IMs wurden auf Heinrichs Gruppe angesetzt. Systematisch wurden die Mitglieder ausspioniert, berufliche Misserfolgserlebnisse organisiert, Männer zum Reservedienst bei der NVA eingezogen, gar Gerüchte über vermeintliche IM-Tätigkeit oder die Untreue des Partners gestreut.
»Wir ahnten, dass wir beobachtet wurden, haben das aber verdrängt«, sagt Heinrich heute. Mancher, der vom MfS psychisch sehr unter Druck gesetzt wurde, hat die Gruppe verlassen, um für die Stasi uninteressant zu sein.
Das MfS setzte auch Schlüssel-IMs ein, die beruflich erfuhren, was die Umweltgruppe unternahm. Ingrid M. war als IM »Inge Lange« Stellvertretende Oberbürgermeisterin und verantwortlich für Umwelt, Wasserwirtschaft, Erholungswesen. Etwa die Hälfte aller Eingaben betrafen Müllbrände, giftigen Rauch oder Lärmbelästigungen durch ein Kieswerk und fielen somit in ihr Ressort. Doch statt die Missstände zu beseitigen, gab Ingrid M. die Namen der Eingabenschreiber sofort an die Staatssicherheit weiter. » Der IM erschien pünktlich zum vereinbarten Treff«, lobt ihr Führungsoffizier. Sie hatten sich am 24.
Februar 1988 früh, wie auch sonst, von 6.25 bis 7.30 Uhr in der KW »Schiene« getroffen, Bahnhofsstraße 1. Die IM »Inge Lange« wollte gleich einen ganzen Katalog von Vorschlägen unterbreiten, wie die Stasi der Umweltgruppe beikommen könne.
»Mich hat der Glaube, dass man die Gesellschaft ändern könne, erst spät verlassen«, sagt Heinrich. Als Egon Krenz im Juni 1989 das Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens guthieß, stellten die Heinrichs einen Ausreiseantrag.
Wie piefig das war, was in den KWs ablief, lässt sich in einem Interview nachlesen, das Heinrich und der Historiker Heinz Bestrup mit dem Stasioberst Horst-Jürgen Seidel geführt haben. Er hatte als Stellvertreter Operativ der Bezirksverwaltung Gera des MfS selber Gespräche in konspirativen Wohnungen geführt. Wenn die Wohnung von den regulären Mietern verlassen war, wurde als Zeichen die Gardine zurückgezogen oder ein Blumentopf platziert. Vor allem aufgeräumt musste die KW sein, erzählt Seidel, Kaffee und Plätzchen sollten vorhanden sein. Dann wurde hereingebeten. » Man setzte sich, bot etwas an, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen.« Der Führungsofizier fragte »nach persönlichen Dingen, nicht nur, um das Gespräch zu eröffnen, sondern weil wir uns wirklich darum gekümmert haben. Dann ging es um Auftragserteilung, Berichterstattung.«
Liest man das, werde man »gründlich ernüchtert«, sagt Friederike Tappe-Hornbostel von der Bundeskulturstiftung. » Nicht die Spur einer Faszination des Grauens. Wir verdanken den Überwachungsagenten der DDR eine spezifische Entzauberung der Geheimdiensttätigkeit: Wenn das Politische privat wird, ist das Peinliche nicht weit. Das Politische muss sich kleinmachen, um in die privaten Räume, die Spießerhöllen zu passen.«
In einem Hochhaus am Erfurter Juri-Gagarin-Ring verfügte die Stasi gleich über mehrere konspirative Wohnungen. » Unbefugten Zutritt nicht gestattet«, steht am Eingang. » Meine Kunst liefert keine Zuordnung«, sagt die Künstlerin Pam Skelton. » Je genauer die Zuordnung, desto höher die Gewissheit, dass keine Unschuldigen bezichtigt werden«, kontert Hildigund Neubert, die Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen. Das Ziel der Visualisierung der KWs war nicht, individuelle Trefforte hervorzuheben, sondern den pathologischen Überwachungswahn zu veranschaulichen. » Wir befinden uns jetzt in einer Art Zwischenzeit«, sagt im Kunsthaus Tely Büchner. » Es ist genügend Zeit vergangen, um das Thema Staatssicherheit nicht mehr ganz so emotional zu behandeln. Aber es ist noch nicht lange genug her, dass es uns gleichgültig ist.« 1991 hatte Büchner das Kunsthaus mitgegründet. 1989 gehörte sie zu denen, die mit der Besetzung der Stasibehörde dafür sorgten, dass die Akten erhalten blieben. Jetzt kommen viele, um sich anzusehen, wo die Stasi-KWs waren. Und manche entdecken dabei auch die Kunst.
»Das ist die Sprengkraft des Ortes«, sagt Heinrich. » Wir haben kein Gedächtnis für Strukturen, auch nur bedingt für Chronologien, aber die Orte, die merken wir uns.« In der Berliner Straße 10, dritte Etage rechts, beispielsweise, war unter der Nummer 091166 beim MfS eine konspirative Wohnung registriert. Ob all das eigentlich datenschutzrechtlich abgesichert sei, fragte die Thüringer Allgemeine alsbald. Wer etwas gegen seine Nennung habe, müsse klagen, hieß es.
Doch kein IM klagte. Dafür meldete sich eine Frau Fränzel, die entsetzt festgestellt hatte, dass es eine Stasiwohnung gab, die ihren Namen trug: Gitta Frenzel, nur eben mit e. » Wer sich auskennt«, versuchte Hildigund Neubert zu beruhigen, »der weiß: Wenn der Deckname Gitta Frenzel lautet, ist Gitta Fränzel jedenfalls nicht die inoffizielle Mitarbeiterin, die ihre Wohnung zur Verfügung gestellt hat.«
Der letzte geheime Treffpunkt wurde erst nach dem Mauerfall akquiriert
483 Quadrate auf dem Stadtplan von Erfurt. Jedes steht für eine konspirative Wohnung. Einige kennt auch Verena Kyselka, die künstlerische Leiterin des Erfurter Projektes, aus ihren Akten und denen ihres Vaters, der als Klinikdirektor wegen »staatsfeindlichen Menschenhandels« inhaftiert wurde. Auch die Tochter wurde bespitzelt.
In einer »Operativen Personenkontrolle«, unter dem Namen »Pigment«. In ihrer Wohnung hatte sie Ausstellungen veranstaltet, Fotos davon fanden sich bei der Stasi. Als die Malerin ihre Akten gelesen hatte, ließ sie sich ein T-Shirt drucken, auf dem stand: »Pigment«. Das war ihre Reaktion auf die IMs. » Wenn ich von alldem nicht aus den Akten erfahren hätte, die IMs hätten mir das nicht gesagt!« Als Künstlerin interessiere sie inzwischen mehr, was damals wirklich passiert sei.
»Ich habe keine Feindbilder.« Welcher Interpretationsraum blieb zwischen dem, was der IM seinem Führungsoffizier in der konspirativen Wohnung berichtete, und dem, was der danach aufschrieb? Und was geschieht mit uns, wenn wir die Beobachter beobachten?
2004 fand sich in der Berliner Birthler-Behörde die Kopie einer Erfurter Stasikartei mit der Bezeichnung »F78«, die Kartei der konspirativen Wohnungen. Die erste KW in dieser Kartei wurde ein Jahr vor dem Mauerbau geworben, die letzte, mit dem Namen »Dorn«, am 15.
November 1989, da war die Mauer bereits weg. Das Original der Kartei hatte der Erfurter Stasi-Chef Josef Schwarz rechtzeitig vernichten lassen. Am 4. Dezember 1989 verschafften sich mutige Erfurter Zutritt zur Stasibezirksbehörde und damit zu den Akten. Schwarzer Rauch war aus dem Schornstein der Stasibehörde aufgestiegen. Doch vieles konnte gesichert werden. Bislang ist Erfurt die einzige DDR-Großstadt, von der man weiß, wieviele konspirative Wohnungen es dort gegeben hat und wo sie lagen.
Wo die Stasi sich zu Hause fühlte, wird heute besonders viel PDS gewählt
Wer nur wissen will, ob da was in der Nachbarschaft war, dessen Interesse erlahmt schnell. Manche sind erleichtert, andere empört. Was wollen sie damit erreichen, 17 Jahre nach dem Ende der DDR?
»Geschichtslehrer umgehen das Thema Staatssicherheit gern«, sagt Andrea Herz, Mitarbeiterin der Thüringer Landesbeauftragten, »weil sie nicht wissen, welche politische Einstellung die Eltern ihrer Schüler haben.« Und so freut sie sich, als eine Deutschlehrerin mit ihrer 12.
Klasse in die Ausstellung Conspiracy Dwellings kommt. Über die Stasi wissen die Schüler wenig. Also sucht sie einen Anknüpfungspunkt und erzählt den Schülern, dass es in der DDR auch vorkam, dass Menschen wegen eines Buches verfolgt wurden, etwa Orwells 1984.
Stasi-Seite muss vom Netz, titelte das Freie Wort Suhl Ende Oktober.
»Datenschutz stoppt Veröffentlichung geheimer MfS-Trefforte in Erfurt«. Manche IMs dürften gejubelt haben. Allerdings zu früh.
Vorschnell hatte das für den nicht-öffentlichen Datenschutz zuständige Thüringer Landesverwaltungsamt eine Pressemitteilung herausgegeben.
Heinrich war lediglich um Stellungnahme gebeten worden. Der Bundesverband der Verfolgten der Stalinistischen Diktatur protestierte, die Landesbeauftragte Neubert stellte sich vor Heinrich.
Inzwischen ist die Website wieder am Netz, mit zwei kleinen Veränderungen. Wer Adressen eingibt oder den Stadtplan anklickt, der bekommt die konspirativen Wohnungen auch jetzt angezeigt, doch die Fotos mit den Hausfassaden sind verschwunden. Und neben jeder Adresse steht: » Mit der Benennung der konspirativen Wohnungen wird lediglich gezeigt, wie, wo und in welchem Umfang die Staatssicherheit in einer Zeit von 1980 bis 1989 tätig war. Eine Aussage über die heutigen Bewohner einer solchen Wohnung ist damit nicht verbunden.«
Wer Heinrichs umfängliche Materialsammlung genau liest, stößt jedoch auf eine beiläufige Bemerkung. In den Vierteln von Erfurt, in denen es besonders viele KWs gab, war bei der vorigen Bundestagswahl der Stimmenanteil der PDS besonders hoch, während die CDU dort nicht punkten konnte. Die Schlüsse aus dieser Berechnung überlässt der Mathematiker gern seinen Lesern.
Heinrich Best, Joachim Heinrich, Heinz Mestrup (Hrsg.): Geheime Trefforte des MfS, Erfurt 2006, ISBN: 3-932303-50-4 - www.stasi-in-erfurt.de
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.46 vom 08.11.2007, S.56
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